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CD der Woche: 

Sexy Säuferlyrik von Scarlett Johansson

19. Mai 2008 10:42
Scarlett Johanssons CD
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Die Schauspielerin («Lost In Translation») versucht es mit Musik und covert zehn Songs von Tom Waits. Anders verrückt, aber gar nicht so schlecht, findet Sascha Woltersdorf. Mit Video


Handgestoppte dreieinhalb Minuten vergehen, bis sie ihre Stimme zum ersten Mal erhebt. Das ist eine Ewigkeit, in Pop-Maßstäben gemessen. Nur bei DSDS wird die Zeit länger und über alle physikalischen Grenzen hinweg gedehnt. Zum Beispiel, wenn es nach dem Feststehen des Ergebnisses mehr als acht Minuten dauert, bis der neue «Superstar» endlich verkündet wird.

Gut, auch das neue Album von Scarlett Johansson will also erst einmal Spannung erzeugen. Aber der Vergleich mit der Star-Such-Kirmes im RTL-Programm ist trotzdem nicht ganz angemessen. Johansson ist ja schon ein Superstar, allerdings auf anderem Gebiet: Zuvorderst bei der Schauspielerei mit Hauptrollen in Sofia Coppolas «Lost In Translation» oder in Woody Allens «Match Point». Aber auch als Top-Ten-Girl in diversen Auflistungen der am allermeisten supersexy aussehenden Frauen der Welt macht sie eine – jawohl – super Figur.

Wie klingt sie denn nun?

Und damit zur Frage aller Fragen: Fügt Johanssons «Anywhere I Lay My Head» dem großen Buch der Musikkatastrophen von singenden Schauspieler und schauspielernden Sänger eine weitere, überzählige Fußnote hinzu? Oder ganz knapp formuliert: Wie klingt sie denn nun?

Sie klingt gut. Und anders, als man erwarten konnte. Oder befürchten musste, wenn man ihre Karaoke-Szene von «Lost In Translation» noch im Ohr hat. Der modernen Tontechnik sei Dank. Und den Menschen, die damit umgehen können. Um nur zwei zu nennen: Produzent und Multiinstrumentalist David Andrew Sitek, der Mann, der TV On The Radio zu einer großartigen Band macht und Nicholas Zinner, Gitarrist der Yeah Yeah Yeahs. Bei der Auswahl der Songs ging man geschmacklich auch auf Nummer sicher und wählte zehn Stücke, auf die man beim ersten, zweiten, selbst beim dritten Blick nicht kommt, wenn man an eine 23-jährige Top-Ten-Schönheit mit himmlischem Erdbeermund und übermenschlich glatter Kakaobutterhaut denkt. Scarlett Johansson covert Tom Waits.

Elfe auf Hustensaft?

Scarlett Johansson
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Ein elfter Song mit dem Titel «Song For Jo» stammt aus der gemeinsamen Feder von Johansson und Sitek. Er unterscheidet sich nicht von den anderen, was die Vermutung nahe legt, dass hier ein ganz und gar wundervoll passendes Song & Sound-Kleidchen gefunden wurde für die märchenhafte Inszenierung einer Aktrice, von Sitek übrigens «Elfe auf Hustensaft» genannt. Gemeint ist damit sicherlich eine im Beipackzettel medizinisch nicht vorgesehene Hochdosierung inklusive der erwünschten Nebenwirkungen. Gibt es eigentlich keine Popmusik mehr ohne einen Verweis auf Drogen?

Aber zurück zum Thema. Das ist nämlich - wie bei der Hustenmedizin - der erwünschte Missbrauch eines auch optisch geschundenen Spät-Beatniks, Bar-Streuners und dionysischen Sauf-Lyrikers durch ein vergleichsweise makelloses Mädchen. Eine reizvolle Kombination. Ein Rollenspiel, das möglichst weit getrieben werden soll. Und muss. Zielfrage: Wie viel Whiskey, Kaffee und Zigaretten lassen sich in eine eine hübsche Verpackung stecken, ohne dass sie platzt?

Klagelieder wie bei Nico

Antwort: Erstaunlich viel. Man darf heute die hart ersoffene Lebenserfahrung eines Tom Waits nachsingen. So aussehen darf man aber nicht. Musikalisch gelingt diese seltsame Verpuppung ebenfalls eindrucksvoll. Johanssons erstaunlich tiefer Gesang folgt jener tiefgekühlten Klagelied-Ästhetik, die Nico Ende der 60er Jahre für Velvet Underground erfand. Der Rest der Musik setzt auf die Mittel der 80er Jahre, als digitale Hallgeräte billig wurden und die Künstlichkeit dieser Räume nicht zu überbieten war: Ein Sound wie schnell mal eben durch den Orionnebel gezogen. Das kann man in positivem Sinne Überproduziert nennen.

Eingehüllt in verhallte Klangteppiche, sphärische Geräusche und liebliche Instrumente wie Glockenspiel oder Vibraphon klingt all das, was bei Waits rhythmisch schwankend und bluesig bis jazzig zersplittert wirkte, nicht wie tiefe Abgründe, sondern wie ein dunkler, aber irgendwie wundervoller Märchenwald. Als hätte man The Jesus And Mary Chain mit viel Zucker bestreut noch weicher als ein Lebkuchenhaus geknetet.

Stücke wie «Falling Down», «Fannin Street» - zu dem David Bowie übrigens ein paar Ohhs im Background beisteuert – und das erwähnte «Song For Jo» scheinen nämlich gerade nicht vom Moment des Tiefpunktes aus gesungen. Sie klingen, als könne man aus der Zeit springen und alles aus einer höheren Perspektive betrachten. Diese Songs drehen sich wie mit garstigen Szenen gespickte, aber dennoch hübsch anzusehende Spieluhren, die man endlos oft aufziehen und betrachten kann.

Angst vor dem alt werden

Besonders auffällig: «I Don't Wanna Grow Up», dass schon von den Ramones kongenial gecovert wurde. Bei aller Angst vor Haar- und Zahnausfall bockte bei den Punkrockern in erster Linie die Verweigerung vor Dingen wie Erwachsenwerden und Verantwortung übernehmen. Wer will schon seine Eltern sterben sehen? Dann doch lieber einen Trinken gehen und auf ewig kindlich oder wenigstens pubertär bleiben. Bei der elfenhaften Scarlett klingt der Song dagegen nach der Angst vor dem alt werden. Schließlich befand die Schöne, die Schönheitsoperationen gut findet, bereits vor Jahren: «Ich bin gerade 21 und nehme jetzt schon Anti-Aging-Produkte für das Gesicht - ziemlich verrückt!»

Verrückter als Waits Trinkerlieder von verwüsteten Biografien, die nur mit Blick durch das Bierglas eine wackelige und schwarzhumorige Balance zwischen Herzeleid und schlechten Leberwerten finden? Anscheinend.

Scarlett Johansson: «Anywhere I Lay My Head» (Warner)

Johansson singt mit The Jesus and Mary Chain / Youtube

 
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