Deutsches Lied für den ESC 2008: 

netzeitung.deEngel mit gelähmten Flügeln

 Herausgeber: netzeitung.de

Carolin Fortenbacher unterlag nur knapp (Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Carolin Fortenbacher unterlag nur knapp
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Grand-Prix-Fans im Hamburger Schauspielhaus feierten Carolin Fortenbacher, doch das TV-Publikum wählte No Angels als deutsche Vertreter beim Eurovision Song Contest. Matthias Breitinger war dabei - und fürchtet, dass mit «Disappear» in Belgrad kein Blumentopf zu gewinnen ist.

Ich gebe es zu: Ich habe am Donnerstagabend nicht für die No Angels gestimmt. Beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) im Hamburger Schauspielhaus saß ich, eher zufällig aber doch passend, im Fanblock der Musicalsängerin Carolin Fortenbacher. Die kam im Saal weitaus besser an als ihre Konkurrenten, was sich auch – aber wohl nicht nur – mit dem Heimvorteil erklären lässt: Die stimmgewaltige 43-Jährige ist gebürtige Hamburgerin.

Für Fortenbacher sprach am Abend eigentlich mehr: ein bombastischerer Auftritt im dunkelblauen Kleid – Windmaschine und wehendes Tuch inklusive, womit indes auch die No Angels aufwarteten. Doch Fortenbacher trug ihre deutsche Ballade «Hinterm Ozean» stimmlich sicherer vor, der Funke sprang aufs Publikum über, was bei «Disappear» von No Angels ausblieb.

Am Ende gewann dennoch die zum Quartett geschrumpfte Retortenband, die im vergangenen Jahr ein bislang eher mageres Comeback gestartet hatte. Kein souveräner Sieg jedoch, im Superfinale zwischen Fortenbacher und den No Angels lag die Girl-Group am Ende mit 50,5 Prozent nur knapp vorn. Sichtlich enttäuschte Gesichter um mich herum, im Gegensatz zum letzten Jahr blieben «Zugabe»-Rufe aus.

Lied ohne Höhepunkt
Nicht, dass ich die No Angels nicht leiden könnte – Sandy, Lucy, Nadja und Jessica hatten noch zusammen mit Vanessa einige gute Lieder im Repertoire. Doch «Disappear» kommt an frühere Hits bei weitem nicht heran und plätschert nett, aber ohne wirklichen Höhepunkt vor sich hin. Das könnte sich am 24. Mai, wenn die vier damit für Deutschland beim europäischen Liederwettstreit in Belgrad starten, negativ aufs Ergebnis niederschlagen. Zu wenig bleibt bei «Disappear» von Anfang an hängen, und beim ESC hört das Publikum von Lissabon bis Baku jedes Lied eben nur ein Mal.

Nun haben die Deutschen im Wettbewerb wenig zu verlieren: Zuletzt erreichte Roger Cicero mit «Frauen regier’n die Welt» nur den 19. Platz – aber mit dem faden No-Angels-Lied könnte es auch nicht viel besser werden. Zwar hofft die Girl-Group auf Stimmen aus einer ganzen Reihe von Ländern, in denen sie in der Vergangenheit Hits hatte. Doch das allein zieht beim ESC nicht, wie der Schweizer DJ Bobo im vergangenen Jahr in Helsinki bitter zu spüren bekam: 20. Platz im Halbfinale, frühes Aus für «Vampires are alive».

Marquess mit wenig Süd-Flair
Dieses Schicksal bleibt No Angels bekanntlich erspart: Deutschland ist als eines von vier großen Ländern direkt fürs ESC-Finale gesetzt. Dort lief es in den vergangenen Jahren aber nur mäßig. Ein ähnliches Schicksal könnte nun wieder drohen. Stellt sich die Frage, welches der zunächst fünf angetretenen Lieder die besten Chancen in Belgrad gehabt hätte. Am wenigsten vermutlich «Just One Woman» von Tommy Reeve, eine gefühlvolle, aber etwas langweilige Ballade, die der 27-jährige Newcomer in weißem Hemd am Klavier vorgetragen hatte und die im europäischen Contest wahrscheinlich untergegangen wäre. Von Beginn an erhielt er auch den dünnsten Applaus im Saal.

Marquess, vier Jungs aus Hannover in ebenfalls weißem Outfit, eröffneten den Reigen mit der spanischsprachigen Latinopop-Nummer «La histeria». Sicher: Das war sympathisch präsentiert, doch es fehlte ein wenig an südlichem Feeling. Und warum hätte Deutschland ein spanisches Lied zum ESC schicken sollen? Nach wenig erfolgreichen Ausflügen mit Swing und Country? Zumal sich spanische Muttersprachler schon im Vorfeld über die nicht ganz authentische Aussprache von Sänger Sascha Pierro mokierten. Gut, das muss beim ESC kein Hindernis sein, wie Künstler aus Osteuropa Jahr für Jahr mit teils schlechtem bis unverständlichem Englisch beweisen.

Positiv überraschten da zumindest noch Cinema Bizarre, die jüngsten Teilnehmer im Rennen ums Ticket für Belgrad. Fünf junge Männer, die mit ihrem extravaganten Styling – androgyn mit viel Kajal und außergewöhnlichen Frisuren – beim ESC zumindest aufgefallen wären. Eher als die vier No Angels. Cinema Bizarre hatte zwar nicht viel Live-Erfahrung vorzuweisen, doch dafür wirkte der Auftritt recht souverän, und Sänger Strify hatte lediglich zu Beginn des Liedes ein paar stimmliche Probleme, was er später mit einer Erkrankung an den Stimmbändern erklärte.

Fortenbacher bleibt fröhlich
Nun gut: Die Zuschauer haben gewählt und sich mehrheitlich für die vier Casting-Mädels entschieden. Wobei im Anschluss an die Show im Hotel «Maritim», wo die Stars untergebracht waren, gemunkelt wurde, in der ersten Abstimmungsrunde – wo drei der fünf Kandidaten ausschieden – habe noch Carolin Fortenbacher vorn gelegen. Umso trauriger waren am Ende ihre Fans, die im Vorfeld darauf verwiesen hatten, dass im vergangenen Jahr schließlich eine Ballade in Landessprache den ESC für sich entschieden habe.

Das ist sicherlich ein schwaches Argument, denn das Gewinnrezept des Vorjahres zieht nicht zwangsläufig im Wettbewerb darauf: Eben gewann noch Hardrock mit Gruselmasken und Pyrotechnik, nun ein ohne große Showeffekte präsentiertes serbisches Liebeslied. Dennoch: Carolin Fortenbacher hätte in Belgrad mit ihrer beeindruckenden Stimme, ihrer fröhlichen Ausstrahlung und einer starken Komposition punkten können.

Die 43-Jährige ließ sich ihre Enttäuschung zumindest nicht anmerken: Die nächste Chance komme bestimmt, es sei doch schön, dass sie Zweite geworden ist, freute sich die Sängerin – und verließ, noch einmal ihren Fans zuwinkend, fröhlich das Hotel in die Hamburger Nacht. Wenn also auch die No Angels ihr Ziel erreicht haben («Wir wollen unbedingt nach Belgrad!» hieß ihre Parole), eines war Carolin Fortenbacher an diesem Abend bestimmt: die Siegerin der Herzen.