CD der Woche:
Carla Brunis Coup d'état
14.07.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Carla Bruni-Sarkozy
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Frau des französischen Staatspräsidenten überstrahlt ihren Mann mit ihrem neuen Album. Pop schlägt Politics, meint Sascha Woltersdorf .
«Comme si de rien n'était» heißt das neue Album von Carla Bruni. Und das bedeutet ins Deutsche übersetzt so viel wie «als wäre nichts gewesen». Aber da war doch was. Ach ja, Brunis Geturtel mit Frankreichs Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy inklusive Blitzhochzeit im Februar. Das immer noch umwerfend aussehende, 40-jährige ehemalige Top-Model dürfte nun die ungefähr siebtmächtigste Frau der Welt sein. Da hätte man auf ganz andere Titel für den dritten Bruni-Langspieler kommen können. Coup d'état beispielsweise, auf Deutsch «Staatsstreich».
Neidische Politiker...Aber eigentlich kann man die Franzosen nur beglückwünschen für diese glamouröse Première Dame. Man vergleiche bitte mit Doris Schröder-Köpf. Die Bruni überragt ihren Mann dagegen nicht nur körperlich. Sie steht auch in der Gunst der Franzosen höher. Die Umfragen überschlagen sich geradezu: Manche wollen gar herausgefunden haben, dass zwei Drittel unserer westlichen Nachbarn sie sympathischer finden als ihn. Wundert es da, dass die ganze große Nation und nicht nur die sich bei Hören der 14 Song in Textexegese verliert? Was könnte sie gemeint haben? Wie ist das zu verstehen? So viel Aufmerksamkeit wünschen sich Politiker, wenn sie Grundsatzreden halten.
...und wer hört noch auf Sarkozy?Der kolumbianische Außenminister zum Beispiel protestierte gegen eine Textzeile in «Tu Es Ma Came» («Du bist mein Stoff»), mit der Bruni einem ehemaligen Liebhaber andichtet, er sei gefährlicher als «kolumbianischer Schnee». Das muss man sich mal vorstellen. Wenn südamerikanische Regierung von nun an solche Maßstäbe anlegen, bekommen tausende Rock- und Pop-Stars Einreiseverbot. Wegen der im selben Stück gesungenen Strophe mit dem afghanischen Heroin kamen übrigens keine Beschwerden vom Hindukusch. Dieser Krieg bleibt uns glücklicherweise erspart. Nicht erspart bleibt uns der Sieg einer Chanteuse über das politische Tagesgeschehen. Wer hört da noch auf Sarkozy? Der hatte nämlich am Donnerstag im Europaparlament beifallumrauscht angekündigt, die vom Nein der Iren ausgelöste EU-Krise bis zum Jahresende lösen zu wollen. Am Freitag kam Carla mit ihrem Album. Voilà: Nichts ging mehr für Sarko. Kein Franzose hört ihm noch zu.
Musikalisch staatstragendDabei kommt das dritte Album von Madame Sarkozy zumindest musikalisch äußerst staatstragend daher. Das Grundgesetz des Pop français wird befolgt. Leicht und schwer zugleich klingen die Lieder, die sich allerdings weder besonders in den Vordergrund drängen noch neue Ideen enthalten. Dafür umschmeicheln sie die Bruni perfekt wie ein rauschendes Abendkleid, betonen ihre Vorzüge und verhüllen, dass sie nicht gerade eine begnadete Sängerin ist. Aber was für eine Stimme! Die muss gottgegeben sein. Außerdem ist dieses zerbrechlich-raue, wie Pergament knisternde Timbre mit den profanen Mitteln der Tontechnik so nah abgemischt, als flüstere sie ihren Hörern die Worte direkt ins Ohr. Und sogar ein Stück für den Präsidenten gibt es. «Ta Tienne» umgurrt ihn mit den Worten, «du bist mein Herr». Sarko, du Glückspilz! Nur leider stimmt diese verführerisch gehauchte Hingabe nicht. Diesmal hat die Popmusik das Primat über die Politik.
Carla Bruni: «Comme si de rien n'était» (Edel)