Neue Geiger braucht das Land: 

netzeitung.deWachwechsel an der Violine

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Nigel Kennedy (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Nigel Kennedy
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Einst gab Nigel Kennedy den Punk der Klassikszene, zuletzt wurde es ruhiger um ihn. Nun hat der Brite auch noch Konkurrenz bekommen: David Garrett mischt erfolgreich Mozart mit Metallica.

Einst posierte er mit Strubbelfrisur und Indianer-Makeup für die Kameras. Als Nigel Kennedy 2002 dann seine «Greatest Hits» herausbrachte, krönte er eine schon in den Achtzigern begonnene Karriere als Popstar der Klassik. Davon gibt es mittlerweile bekanntlich mehrere. Lang Lang, Rolando Villazon und die unvermeidliche Anna Netrebko werden professionell inszeniert und begeistern so ein Publikum, dass sich sonst nicht unbedingt mit klassischer Musik beschäftigt hätte. Auch bei den Violinisten hat der mittlerweile schon 52-jährige Brite nun scharfe Konkurrenz bekommen: David Garrett heißt der neue Star der Szene.
Bier im Plastikbecher
Der 27-jährige ist derzeit auf Deutschland-Tournee und spielt vor vollen Häusern. Bei seinem Auftritt in München staunte denn auch die Nachrichtenagentur dpa: «Statt Abendkleid und Smoking trägt man Lederjacke und Turnschuhe, Bier im Plastikbecher ersetzt das Champagnerglas: Kaum zu glauben, dass an diesem Sonntagabend in der Münchner Konzerthalle Zenith keine Rockgruppe, sondern der Geigenvirtuose David Garrett seine Deutschlandtournee beginnt».

Und der sieht auch noch so aus wie ein Rocker. Garrett trägt bei seinen Auftritten oder auf Pressefotos die halblangen blonde Haare gerne offen, dazu Jeans, Kapuzenpulli oder auch schon mal weit aufgeknöpfte Hemden. Nur sein Instrument, eine Stradivari-Geige, ist erkennbar teuer und alt. In München beginnt er den Abend mit einem Medley seiner Lieblings-Melodien aus Bizets «Carmen» später gibt es von Brahms über die Rockband Metallica bis zu Filmmusik und Folksongs alle möglichen Musikstile zu hören. Der Deutsch-Amerikaner, der in New York lebt, hat bereits seit seinem 14. Lebensjahr einen Plattenvertrag. Ersichtlich ist das auch in seinem professionellen Auftreten. Auf seiner offiziell Website etwa kniet er wie ein Gitarrist mit seiner Geige nieder - erkennbar versucht Garrett, gerade ein junges Publikum für die klassische Musik zu begeistern und möglichen Berührungsängsten entgegen zu treten.

Raus aus dem Rampenlicht
«Das nächste Lied kennt ihr bestimmt auch aus vielen Hollywood-Filmen», kündigt er in München etwa Claude Debussys «Claire de Lune» an. Kleine Anekdoten - wie etwa die, dass Garrett kürzlich versehentlich eine kostbare Violine beim Bühnenabgang zertrümmert hat - komplettieren das Bild des sympathischen Klassik-Jungstars. Wo bei Nigel Kennedy immerhin noch eine gewisse Widerborstigkeit zu spüren war, regiert nun Mainstream pur. Umso erholsamer ist da ein Blick auf das neue Album des Briten. Der interpretiert Werke von Mozart und Beethoven und verzichtet dabei ganz auf die übertriebene Selbst-Inszenierung seiner Person: Weder auf dem Cover noch im Beiheft zeigt Kennedy sein Gesicht. Stattdessen ist der 52-Jährige nur von hinten bei einer Sportart zu sehen, die zumeist älteren Zeitgenossen vorbehalten ist: Nordic Walking. (nz)