05.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Wie geht Rockstar werden? VanWyngarden (Bild) und Goldwasser erklären es
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Oracular Spectacular» von MGMT ist ein brilliantes Zwischending, findet Sascha Woltersdorf . Es ist chartkompatibel, steckt aber voller Stoff aus den psychedelischen Siebzigern, der die Nervenenden vibrieren lässt. Mit Video.
Wie sehen eigentlich Klänge aus? Nein, man muss keine Drogen genommen haben, um in solche Grübeleien zu verfallen. Dem Musikexpress, einem Musikmagazin, das gerne mal knapp dran ist am Trend, war diese Frage in der Mai-Ausgabe sogar eine sechsseitige Modestrecke wert. Die mit allerlei Bildeffekten verfremdeten Fotos zeigen eher rock-klassisch gekleidete junge Männer in Hemden, Jeans und Chucks.
Das war nicht toll, aber auch nicht schlimm, denn neben den Models waren noch die eigentlichen Knüller der Fotoserie abgelichtet: Alte Effektgeräte, mit denen man Sounds so wunderbar verbiegen, ach was, verzerren, verhallen, verwabbern oder sonstwie verschwurbeln kann. Allein schon die Namen der alten Elektrokisten können einen schwindelig machen: «Shin-Ei Wah Wah» oder «Maestro Fuzztain», das angeblich von den Rolling Stones bei «Satisfaction» eingesetzt wurde.
Aber wie muss man sich das denn nun genau vorstellen, diese Sache mit dem Sound und den Bildern im Kopf. Auch darüber klärt uns das Musikmagazin auf: «Ab einer gewissen Lautstärke», heißt es da wie vom Beipackzettel abgeschrieben, «können manipulierte Klänge wie Halluzinogene wirken». Holla die Waldfee, dann mal Volumen auf zehn, möchte man jubeln. Und wie es der Zufall will, ist gerade der passende Tonträger erschienen: «Oracular Spectacular» von MGMT, was übrigens für «Management» steht.
Nichts anderes als ein Trojanisches PferdDas Album hat das Zeug, sich ähnlich gut zu verbreiten wie vor zehn Jahren «Moon Safari» von den französischen Soft Rockern und Synthie-Freunden Air. Allerdings haben MGMT wie Air auch ein Duo noch ein paar Vexierbilder von ganz anderem Kaliber auf Lager. «Oracular Spectacular» ist nichts anderes als ein Trojanisches Pferd, mit dem wunderliche Sounds und manchmal wirr arrangierte Songs mit lustigen bis seltsamen Texten mitten in den Rock-Mainstream gestellt werden. Die Single «Time To Pretend» erzählt zum Beispiel die Geschichte der typischen Rocker-Karriere. Dabei werden die Klischees gehobelt, dass es eine Freude ist, die Späne fliegen zu sehen. Rockstar werden und sein geht nach MGMT so: Musik und Geld machen, Model heiraten, sich scheiden lassen, neues Model finden. Und selbstverständlich Drogen. So ist das halt. Schnell leben, früh sterben. Da kann man eben nichts machen.
Ein Sarkasmus, der noch lustiger wird, wenn man die die Bedingungen kennt, zu denen Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser von Columbia Records unter Vertrag genommen worden sind. Columbia wird seit einem Jahr von Rick Rubin geführt. Der Produzent, der mit so unterschiedlichen Musikern wie Beastie Boys, Red Hot Chili Peppers, Slayer, Dixie Chicks oder Johnny Cash gearbeitet hat, soll die Pop-Branche aus der Krise führen. Und Bands wie MGMT sollen dabei helfen. Wie es heißt, wurde mit den Newcomern ein Deal über vier Alben für eine sechsstellige Summe abgeschlossen.
Wenn Ziggy Stardust auf der dunklen Seite des Mondes landetDa darf man gespannt sein. Das Debütalbum jedenfalls verspricht nicht nur viel, es hält auch einiges. «Oracular Spectacular» ist ein brillantes Zwischending aus experimentell-psychedelischem Kunstrock der siebziger Jahre und abgezocktem Stoff für die Charts von heute. In dem erwähnten «Time To Pretend» zum Beispiel schlängelt sich eine unwiderstehliche Synthie-Linie. VanWyngarden singt abgehoben wie von einem fliegenden Teppich herunter, aber trotzdem ist das Stück der Tanzflächenfüller in jeder Indie Disco.
Ähnlich ins Tanzbein gehen noch eine Reihe weiterer Songs wie «Kids» oder «Electric Feel», das klingt, als hätte sich David Bowie in seiner «Young Americans»-Phase zu einer Session mit den Bee Gees getroffen. Neben solchen sehr gefälligen Minuten gibt es immer wieder wundervoll verspulte Momente. Mal knistern zur Akustikgitarre die elektrischen Lagerfeuer, mal hört sich alles an wie eine Live-Schalte zur dunklen Seite des Mondes, wenn gerade Ziggy Stardust landet.
Kurz: «Oracular Spectacular» ist ein vielschichtiges Album, das die Nervenenden vibrieren lässt. Und auch wenn man immer noch nicht weiß, wie Sounds aussehen, weiß man jetzt wenigstens, wie ein Trojanisches Pferd klingt.
MGMT: «Oracular Spectacular» (Sony BMG)
MGMT - «Time To Pretend»: