Patrice aus Kerpen bei Köln ist ein Reggae-Star mit internationalem Format. Was zeigt, dass diese Musik inzwischen mehr Musikstile in die Welt gesetzt hat als Bob Marley Kinder zeugen konnte. Und das will etwas heißen, sagt Sascha Woltersdorf.
Kerpen ist nicht Kingston. Sicher nicht. Das eine (Kingston) darf man die Welthauptstadt des Reggae nennen. Das andere ist eine nordrhein-westfälische Stadt an der Kreuzung von A4 und A61. Aber um dieses 63.000-Einwohner-Städtchen jetzt nicht kleiner zu machen als es ist, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass eine Reihe wichtiger beziehungsweise bekannter Persönlichkeiten von dort stammen. Zum Beispiel Adolph Kolping, Karlheinz Stockhausen, Michael Schumacher und noch ein Rennfahrer, nämlich ein 1961 tödlich verunglückter Formel-1-Pilot mit sensationellem Namen: Graf Berghe von Trips.
Außerdem kommt ein gewisser Patrice aus Kerpen, ein – aha! – erfolgreicher Reggae-Musiker. Und dieser macht uns allen klar – ähnlich wie sein um die Ecke in Köln aufgewachsener Musikerkollege Gentleman – dass sich ausgerechnet Reggae zu einer Art von global Volksmusic gemausert hat. Kerpen oder Kingston, was spielt das noch für eine Rolle?
Dieses Empfinden schmeichelt sich jedenfalls in die Gehör- und die Gedankengänge ein, wenn man Patrice Bart-Williams neuem Album lauscht. Mit dem Albumtitel «Free-Patri-Ation» ist ihm, dessen Vater aus dem afrikanischen Sierra Leone stammt, obendrein ein hübsches Wortspiel inklusive Botschaft gelungen. Das Ziel sollte nicht die «Repatriation» sein, also die «Heimrückführung» von Vertriebenen beispielsweise, sondern der Aufbruch aller Menschen in die Freiheit. Aber das sagt sich so schön und ist doch so schwer.
Durch die Betten verschiedener Musikstile hüpfen
Damit zurück zum Reggae, diesem eigentlich schlichten, aber weit in die Welt hinaus getriebenen Zwei-Ton-Beat, der sicher mehr Musikstile hervorgebracht hat als Bob Marley Kinder. Und wie fruchtbar Saint Bobs Selbstverbreitung war, wird alljährlich sichtbar, wenn auf den Bühnen der Reggae-Festivals rund um den Globus ein nie versiegender Strom von Bands unter Führung von Marley-Kindern auftritt: Ziggy, Cedella, Sharon, Stephen, Ky-Mani, Julian, Damian. Man zähle und staune. Gerüchte sprechen sogar von mehreren Dutzend Sprösslingen.
Wortspiel und Botschaft: 'Free-Patri-Ation'
Foto: PR
Ähnlich promiskuitiv hüpfen auch die zwölf Tracks auf «Free-Patri-Ation» durch die Betten verschiedener Musikstile. Die Single «Clouds», die auch das erste Stück des Albums ist, steckt zum Beispiel HipHop in eine Tüte zusammen mit einem folkigen Gitarren-Picking und einem Beatles-Piano. Dazu singt sich der 29-jährige Patrice tendenziell näher an den vernuschelten Bob Dylan heran als an einem behanften Rastamann. «New Screwface» klingt dagegen schon fast nach Slow Funk und wieder andere Songs («Another One») würde vielleicht auch ein Jack Johnson beim Zubereiten von Bananenpfannkuchen zum Besten geben.
Doch damit der Eindruck nicht trügt: Es handelt hier immer noch um ein Reggae-Album mit deutlichem Hang zum Roots-Reggae, manchmal sogar zum Schmuse-Reggae. Trotzdem beeindruckt die wirklich tolle Produktion auf internationaler Augenhöhe, die – man muss so formulieren – ihren Pfad zwischen Moderne und Tradition findet. Kein Wunder, schließlich wurde Patrice über die durchaus familiäre rheinische HipHop- und Dancehall-Szene sozialisiert. Und das scheint bei ihm bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Dem Musikmagazin «Intro» hat der mittlerweile zwischen Köln und New York pendelnde Musiker jedenfalls verraten: «Ich glaube, es hätte mir eigentlich auch gereicht, im Kreis Kerpen auf Bürgerfesten aufzutreten.»