CD der Woche: Jakob Dylan: 

netzeitung.de«Blonde on blonde» never happened

 Herausgeber: netzeitung.de

Jakob Dylan (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Jakob Dylan
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ein Mann, eine Akustikgitarre, und Rick Rubin hat auch mitgeholfen: Jakob Dylan, Sohn des großen Bob, hat endlich auch ein dylaneskes Album gemacht, findet Sascha Woltersdorf.

Großer pädagogischer oder psychologischer Kenntnisse bedarf es nicht, um zu erahnen, wie schwer das Leben für Kinder mächtiger, ruhmreicher, erfolgreicher oder wenigstens reicher Eltern sein kann. Vor allem, wenn sie die gleiche Parzelle beackern, auf der Mama oder Papa ihre Früchte eingefahren haben. Das ist in der Popmusik ähnlich gnadenlos wie in anderen Sparten. Da bleibt nicht viel. Entweder die traditionellen Familienwerte weiter tragen und sich wie Ziggy Marley auf Festivalbühnen als «Son of» abfeiern lassen.

Oder einen anderen Namen annehmen, wenn man unbedingt Musiker werden will. Man kann es aber auch machen wie Jakob Dylan. Ja, das ist der Sohn von Bob. Der 38-jährige Jakob fiel in den vergangenen 15 Jahren mit seiner Band «The Wallflowers» eigentlich nur durch ganz normal langweile Rockmusik auf.

Man nehme: Rick Rubin
Die war stets eine Klasse schlechter als die dunkelsten Momente des von Natur vorgegebenen Maßstabs. Trotzdem verkaufte sich das Wallflowers-Album «Bringing Down The Horse» (1996) richtig gut. Ein Jahr später gab es sogar zwei Grammys für die Band und deren Hit «One Headlight». Jetzt kommt Jakob Dylans erstes Soloalbum. Das wurde - damit wird es spannend - von Rick Rubin produziert.

Wie man weiß, steht auf dessen langer Liste von Geniestreichen unter anderem das Vermächtnis von Johnny Cash mit der fünfteiligen «American Recordings»-Serie. Und siehe da: Der jüngere Dylan hat in den Händen von Rubin nicht nur sein bisher bestes, sondern endlich auch jenes dylaneske Album gemacht, dass man sich immer von ihm erhofft hatte. Oder eben nicht - je nach Sympathiegrad für die Dylan-Dynastie. «Seeing Things» hat tatsächlich eine große Familienähnlichkeit: Ein Mann und seine Akustikgitarre.

Das große Kunststück besteht darin, musikhistorisch einen Schritt vor den Übervater, den Moses des heutigen Folkrock, zu gehen. Alles klingt so sehr nach den Wurzeln von Blues und Folk, nach Country Roads und nach dem großen amerikanischen Liederbuch, als hätte Bob nie zur elektrischen Gitarre gegriffen, eine Band gegründete und den Folk elektrifiziert. Like «Blonde On Blonde» never happened.

Flauschig-folkige Pausenmusik
In «This End Of Telescope», dem zehnten und letzten Song, singt Jakob sogar ein bisschen wie der Papa. Besser, könnte man spotten. Schließlich war und ist Dylan der Ältere nichts anderes als ein Unsänger, der manchmal einer kaputten Autohupe näher kommt als einer menschlichen Stimme. Und leicht zu verstehen war Bob auch nicht immer.

Im Unterschied dazu kann man Jakob leicht missverstehen. Man könnte die Songs auf «Seeing Things» für flauschig-folkige Pausenmusik halten, für geeignete Unterleger für Fernsehberichte über Ballonfahrten mit grünen Hügellandschaften im Hintergrund. Zum Beispiel «Will It Grow», das mit der akustischen Gitarre, akustischem Bass und dem mehr gestreichelten als geschlagenen Schlagzeug auch von der der Norah Jones-Band stammen könnte. Aber wie es sich für ein Bluesalbum gehört - «Seeing Things» ist ein Bluesalbum - ist das Hauptthema der Teufel. Das Böse lebt, dichtet Jakob. Und es gehe ihm gut. Außerdem habe es Hunger.

Tatsächlich ist Jakob zynischer als es erscheinen mag. In «War Is Kind» spottet er, wie angenehm Krieg sei. So angenehm wie die Hölle. Mit dem Krieg ist, wie unschwer zu erkennen ist, der Irak-Krieg gemeint.

Fazit: «Seeing Things» ist ein Familienalbum. Und die Familienlast ist Jakob Dylan schwerer gefallen, als er zugibt, wie ausgerechnet Rubin in einem Interview verraten hat: Es hat ihn sein Leben lang geplagt.

Jakob Dylan: «Seeing Things» (SonyBMG)