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Ryan Adams '29' (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ryan Adams '29'
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Einfach nur Schaffenswut oder schon Selbsttherapie? Ryan Adams veröffentlicht mit «29» sein drittes Album in sieben Monaten.

Von Sascha Woltersdorf

Weniger ist mehr – diese weit verbreitete Philosophie auf den eigenen musikalischen Output anzuwenden, liegt Ryan Adams mindestens so fern wie ein Meteoritenkrater auf der dunklen Seite des Mondes. Innerhalb von fast sieben Monaten hat der Über-Kreative insgesamt 43 Songs auf vier CDs veröffentlicht. Zwei davon sind im Mai als Doppelalbum unter dem Titel «Cold Roses» als Sammlung von 19 wundervollen Alt-Country-Stücken erschienen.

Paukenschlag zum Schluss
Im September ging es mit den 15 Songs auf «Jacksonville City Nights« noch tiefer in den Country, so richtig auf die Wälder, Wiesen und Äcker der ur-amerikanischen Musik. Das neue, jetzt im Januar kommende Album bestellt wieder ganz andere Furchen: »29« ist ein Solo-Werk, das Internet-Gerüchten zufolge aus neun jeweils neun Minuten langen Stücken bestehen sollte.

Ein hartnäckiges Gerücht. Wohl niemand wollte angesichts einer solch herrlichen Legendenbildung wie ein Buchhalter nachrechnen, dass die insgesamt 81 Minuten gar nicht auf eine Audio-CD gepasst hätten. Tatsächlich sind es knapp 50 Minuten geworden – und ein glänzender Abschluss der Trilogie.

»29« beginnt mit dem Titelstück, das nichts anderes zu sein scheint als ein schnelles Ablenkungsmanöver aus Rockabilly und bluesgetränkten Riffs, die einem John Lee Hooker würdig wären. Dann beginnt das eigentliche Album, das Ryan Adams einmal mehr als den großen Melancholiker mit der paradoxen Gabe zeigt, die Schwermut in leichte Balladen zu verwandeln.

Mythos neun Minuten
Wie sanfte Geister schweben die eigentlichen ersten drei Stücke des Albums in die Höhe, und als einziges kommt «Strawberry Wine» sogar in die Nähe der gemunkelten neun Minuten. Der ebenfalls großartige Rest muss diese Stimmung nur noch weiter tragen, aufgelockert durch die ein oder andere Countryrock-Nummer. Kurz: Ein exzellentes Album, Ausblutungserscheinungen sind nicht zu hören.

Aber muss man wegen der manischen Kreativitätsschübe und dem todesdrohenden Sensenmann auf dem Cover nun Angst um den 31-Jährigen haben? Wohl nicht, seine Schaffenswut dürfte eher der Selbsttherapie dienen. Als vor gut zwei Jahren das kurz zuvor eingespielte Doppelalbum »Love Is Hell« von der Plattenfirma – so will es die Legende – als zu depressiv abgelehnt wurde, gab es als Antwort eine dritte Platte mit trotzigem Gitarrenkrach und dem unmissverständlichen Titel »Rock’N’Roll«.

29 Jahre alt war Adams damals. Zufall, dass das mit Abstand rock’n’rolligste und obendrein noch das Album eröffnende Stück »29« heißt? Fragt sich nur, gegen wen oder was diesmal rebelliert wird. Die Anzahl der vom Label akzeptierten Veröffentlichungen kann es diesmal wirklich nicht sein.

Ryan Adams: «29» (Lost Highway/Universal)