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«Ich bin ein bisschen der Hofnarr»

07. Dez 2007 07:11
'Ich dachte: Oh Gott, jetzt muss ich mir die Scheiße auch noch antun. Aber diese Scheiße rockt!'
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«Erlkönig Reloaded»: Junge Dichter und Denker ist ein Projekt, das Kindern den Zugang zu den Klassikern erleichtern soll. Sophie Albers sprach mit Mentor Thomas D über Gedichte, die Angst der Gangsta- Rapper und den König und sein Volk.

Junge Dichter und Denker (JDD) heißt ein Projekt, das Kindern und Jugendlichen über die Hemmschwelle zu den großen Klassikern der deutschen Dichtung helfen soll. Und das mit Rap. Schüler verpacken Texte wie den «Erlkönig» oder auch den «Zauberlehrling» in Zeilen und rappen diese zu Beats. Der neue Zugang zu Goethe, Schiller&Co. schaffe neues Interesse an den Klassikern, hoffen die Organisatoren - und helfen beim Auswendiglernen.

Entstanden ist JDD der Sage nach an einem Sonntagmorgen am Frühstückstisch, als eine Schülerin sich mit einem Mörike-Gedicht herumplagte. Das Mädchen sei schließlich auf die Idee gekommen, den Text zu rappen, weil das leichter sei.

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Da ihr Vater Musikproduzent, mit Thomas D von den Fantastischen Vier befreundet ist, und auch andere Kinder Lernprobleme mit Gedichten haben, war bald die Idee zu den Jungen Dichtern und Denkern geboren. Thomas D ist Mentor der «seriösen» Rapper. Zwar ist er gerade auf Tournee mit den Fantastischen Vier, doch hat er Zeit für ein kurzes Telefonat.

Netzeitung.de: Würde Goethe heute rappen?

Thomas D: Gute Frage. Wenn er nicht singen konnte, hätte er vielleicht gerappt. Wenn die alten Herren ihre Werke auch gerne auf der Bühne präsentiert hätten, dann vielleicht, sonst hätten sie sich vielleicht jemanden gesucht. Also ich persönlich finde die Texte intensiver, wenn ich sie höre, als wenn ich die nur lese.

Netzeitung.de: Sind Rapper die Dichter unserer Zeit?

Thomas D: Also wenn das die heutige Dichtkunst darstellt, dann ist es schlecht um uns bestellt! Ich vermisse ehrlich gesagt die großen Poeten. Aber wer weiß, vielleicht wird uns die Zukunft ja lehren, dass einige der Rapper, die heute hier rumspringen, große Lyriker waren. Überlassen wir das dem Urteil der Nachwelt. Aber ich glaube, außer den Fantastischen Vier wird da nicht viel übrig bleiben! [lacht]

Netzeitung.de: Die bei der Jugend so beliebten Gangsta-Rapper empfinden diese Dichtkunst als Gymnasiasten-Wissen, also etwas für «Opfer».

Thomas D: [lacht] Also selbst mir als Nicht-Gymnasiast gehen die Texte sehr gut rein. Sie bewegen mich. Egal wann etwas geschrieben wurde, es bringt ein Gefühl rüber, das zeitlos ist. Du musst keine Bildung besitzen, um das zu verstehen. Das ist doch ein Selbstschutz dieser Herren, «das ist für Intellektuelle». Die haben Angst, sich den großen Werken zu öffnen. Wären sie wirklich scheiße, warum gibt es sie dann immer noch, warum interessieren sich die Leute noch dafür? Da muss also was sein.

'Wer reitet so spät durch Nacht und Wind...'
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Netzeitung.de: Geht es «Junge Dichter und Denker» eigentlich eher darum, die Texte zu lernen oder sie zu verstehen?

Thomas D: Das geht in beide Richtungen. Die JDD sind auch offen, das sind nicht nur «diese vier Jungs». Jeder da draußen kann und soll ein JDD sein. Deshalb gibt es auch Karaokeversionen. Es ist eine gute Lernhilfe und vielleicht bringt es ja auch jemanden zur Musik.

Netzeitung.de: Erinnern Sie sich noch an ein Gedicht aus Ihrer Schulzeit?

Thomas D: Uff... «Die Karawane»... Das war aber kein Klassiker, totaler Schwachsinn! Das bestand aus Geräuschen, die entstehen, wenn eine Karawane an einem vorbeizieht. Ich weiß nur noch den Schluss: «kusa gauma ba - umf». [lacht] Ich hab's damals rausgesucht, weil es einigermaßen schwierig war. Das war so in der achten, neunten Klasse. Ich bin wegen der Realschule um die großen Wälzer drumrum gekommen. Dann später musste ich mich aber doch damit beschäftigen, als ich mit Bela B. das «Faust vs. Mephisto»-Projekt gemacht habe. Oh Gott, jetzt muss ich mir die Scheiße auch noch antun, dachte ich. Aber diese Scheiße rockt! Da ist was drin. Alter, das waren doch gar keine Opfer! [lacht laut]

Netzeitung.de: Das ist jetzt die klassische Musik, aber Falco hat Mozart ja auch einen Punk genannt...

Thomas D: Das Unvorstellbare ist, dass die Musik damals nicht konservierbar war. Sie existierte nur, wenn sie gespielt wurde. Und man konnte nur machen, was dem König gefiel, denn der hat bezahlt. Heute ist das Volk der König...

Netzeitung.de: ... und machen Sie, was dem König gefällt?

'Die haben Angst, sich den großen Werken zu öffnen'
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Thomas D: Ich bin ein bisschen der Hofnarr. Ich verpacke die Wahrheit als Spaß und versuche so, meine Message rüberzubringen. Aber zwischen mir und dem König stehen auch noch die Medien. Da kommt manchmal gar nicht beim König an, was ich wirklich gesagt habe. Aber glücklicherweise gibt es ja das Feedback von den Fans, sie verstehen es schon richtig.

Netzeitung.de: Also sind die Medien doch nicht so mächtig.

Thomas D: Zum Glück.

Netzeitung.de: Ist die Trennung von Unterhaltung und Ernst überholt?

Thomas D: Kommt darauf an, wer die Trennung vollzieht. Aber ich kenne eigentlich keinen Künstler, der sich hinstellt und sagt, ich bin voll der ernste Künstler.

Netzeitung.de: Es gibt sicher Menschen, die es stört, dass Goethe mit Rap in einen Topf geworfen wird.

Thomas D: Solche Menschen gibt es immer. Aber worauf es doch ankommt, ist die Verbindung zu den Kindern, und die stellt die Musik her. Lernen mit Musik ist einfach erfolgreicher.

Mit Thomas D sprach Sophie Albers.


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