CD der Woche:
Sexy Säuferlyrik von Scarlett Johansson
Gut, auch das neue Album von Scarlett Johansson will also erst einmal Spannung erzeugen. Aber der Vergleich mit der Star-Such-Kirmes im RTL-Programm ist trotzdem nicht ganz angemessen. Johansson ist ja schon ein Superstar, allerdings auf anderem Gebiet: Zuvorderst bei der Schauspielerei mit Hauptrollen in Sofia Coppolas «Lost In Translation» oder in Woody Allens «Match Point». Aber auch als Top-Ten-Girl in diversen Auflistungen der am allermeisten supersexy aussehenden Frauen der Welt macht sie eine jawohl super Figur.
Sie klingt gut. Und anders, als man erwarten konnte. Oder befürchten musste, wenn man ihre Karaoke-Szene von «Lost In Translation» noch im Ohr hat. Der modernen Tontechnik sei Dank. Und den Menschen, die damit umgehen können. Um nur zwei zu nennen: Produzent und Multiinstrumentalist David Andrew Sitek, der Mann, der TV On The Radio zu einer großartigen Band macht und Nicholas Zinner, Gitarrist der Yeah Yeah Yeahs. Bei der Auswahl der Songs ging man geschmacklich auch auf Nummer sicher und wählte zehn Stücke, auf die man beim ersten, zweiten, selbst beim dritten Blick nicht kommt, wenn man an eine 23-jährige Top-Ten-Schönheit mit himmlischem Erdbeermund und übermenschlich glatter Kakaobutterhaut denkt. Scarlett Johansson covert Tom Waits.
Aber zurück zum Thema. Das ist nämlich - wie bei der Hustenmedizin - der erwünschte Missbrauch eines auch optisch geschundenen Spät-Beatniks, Bar-Streuners und dionysischen Sauf-Lyrikers durch ein vergleichsweise makelloses Mädchen. Eine reizvolle Kombination. Ein Rollenspiel, das möglichst weit getrieben werden soll. Und muss. Zielfrage: Wie viel Whiskey, Kaffee und Zigaretten lassen sich in eine eine hübsche Verpackung stecken, ohne dass sie platzt?
Eingehüllt in verhallte Klangteppiche, sphärische Geräusche und liebliche Instrumente wie Glockenspiel oder Vibraphon klingt all das, was bei Waits rhythmisch schwankend und bluesig bis jazzig zersplittert wirkte, nicht wie tiefe Abgründe, sondern wie ein dunkler, aber irgendwie wundervoller Märchenwald. Als hätte man The Jesus And Mary Chain mit viel Zucker bestreut noch weicher als ein Lebkuchenhaus geknetet.
Stücke wie «Falling Down», «Fannin Street» - zu dem David Bowie übrigens ein paar Ohhs im Background beisteuert und das erwähnte «Song For Jo» scheinen nämlich gerade nicht vom Moment des Tiefpunktes aus gesungen. Sie klingen, als könne man aus der Zeit springen und alles aus einer höheren Perspektive betrachten. Diese Songs drehen sich wie mit garstigen Szenen gespickte, aber dennoch hübsch anzusehende Spieluhren, die man endlos oft aufziehen und betrachten kann.
Verrückter als Waits Trinkerlieder von verwüsteten Biografien, die nur mit Blick durch das Bierglas eine wackelige und schwarzhumorige Balance zwischen Herzeleid und schlechten Leberwerten finden? Anscheinend.
Scarlett Johansson: «Anywhere I Lay My Head» (Warner)
Johansson singt mit The Jesus and Mary Chain / Youtube

