«Du spielst, bis dein Körper kaputt geht»
Ein Problem, dass in Adams Karriere sowohl zu Zusammenbrüchen wie auch Neuanfängen geführt hat, sind Drogen und Alkohol. Die endeten im Januar 2004 in dem Musiker-Albtraum, dass er beim Konzert von der Bühne fiel und sich die Hand brach. Den Rest des Jahres verbrachte er mit Operationen und Reha.
Er habe alles neu lernen müssen, «sogar wie man eine Tasse hält», sagt Adams, der hyperaktiv durchs Hotelzimmer rennt und seine Antworten auch aus dem Bad rüberruft. So gar nicht der erwarteten Coolness entsprechend ist sein Interesse an Eisbär Knut. Wegen dem muss das Interview sogar kurz warten, denn Adams will ein Bild des Zoo-Stars faxen. Aber Brad Pemberton ist auch noch da, Drummer von Adams Band The Cardinals.
Netzeitung.de: Werden Sie sich Knut auch angucken?
Brad Pemberton: Das will vor allem er.
Netzeitung.de: Eigentlich warten doch alle darauf, dass Knut groß genug wird, um seinem Pfleger den Kopf abzubeißen.
Ryan Adams: [dreht sich abrupt um] Er würde es nicht böse meinen.
Netzeitung.de: Aber er würde es tun.
Adams: Weil er denkt, dass alle anderen auch Eisbären sind. Aber er wird dabei süß aussehen.
Netzeitung.de: Herr Adams, können Sie sich einfach hinsetzen und sagen ich mach jetzt ein Album?
Adams: [rennt ins Bad und ruft] Ja! Verdammt, wo finde ich einen Aschenbecher?
Pemberton: Nimm doch einfach den Teller da.
Netzeitung.de: Sie haben einen beeindruckenden Output.
Adams: Danke. Wissen Sie, ich habe eine ziemlich strikte Arbeitsmoral. Ich liebe die Arbeit, da sollte das nicht so schwierig sein. Und es macht ja auch Spaß. Ich bin kein Tunnelgraber und liebe es so sehr, dass ich schon fast in China bin. Aber ich bin gut im Jammen.
Netzeitung.de: Manche Leute bauen Autos zusammen, andere Computer, und Sie bauen eben Songs?
Adams: Es ist mein Job, und ich liebe meinen Job! Wir sitzen jetzt hier und machen das Interview, ich spiele live... Natürlich gibt es auch Nachteile, diese ganzen Termine. Manchmal ist dieser Job sehr fordernd, auch sozial. Aber jede Arbeit hat Vor- und Nachteile, aber er ist es wert! Ich denke es ist eine noble Profession.
Netzeitung.de: Das heißt?
Adams: Die harte Arbeit sollte nicht nur dazu dienen, dass man eine Person ist, die Platten rausbringen kann. Für die Möglichkeit, es als Beruf zu machen, musst du doppelt so hart arbeiten. Die Arbeit fängt an, wenn du den Job bekommst. Ich ruhe mich nicht auf Lorbeeren aus «Hey, ich bin jetzt gut genug, um Alben aufzunehmen, ich sollte jetzt an den Strand gehen und mache eine Platte, wenn es passt.» Nein, ich wollte diesen Job wirklich haben, und jetzt habe ich ihn.
Brian: Und behalte ihn! [lacht]
Adams: Und reiße mir den Arsch dafür auf!
Netzeitung.de: Manche Ihrer Songs sind so intensiv, dass es sich so anhört, als hätten Sie doch fast bis China gegraben. Wie tief müssen Sie eigentlich noch gehen nach all den Jahren und Alben? Weiß man nicht irgendwann, welche Knöpfe man drücken muss?
Adams: Sie meinen, ob ich mittlerweile nur so tue, als ob ich grabe?
Netzeitung.de: Ganz ehrlich, früher war jeder Text für mich eine schwere Geburt, Blut, Schmerzen, das ganze Paket. Mit der Zeit ist es leichter geworden, weil ich weiß, wie es geht. Das Schreiben tut nicht mehr so weh, jedenfalls nicht immer.
Adams: Aber es ist immer noch Ihr Prozess, den Sie durchlaufen. Der großartige Job, den Sie haben, Gedanken in Worte zu packen, Sie haben sich an den Sprung gewöhnt. Dieser Sprung über eine gigantische Schlucht mit zerbrochenem Glas drin und irgendwelchen Monstern ist nun nicht mehr ein Sprung im Gottvertrauen. Sie wissen, ich springe einfach. Aber der Canyon ist immer noch da! Sie haben eine Toleranz aufgebaut gegenüber der Angst zu springen.
