10.10.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Radiohead-Sänger Thom Yorke
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Radiohead haben es vorgemacht, nun planen auch namenhafte Kollegen ihre Alben ausschließlich über das Internet zu vertreiben. Musikinsider wissen schon jetzt, «das Experiment funktioniert».
Aus der Not heraus kamen Radiohead auf eine geniale Geschäftsidee: Da die Briten nach dem Ende ihres sechs Alben umfassenden Vertrags bei der EMI keinen neuen Vertrag abschließen wollten, bieten sie ihre neue Platte «In Rainbows» als Download oder CD-Box-Set im Selbstvertrieb auf ihrer Internetseite an. Erstaunlicherweise ist das Preisfeld leer - «It's up to you», steht dort zu lesen. Der Preis liegt also im Ermessen des Fans. Ein auf den ersten Blick gewagtes Experiment, das jedoch in Zeiten konstant sinkender Plattenverkäufe aufgeht.
Den cleveren Marketingtrick haben anscheinend auch andere verstanden: Wie die britische Zeitung «Telegraph» berichtet, planen nun etliche weitere Musikgrößen, die nicht vertraglich an eine Plattenfirma gebunden sind, die Fans ausschließlich Online mit neuem Hörmaterial zu versorgen, darunter zum Beispiel Oasis und Jamiroquai.
Während Radiohead sich weigern bekannt zu geben, wie viele Musikbegeisterte ihr siebtes Album online vorbestellt haben, zeigen Statistiken der Internetüberwachungsstelle «Hitwise», dass die Internetseite der Briten in den vergangenen Wochen von Platz 43 auf die Spitzenposition der britischen Musik-Websites geschossen ist. Und auch Google konnte verzeichnen, dass die Band seit der Aktion zehnmal so oft in die Suchmaschine eingegeben wird, wie zuvor.
Am Beispiel von Radiohead zeigte sich übrigens eine interessante Entwicklung: Ein Großteil der Fans verzichtet darauf, die Download-Version von «In Rainbows» zu beziehen. Die Mehrheit trägt sich stattdessen auf der Vorbestellungsliste für die rund 81 Dollar teure CD-Vinyl-Deluxe-Edition ein.
«Alle großen Künstler denken zurzeit darüber nach», sagte «Music Week»-Redakteur Stuart Clarke. Kein Wunder, denn die Download-Einnahmen schossen in den vergangenen zwei Jahren in astronomische Höhen. «Wenn die CD-Verkäufe so dramatisch sinken, warum sollte man dann noch bei einer Plattenfirma unterzeichnen?», fragt sich auch David Enthoven, Gründer von Robbie Williams' Musik-Management-Unternehmen «ie:music».
Popularitätsschub für die CharlatansVor allem für Musiker, die schon lange keinen Hit mehr hatten, birgt der Online-Vertrieb in Eigenregie ungeahnte Chancen. So werden auch die Charlatans, deren Sternstunden als Band bereits zehn Jahre zurück liegen, ihr nächstes Album zum kostenlosen Download anbieten. Um an die begehrten Songs zu gelangen, müssen die Fans allerdings vorher der Homepage des Radiosenders XFM einen virtuellen Besuch abstatten.
Das neue Album ist noch nicht mal online, doch allein die Ankündigung brachte den Briten einen Popularitätsschub ein. Das positive Feedback habe ihn überrascht, sagt auch Charlatans-Manager Alan McGee. Er ziehe daher bereits in Erwägung, größere Hallen für die im kommenden Jahr geplante Tour zu buchen. «Das Experiment funktioniert», so McGee, und ist sich sicher, dass die Einnahmen aus Ticket- und Merchandise-Verkäufen die fehlenden Album-Einnahmen wieder wettmachen werden. (nz)