CD der Woche: Nie mehr nur Muse21. Jul 2008 09:27  |  Martina Topley-Bird | Foto: PR |
|
Mit ihrem zweiten Soloalbum hat Martina Topley-Bird sich endlich von Mentor und Ex-Freund Tricky emanzipiert. «The Blue God» ist trotz der Unterstützung von Hipster-Produzent Danger Mouse zeitlos, findet Anja Reinhardt.
Es mag eine Marginalität sein, aber der Aufdruck: «Produced by Danger Mouse» auf dem zweiten Album der britischen Sängerin Martina Topley-Bird ist erstaunlich groß. Das ist nicht nur der Popularität des amerikanischen Sound-Künstlers, der wahrscheinlich besser bekannt sein dürfte als die eine Hälfte von Gnarls Barkley, geschuldet. Es ist auch der rote Faden, der sich durch Martina Topley-Birds Karriere zieht, seit sie Mitte der Neunziger mit dem Album «Maxinquaye» bekannt wurde – allerdings nur als Stimme desselben, denn der Musiker hinter einer der einflussreichsten Platten der letzten 20 Jahre hieß Tricky. Zudem schlich sich auf dem Booklet auch noch der Fehlerteufel ein und aus Martina wurde Martine, ohne Nachname. Tricky avancierte, wie diverse andere Protagonisten der Musikszene aus Bristol, zu der auch Massive Attack und Portishead gehörten, zum Star des neuen Hypes TripHop. Miss Topley-Bird war die Sängerin auf «Maxinquaye» und Freundin des Musikers.
Vor rund fünf Jahren erschien das erste Soloalbum der Sängerin, «Quixotic» (salopp übersetzt: «durchgeföhnt»), produziert von Tricky, der mittlerweile ihr Ex-Freund war, aber hey, man hat ein Kind zusammen und eine Vision, da rauft man sich eben zusammen. «Quixotic» wurde dann sogar für den renommierten britischen Mercury Prize vorgeschlagen, aber von der Presse nur eher am Rande wahrgenommen. Überhaupt schien sich bei ihrem ersten Soloversuch der Fokus wieder auf die Männer zu richten, auf den tätowierten Derwisch Tricky natürlich, aber auch auf die Kollaborationen mit Mark Lanegan oder Josh Homme. Durchgeföhnt, so hat man den Eindruck, sind eigentlich nur die Menschen um sie herum, denn in Interviews wirkt die Dame sehr aufgeräumt und überlegt.Und jetzt wird mit Danger Mouse geworben, was den Eindruck vermittelt, als ob selbst die Plattenfirma von Topley-Bird nicht so recht an ihre Künstlerin glaubt, und deswegen den US-DJ prominent auf der Rückseite des Covers platziert. Man kann sich vorstellen, dass die 33-jährige Sängerin das möglicherweise als nicht allzu schmeichelhaft empfindet. Und zwar zu Recht. Denn «The Blue God» trägt zwar eindeutig die Handschrift von Danger Mouse, funktioniert aber atmosphärisch einzig und allein durch die wunderbar warme, rauchig-schwebende Stimme Martinas. Oder wie Tricky es ausdrückte, als er sie 1991 zum ersten Mal traf: «Eine Stimme, wie mit Honig umhüllt.» Eine Stimme die Versprechen und Warnung zugleich ist und sowohl die Streicher als auch die kühleren Elektro-Arrangements kontrastiert.
Ein Statement der Ambivalenz
 |  'Eine Stimme, wie mit Honig umhüllt', findet Ex-Freund Tricky | Foto: PR |
|
«The Blue God» ist ein Statement der Ambivalenz. Nicht, dass man als Hörer den Eindruck hätte, die Künstlerin könne sich nicht entscheiden, in welche Richtung es mit ihrem zweiten Album gehen soll. Eher existiert alles ganz harmonisch nebeneinander. Seltsam eigensinnig-entrückte Stücke wie «Phoenix» stehen neben altmodischen Jazz-Bar-Schmeichlern wie «Baby-Blue». Der Kitt ist die Stimme. Und obwohl mit Danger Mouse einer der hipsten Produzenten an Bord ist, wirkt «The Blue God» seltsam zeitlos, verankert vielleicht in einem Paralleluniversum. Die Schönheit der zwölf Songs mag man möglicherweise nicht auf den ersten Blick erkennen. Das Sperrige löst sich erst nach dem zweiten oder dritten Hören auf und dann ist es ein bisschen wie auf dem Rummel. «Ferris wheels and cotton candy» - «Riesenräder und Zuckerwatte» - singt die Britin dazu. Ebenfalls nach fünfjähriger Pause hat ihr Ex-Lover Tricky Anfang Juli sein neues Album «Knowle West Boy» veröffentlicht – ein nicht minder widerborstiges Ding, aber deutlich mehr auf Krawall gebürstet, so, wie man das von dem Herrn ja auch erwartet. Aber während sich Tricky gerne in experimentellen Selbstverliebtheiten verliert, balanciert Martina Topley-Bird ziemlich sicher auf dem Grad zwischen Avantgarde und Pop. Nur eine Muse ist sie längst nicht mehr. Martina Topley-Bird: «The Blue God» (Independiente)
|