Der Über-Kreative
Weniger ist mehr diese weit verbreitete Philosophie auf den eigenen musikalischen Output anzuwenden, liegt Ryan Adams mindestens so fern wie ein Meteoritenkrater auf der dunklen Seite des Mondes. Innerhalb von fast sieben Monaten hat der Über-Kreative insgesamt 43 Songs auf vier CDs veröffentlicht. Zwei davon sind im Mai als Doppelalbum unter dem Titel «Cold Roses» als Sammlung von 19 wundervollen Alt-Country-Stücken erschienen.
Ein hartnäckiges Gerücht. Wohl niemand wollte angesichts einer solch herrlichen Legendenbildung wie ein Buchhalter nachrechnen, dass die insgesamt 81 Minuten gar nicht auf eine Audio-CD gepasst hätten. Tatsächlich sind es knapp 50 Minuten geworden und ein glänzender Abschluss der Trilogie.
»29« beginnt mit dem Titelstück, das nichts anderes zu sein scheint als ein schnelles Ablenkungsmanöver aus Rockabilly und bluesgetränkten Riffs, die einem John Lee Hooker würdig wären. Dann beginnt das eigentliche Album, das Ryan Adams einmal mehr als den großen Melancholiker mit der paradoxen Gabe zeigt, die Schwermut in leichte Balladen zu verwandeln.
Aber muss man wegen der manischen Kreativitätsschübe und dem todesdrohenden Sensenmann auf dem Cover nun Angst um den 31-Jährigen haben? Wohl nicht, seine Schaffenswut dürfte eher der Selbsttherapie dienen. Als vor gut zwei Jahren das kurz zuvor eingespielte Doppelalbum »Love Is Hell« von der Plattenfirma so will es die Legende als zu depressiv abgelehnt wurde, gab es als Antwort eine dritte Platte mit trotzigem Gitarrenkrach und dem unmissverständlichen Titel »RockNRoll«.
29 Jahre alt war Adams damals. Zufall, dass das mit Abstand rocknrolligste und obendrein noch das Album eröffnende Stück »29« heißt? Fragt sich nur, gegen wen oder was diesmal rebelliert wird. Die Anzahl der vom Label akzeptierten Veröffentlichungen kann es diesmal wirklich nicht sein.
Ryan Adams: «29» (Lost Highway/Universal)

