Er will die Kinder vor ihren Eltern schützen: Paul Würdig alias Sido gibt auf seinem neuen Album «Ich und meine Maske» Erziehungsratschläge. Was Christiane F. damit zu tun hat, verrät Sascha Woltersdorf.
Is’ guter Witz: Der Mann, der uns mit dem «Arschficksong» beglückte, rappt nun für den Jugendschutz. In dem durchaus unterhaltsamen Track «Augen auf» sogar zusammen mit einem Kinderchor, dem Sido eine Geschichte erzählen will. Freudig schallt es «jaaa» aus vielen hellen Kehlen und los geht’s mit einer schwungvollen Basslinie und den ersten Zeilen über ein niedliches Mädchen namens Jenny, die im Alter von zwölf anfängt zu trinken. Ein Hilfeschrei, wie Sido messerscharf analysiert. Sido steht übrigens für superintelligentes Drogenopfer.
Der Rest der Geschichte klingt nach Christiane F. und Schulmädchen-Report. Jenny geht mit 13 Jahren auf Partys ab 18, geschminkt «wie ‘ne Nutte» und natürlich mit «Ecstasy, Kokain und ficken auf dem Weiberklo», wie es sich Onkel Sido zusammenreimt. Jetzt noch schnell die aktuelle Problematik des Flatrate-Saufens in den Text eingebaut und dann kommt der Kinderchor mit einem glockenklaren Appell an Mama und Papa. Die sollen ihren Kindern «die Flausen austreiben». Weil nämlich die Anna, der Torsten und auch der Levent gern erwachsen werden und nicht schon mit 18 sterben wollen.
Sido und die Kinder gegen den Rest der Welt
Starker Tobak, was man da angedreht bekommt. Der Maskenmann gibt Eltern Erziehungsratschläge. Und nicht nur denen. Auch Lehrer, Ärzte, Umweltschützer, Staatsanwälte, die Bundeskanzlerin, man könnte sagen, die gesellschaftlichen Meinungsbildner und Entscheider insgesamt, bekommen mit «Halt dein Maul» eine eindeutige Ansage: «Du weißt gar nichts, doch ich weiß, deine Kinder verstehn mich, also red’ nicht.» Da ist man erst einmal bass erstaunt. Sido und die Kinder gemeinsam gegen den Rest der Welt. Soviel Frechheit bei der Wahl des Bündnispartners verdient Respekt.
Hätte sich Sido bei der Wahl der Produktionsmittel doch ähnlich viel getraut. Manche Tracks wie «Jeder kriegt, was er verdient» punkten sogar mit ihren billigen Drum- und Keyboardsounds. Da passt das Quitsch-Bleep-Wumm zum groben Strich der Comic-Lyrics. Andere Stücke dagegen können ihre Nähe zum Klingelton kaum verbergen. Da sollen die Bässe selbst auf kleinsten Computerboxen oder Handyspeakern so wummern wie dicke Lautsprecher im Kofferraum eines 3er BMW. Das kann nicht gut gehen. Obendrein rappt Sido manchmal recht hüftsteif. Zum Beispiel in «Wieder da», das die Anmutung morgendlicher Kniebeugen bei der Seniorengymnastik ausstrahlt. Aber das passt wiederum bestens zum renitenten Charme dieses Stücks.
Paul Würdig als Enkel von Mick Jagger
Manchmal recht hüftsteif: Sido auf 'Ich und meine Maske'
Foto: Aggro Berlin
Denn mit dem dritten Album, die Plattenfirma spricht bedeutungsschwer von einer «Trilogie», ähnelt die Diskussion um den Mann, der mit bürgerlichem Namen so herrlich harmlos Paul Würdig heißt, einem Stellungskrieg mit unbeweglichem Frontverlauf und tief ausgehobenen Gräben. Seine frühen Stücke wie «Mein Block» vernebelt Sido mittlerweile zu einer Art Nachrichtensendung aus Berlins Problemvierteln. Ansonsten beschränkt er sich auf das Verschießen von Spaßgranaten. Sido der Clown. Sido der Harlekin, der provoziert und den Spiegel vorhält. Kluge Taktik. Jedenfalls bringt das Treffer. Er sei für die heutige Jugend das, was die Rolling Stones vor vierzig Jahren für die jetzige Großelterngeneration waren. Paul Würdig als Enkel von Mick Jagger, der ja zu Zeiten der 68er gern den Streetfighting Man gegeben hatte. Und dann zum smarten Rock-Geschäftsmann wurde. Da kommt man wirklich nicht so schnell drauf. Schicke neue Maske für den Rap-Geschäftsmann.