25.09.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Jochen Distelmeyers Album 'Heavy'
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Blumfeld sind Geschichte, Jochen Distelmeyer macht nun allein Musik und das ohne große Diskurse. Sein Soloalbum «Heavy» bietet eine Prise Klassenkampf, vor allem aber Privatheit, die politisch ist - wenn auch nur ein kleines bisschen.
Weiß ist der Anzug, grau und schmutzig aber die Tiefgarage, in der Mann steht. «Wohin mit dem Hass?», fragt Sänger Jochen Distelmeyer ganz ruhig und distinguiert, während sich hinter ihm in Slow-Motion Männer im «Fight Club»-Stil aufeinanderstürzen. Dazu gibt es einen Breitwand-Gitarren-Sound, wie ihn der einstige Blumfeld-Macher so noch nie gepflegt hat. «Heavy» heißt das erste Album des 42-Jährigen gebürtigen Bielefelders, der in den Neunzigern im Umfeld der Hamburger Schule - allerdings vor allem dessen ostwestfälischen Zweig, aber das ist eine andere Geschichte... - die deutschsprachige Popmusik prägte.
Was wird mit Distelmeyer?Ebenso einflussreich wie verhasst, ebenso poetisch wie verkopft, polarisierten gerade Blumfeld wie wohl keine Band der letzten Jahre das Musikfeuilleton. Als sich die Band auch auf Betreiben ihres Frontmannes 2007 auflöste, begann das Rätselraten - was wird mit Distelmeyer? Schon die ersten neuen Songs seines Soloalbums wurden im Netz heiß debattiert, alle Liveauftritte hymnisch von den Kritikern abgefeiert. Nun, mit dem endgültigen Erscheinen von «Heavy» ist es Zeit für eine Bestandsaufnahme. Und die fällt zwiespältig aus. Ja, Distelmeyer hat den verkopften Diskurspop hinter sich gelassen und gibt sich zugänglich, aber auch verletztlich wie selten. «Regen» etwa, der erste Song auf dem Album ist ein Liebeslied, und noch dazu ohne Instrumentierung aufgenommen.
Gleich anschließend dröhnen die Gitarren von «Wohin mit dem Hass» los, später streicheln Synthesizer bei «Lass uns Liebe sein» die Ohren, während «bleiben oder gehen» ein schöner poppiger Gitarrensong über, na klar, die Liebe ist.
Textlich schrammt Distelmeyer manchmal nur milimeterweise am neuen deutschen Schlager á la Silbermond vorbei. Auf dem Cover bläst der 42-Jährige dem Betrachter eine quietschrosa Kaugummi-Blase ins Gesicht, auf der Rückseite hängt die dem Macher zerplatzt auf Mund und Stirn. Es liegt am Hörer, wie er «Heavy» einordnet - als wunderbares, zartes Gebilde oder reichlich klebrigen Knalleffekt.
«Wohin mit dem Hass» als Video