16. Jun 2008 09:22
Die britische Erfolgsband Coldplay wird per Umfrage als hilfreichste britische Einschlafhilfe geoutet. Das neue Album «Viva La Vida» kann trotzdem die Welt verbessern, glaubt
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Wie es der Zufall will, veröffentlichen Coldplay ein paar Wochen nach der Schlummer-Umfrage ihr viertes Album. Es heißt «Viva La Vida» und das Cover zeigt eine, ach was, das berühmteste Bild der französischen Revolutionsgeschichte, gemalt von Eugène Delacroix: die barbusige Barrikadenstürmerin mit der Trikolore in der linken und Gewehr in der rechten Hand.Wie lässt sich das nun wieder mit Einschlafmusik in Übereinstimmung bringen? Gar nicht. Dieses Cover ist einfach nur Blödsinn. Chris Martin, Sänger und Chef der Band, ist kein Revoluzzer und war nie einer. Eher das Gegenteil: Ein Überleber, der immer noch da ist, wenn sich der Pulverdampf verzogen, alle Leichen verscharrt und die Trümmer weggeräumt sind. Das allerdings ist eine Leistung. Die Internet-Revolution ist dabei, sämtliche Trutzburgen der Musikindustrie zu Klump zu schießen. Aber Coldplay, den verlässlichen Umsatzbringer, gibt es immer noch. «Viva La Vida Or Death And All His Friends» - so der volle Titel, den sich dieses schier unverwundbare Schlachtross von Rockband ausgedacht hat - wird wohl die Spitzen der Charts erobern.
So weit, so gut. Man kann also ruhig schlafen gehen. Coldplay klingen wie immer, obwohl auf dem neuen Album tatsächlich Einiges neu ist. Die Melodien sind komplexer geworden, die Arrangements ebenfalls. Und Chris Martin hört sich weniger nach einer Kopie von Bono an als bisher. Auch schön.
«Viva La Vida» bringt selbstverständlich jene Funktionsmusik, die von Millionen von Hörern erwartet wird. Aber nicht nur. In «Lovers In Japan / Reign In Love» fließt das geliebte, stets etwas getragene Martin-Piano über die üblichen stark verhallte Gitarren und die ebenfalls sattsam bekannten, wohligen Klagegesänge von Chris. «Yes» geht schon anders zu Sache. Der über sieben Minuten lange Rock-Lindwurm imitiert den Umgang der Beatles mit orientalischer Musik. Später werden schräge Gitarren in der Art von Velvet Underground und andere Sixties-Anklänge eingehegt. Alles endet dann in dem verhangenen Sound von My Bloody Valentine. «42» überrascht sogar mit einem für Coldplay untypischen Gefühl von Enge, das im Verlauf des Songs aufbebrochen wird. Das zumindest ist gut gemacht. Andere Stücke klingen hingegen wie man es erwartet: «Violet Hill» trägt den ganzen 70er-Jahre-Bombast von Pink Floyd in sich. Kurz: Auch das vierte Album der Briten enthält vor allem Wohlfühl-Pop.Aber eine solche Funktionsmusik hat ihren Platz in der Gesellschaft. Sollten Coldplay also tatsächlich einmal die Welt retten – dass sie das wollen, wird ihnen ja oft unterstellt – dann wird ihnen das durch Musik gelingen, die wie Baldriantropfen in die nach Zufriedenheit dürstenden Seelen einsickert. Wahrscheinlich haben die Coldplay-Schläfer am nächsten Morgen einen besseren Tag. Manche Ehe wird vielleicht nicht geschieden, dafür wird manches Kind gezeugt, manche Geschäftsidee geboren und mancher Unfall verhindert, weil der Fahrer nicht übermüdet ist. Demnach wäre Chris Martin so wichtig wie eine perfekt funktionierende Heizdecke, ein atmungsaktives Plümo und eine rückenfreundliche Matratze. Man muss es einmal so sehen: Coldplay wird gebraucht.
Schließlich gibt es zu viel Böses auf der Welt. Und böse Menschen hören am aller unwahrscheinlichsten Coldplay. Da ist jeder Euro für «Viva La Vida» ein wertvoll ausgegebener Euro. In diesem Sinne: Gute Nacht!
Coldplay: «Viva La Vida» (Parlophone/EMI)
Coldplay - «Violet Hill»