Chronik eines angekündigten Todes16. Okt 2007 12:42  |  'You're wondering now, what to do, now you know this is the end' | Foto: Universal |
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In Berlin hat Amy Winehouse am Montag ihre Europatour gestartet. Während der Star nicht wusste, ob er kotzen oder weinen soll, hätte Sophie Albers am liebsten die Bühne gestürmt und Erste Hilfe geleistet.
Es wäre passender gewesen, hätte Amy Winehouse das Auftaktkonzert ihrer Europatour nicht im Berliner Tempodrom, sondern in der Arena gegeben: Schließlich wurden die rund 3000 Zuschauer am Montagabend Zeuge, wie das Showbusiness auf offener Bühne sein Kind frisst.
Die Buhrufe und das Pfeifen wurden immer lauter, als die britische Sängerin um halb zehn noch immer nicht am Mikro stand. Die Jungs an den Scheinwerfern standen auf, setzten sich hin, standen wieder auf, um sich wieder hinzusetzen. Dabei gehörte es ja eigentlich zur Show, dass niemand wusste, ob der Star des Abends es überhaupt auf die Bühne schaffen würde. Doch Winehouse, die zuletzt alle Konzerte abgesagt hatte und im Sommer wegen einer Überdosis im Krankenhaus gelandet war, kam. Allerdings war sie offenbar so voll gepumpt mit Alkohol und Drogen, das man zuweilen nicht wusste, ob sie nun gleich kotzen oder weinen würde. Es tat einfach nur weh, die gerade mal 24-Jährige anzusehen, die sich im komplett freien Fall zu befinden scheint und sich um so verzweifelter an den Mikrofonständer klammert.
Erschütternd abgemagert und völlig abwesend nestelte sie immer wieder an ihrer Korsage, wischte sich unsichtbares Koks aus dem blassen, verschwitzten Gesicht, fummelte zwanghaft im Haar, hustete und würgte. Davon konnten auch ihre Vaudeville-tauglichen Backgroundsänger nicht ablenken. Doch man hatte ein Vision, wie brillant der Abend mit einer gesunden Amy Winehouse hätte sein können.
Das bescheuerte Klischee von Genie und Wahnsinn Denn auch wenn sich da oben auf der Bühne ein Opfer wandt, eine junge Frau, der der Ruhm intravenös die Sicht vernebelt, damit die Industrie sie bei lebendigem Leibe fressen kann, setzte sie doch immer wieder zur Gegenwehr an. Und zwar indem sie sang. Diese Stimme entschuldigt einfach alles, erklärt vieles und ist so ungeheuerlich, dass man ungläubig im Dunkel steht und sich vergeblich gegen das bescheuerte Klischee von Genie und Wahnsinn sträubt.
Was ist das für ein Mensch, der trotz Totalblackout jeden Ton trifft, mit den Melodien und Harmonien spielt, Obertönen nachjagt und kichert, weil alle denken, die Stimmgirlande hätte daneben gelegen, hat sie aber natürlich nicht? Auch wenn die Texte zuweilen verrutschten und Winehouse manchmal nicht zu wissen schien, in welchen Teil des Mikrofons sie eigentlich reinsingen sollte, war die Frau mit den Seemannstattoos zum roten Cocktailkleid im Beat, auf dem Ton, einfach in der Musik.
Chronik eines angekündigten Todes Und während die Künstlerin sich ihr Konzert hart erarbeitete - jeder neue Song, ob «Tears Dry On Their Own», «Back To Black» oder auch der Specials-Klassiker «You're Wondering Now», schien vor dem ersten Ton eine unüberwindliche Hürde -, schweiften die Gedanken ab zu anderen Ausnahmesängerinnen, die ihr Talent mit dem Leben bezahlt haben. Billie Holiday war seit Anfang der vierziger Jahre heroinabhängig, von Alkohol und Marihuana ganz zu schweigen. Trotz diverser Entziehungskuren wurde sie immer wieder rückfällig. Schließlich wurde ihr wegen diverser Drogendelikte die Auftrittslizenz für New York entzogen. Irgendwann konnte man den Verfall auch hören. 44 Jahre alt war die «Strange Fruit»-Interpretin, als sie völlig veramt und krank starb. Es gab jüngst eine Studie im «British Journal of Psychiatry», die besagt, dass die Wahrscheinlichkeit, auf einen Drogensüchtigen oder psychisch Kranken zu stoßen, angesichts einer Gruppe Jazzmusiker deutlich größer sei als bei einer Vergleichsgruppe anderer Künstler. Was immer das heißt.
 |  Die Vision eines brillanten Abends | Foto: AP |
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Britische Klatschmedien haben gerade begeistert berichtet, dass Winehouses Vater bereits die Grabrede für seine Tochter geschrieben habe, als diese im August zu viele Drogen auf einmal nehmen wollte. Dann hätten Presse und Familie es tatsächlich geschafft, die Frau gemeinsam tot zu schreiben.
This Is the End «You're wondering now, what to do, now you know this is the end/ You're wondering how, you will pay, for the way you did behave» (Du fragst dich, was du tun sollst, denn du weißt, dies ist das Ende/ Du fragst dich, wie du für dein Benehmen bezahlen wirst) lautet der Refrain von «You're Wondering Now», den Winehouse mit jeder Zelle ihres Körpers singt. In manchen Augenblicken, wenn sie voller Panik den Blick ins Publikum wagt, das für sie wie ein Monster auszusehen scheint, ahnt sie möglicherweise, wie hoch der Preis ist. Und da ist es doch nur verständlich, dass sie flüchten will. Bleibt zu hoffen, dass Winehouse die Reihe der jungen Toten des Popbusiness nicht erweitern wird. Obwohl die sich ja bekanntermaßen besonders gut verkaufen.
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