07.03.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Mutter mit Knarre am Anschlag: Jenny Wilson
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Jenny Wilsons klingt als hätte Kate Bush in Schweden eine kleine Schwester, die den alltäglichen Trott in avantgardistische Tanzmusik umzuwandeln weiß. Ein schräges, schillerndes Kleinod, findet Silke Janovsky.
Ein Klapperschlangen-Rasseln hallt durch den Geburtskanal, gespenstisch summen hohe Sirenengesänge, ein sanfter Bass gibt Struktur es geht los: «I wanted to be born, so I crawled out in the middle of the night, out of my mother»
Irritierend, die ersten Klänge und Worte von «The Path», dem Opener auf Jenny Wilsons neuem Album «Hardships!». Und doch entwickelt sich das Lied schnell zu dem was man von Wilson erwartet und hören will: Einem verstörend schönen Stück Musik aus einem Paralleluniversum, in dessen Düsterkeit es funkelt und glitzert, wenn die Schwedin den Geburtsvorgang musikalisch seziert ohne Blut, ohne Plazenta.
Hier pfeift es, dort klatscht jemand, drüben schnipst wer und irgendwo raschelt etwas. Unter allem wummert ein ausgefeilter Bass, und über allem flirrt die helle und klare Stimme der Schwedin. Wilson Gesang klingt wie das vertonte Rätsel einer Sphinx selbst wenn sie über fehlende Haushaltsartikel und Suppe auf dem Herd singt.
Die Not der MutterschaftIhre Song-Collagen sind nie geradlinig, aber immer gut tanzbar nie zu harmonisch, aber immer hochmelodisch. «Hardships!» mixt Pop-Songs mit RnB-Basslines und Elektro-Schnipseln, und während des Hörens vergisst man allzu oft, dass «Hardships» übersetzt Not und Drangsal bedeutet.
Die das Album einleitende Geburt muss nicht unbedingt als künstlerische Reflexion des eigenen Schaffens gesehen werden, sondern als konkretes Ereignis. Im Herbst 2006 brachte Jenny Wilson ihr zweites Kind zur Welt. Das Album thematisiere Mutterschaft, und den Kampf damit, so die 33-jährige Musikerin. Die Grätsche also zwischen Kinder, Küche und Kunst.
Waschmaschinen und vergessenene Einkaufszettel«Hardships» legt musikalisch wie thematisch einen angemessenen Vergleich nahe: Wie verwirrt, wie empört, wie entzückt waren die Kritiker, als Kate Bush auf ihrem 2005 erschienen Album plötzlich über ihr Leben als Hausfrau und Mutter referierte, gipfelnd in dem sechsminütigen «Mrs. Bartolozzi», dessen Refrain lediglich aus einer monotonen Wiederholung der Worte «washing machine» besteht.
Jenny Wilson dagegen hat keine Probleme mit ihrer Waschmaschine. Sie hat keinen Zucker mehr zu Hause, keine Seife, kein Brot. Ihr eleganter, lyrischer Stil und die griffige Konsistenz ihrer Lieder verweisen zielgenau auf die Eisprinzessin des 80er-Jahre-Pops. Wie auch bei Bush, dominiert das Klavier als quasi erdiges Instrument in einer abgehobenen Musiksprache.
Mit den Chucks im SäurebadBereits auf ihrem Debüt «Love and Youth» hat Jenny Wilson mit musikalischen Klischees gespielt. Die Single-Auskopplung «Let my shoes lead me forward» bizzelte, als stünde man mit den Gummisohlen seiner Chucks direkt in einem Säurebad. Auch auf «Hardships!» setzt Wilson intellektuelle Reflexe und eigenwillige Querverweise. Das klingt, als hätte Kate Bush Gesangsstunden gegeben, als säße Missy Elliot hinter den Reglern in Roisin Murphys Studio, als spiele PJ Harvey statt Gitarre den Bass, während Laurie Anderson zusammen mit Feist die Platte produziert.
Doch das prickelnd-bratzende Hörerlebnis geht ganz alleine auf die Kappe der extravaganten Schwedin. Aufgenommen und produziert im Studio von Gold Medal Recordings ihrer eigenen, jüngst gegründeten, Plattenfirma.
In Skandinavien ist die bizarr-schillernde Jenny Wilson längst bekannt und erfolgreich. Seit 25. Februar steht ihr Album dort in den Läden. Für Deutschland sucht man derzeit noch nach einem Labelpartner, im September soll dann auch hier das Album erscheinen. Als Download ist «Hardships!» allerdings auch schon jetzt erhältlich.