Deutsches Lied für den ESC 2008:
Engel mit gelähmten Flügeln
07.03.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Am Ende gewann dennoch die zum Quartett geschrumpfte Retortenband, die im vergangenen Jahr ein bislang eher mageres Comeback gestartet hatte. Kein souveräner Sieg jedoch, im Superfinale zwischen Fortenbacher und den No Angels lag die Girl-Group am Ende mit 50,5 Prozent nur knapp vorn. Sichtlich enttäuschte Gesichter um mich herum, im Gegensatz zum letzten Jahr blieben «Zugabe»-Rufe aus.
Nun haben die Deutschen im Wettbewerb wenig zu verlieren: Zuletzt erreichte Roger Cicero mit «Frauen regiern die Welt» nur den 19. Platz aber mit dem faden No-Angels-Lied könnte es auch nicht viel besser werden. Zwar hofft die Girl-Group auf Stimmen aus einer ganzen Reihe von Ländern, in denen sie in der Vergangenheit Hits hatte. Doch das allein zieht beim ESC nicht, wie der Schweizer DJ Bobo im vergangenen Jahr in Helsinki bitter zu spüren bekam: 20. Platz im Halbfinale, frühes Aus für «Vampires are alive».
Marquess, vier Jungs aus Hannover in ebenfalls weißem Outfit, eröffneten den Reigen mit der spanischsprachigen Latinopop-Nummer «La histeria». Sicher: Das war sympathisch präsentiert, doch es fehlte ein wenig an südlichem Feeling. Und warum hätte Deutschland ein spanisches Lied zum ESC schicken sollen? Nach wenig erfolgreichen Ausflügen mit Swing und Country? Zumal sich spanische Muttersprachler schon im Vorfeld über die nicht ganz authentische Aussprache von Sänger Sascha Pierro mokierten. Gut, das muss beim ESC kein Hindernis sein, wie Künstler aus Osteuropa Jahr für Jahr mit teils schlechtem bis unverständlichem Englisch beweisen.
Positiv überraschten da zumindest noch Cinema Bizarre, die jüngsten Teilnehmer im Rennen ums Ticket für Belgrad. Fünf junge Männer, die mit ihrem extravaganten Styling androgyn mit viel Kajal und außergewöhnlichen Frisuren beim ESC zumindest aufgefallen wären. Eher als die vier No Angels. Cinema Bizarre hatte zwar nicht viel Live-Erfahrung vorzuweisen, doch dafür wirkte der Auftritt recht souverän, und Sänger Strify hatte lediglich zu Beginn des Liedes ein paar stimmliche Probleme, was er später mit einer Erkrankung an den Stimmbändern erklärte.
Das ist sicherlich ein schwaches Argument, denn das Gewinnrezept des Vorjahres zieht nicht zwangsläufig im Wettbewerb darauf: Eben gewann noch Hardrock mit Gruselmasken und Pyrotechnik, nun ein ohne große Showeffekte präsentiertes serbisches Liebeslied. Dennoch: Carolin Fortenbacher hätte in Belgrad mit ihrer beeindruckenden Stimme, ihrer fröhlichen Ausstrahlung und einer starken Komposition punkten können.
Die 43-Jährige ließ sich ihre Enttäuschung zumindest nicht anmerken: Die nächste Chance komme bestimmt, es sei doch schön, dass sie Zweite geworden ist, freute sich die Sängerin und verließ, noch einmal ihren Fans zuwinkend, fröhlich das Hotel in die Hamburger Nacht. Wenn also auch die No Angels ihr Ziel erreicht haben («Wir wollen unbedingt nach Belgrad!» hieß ihre Parole), eines war Carolin Fortenbacher an diesem Abend bestimmt: die Siegerin der Herzen.