Netzeitung.de: Und Sie? Haben Sie auch eine Toleranz aufgebaut?
Adams: Nein. Auch ich springe einfach. Und das fällt mir manchmal immer noch unheimlich schwer. Ich stehe auf, und ich springe! Ehrlich gesagt suche ich manchmal auch nach Stellen, wo die Schlucht ein bisschen breiter ist. Ich mag es, den Schmerz zu spüren. Der bedeutet mir was. Aber das ist ein Männerding! Wenn ich nicht genug Unbehagen verspüre, arbeite ich nicht hart genug. Um mehr Wahrheiten zu finden, die ich eigentlich nicht bereit bin, preis zu geben.
Netzeitung.de: Und das gilt für alle Songs?
Adams: Nicht für alle Songs. Aber so unangenehm es auch sein kann, ich weiß, dass es das Beste für mich ist. Meiner Meinung nach diene ich den Songs, der Band und allen anderen am besten, indem ich versuche, die unangenehme Wahrheit zu entdecken, wie es ist, jeden Tag zu existieren. Das sind die kleinen Dinge, nicht die großen. Das erfordert intensive Analyse und auch Unbehagen, aber wissen Sie, man gewöhnt sich dran.
Netzeitung.de: Gute Güte. [Auch Pemberton guckt unglücklich.]
Adams: Nein, jetzt nicht metaphysisch, eher wie eine Schlange, die etwas abwirft oder so. Als würde ich versuchen, mich aus meinen Grenzen herauszureden in den Songs. Das ist intensiv.
Netzeitung.de: Da Sie gerade von Schmerzen sprechen: Sie haben sich vor drei Jahren das Handgelenk gebrochen. Was haben Sie gedacht, als Sie begriffen haben, dass sie gebrochen ist? Das muss doch der totale Horror eines Musikers sein, wenn er sein Instrument nicht mehr bedienen kann.
Adams: Ja, das waren harte 20 Minuten. Aber ich war beeindruckend ruhig. Ich habe die anderen Leute im Auto beruhigt auf dem Weg ins Krankenhaus. Das war sehr seltsam: Ein Mechanismus in meinem Kopf, den ich bisher nicht kannte, setzte sich in Gang und hat mich zur beruhigenden Kraft gemacht. Ich wusste, wie ernst es ist. Die Leute um mich herum standen unter Schock. Und ich auch.
Netzeitung.de: Wie sah das aus?
Adams: Ich war blass und habe geschwitzt, wollte schlafen. Ich wusste, dass ich unter Schock stehe, also hab ichs mir ausgeredet, indem ich meinem besten Freund und dem Drummer... Das war damals ein anderer, weil Brad und ich verstritten waren, wie lebenslange Freunde das manchmal sind. Er war ein Arschloch!
Pemberton: Er hat uns gefeuert. Willst du jetzt darüber reden?
Adams: Wie auch immer. Wir waren auf jeden Fall auf dem Weg ins Krankenhaus, und es war grotesk. Es sah ziemlich schlimm aus.
Netzeitung.de: Stand die Hand in einem komischen Winkel ab oder so was?
Adams: Es war ein glatter Bruch, und es sah aus wie eine zweite Hand am Arm. Das Blut kam aus den Poren, das war krass. Als ich dann im Krankenhaus war, haben sie mir Beruhigungsmittel gegeben.
Netzeitung.de: Und haben die gewirkt?
Adams: Sie haben es versucht. Aber zu der Zeit hatte ich eine ziemlich hohe Toleranz für so was. [grinst] Das war ein bisschen so, als wollte man ein Pferd ausknocken! [Lachen]
Netzeitung.de: Und was haben Sie gedacht, wie es mit Ihrer Karriere weitergeht? Mir fällt gerade dieser Film ein, «Swing Kids», da wird ein Gitarrist von Nazis zusammengeschlagen, und sie brechen ihm zwei Finger. Er ist verzweifelt, doch als der Gips ab ist, bindet er sie zusammen und sagt, nun spiele er wie Django Reinhardt. Hatten sie solche Gedanken? Was passiert, wenn es nicht wieder so wird, wie es war?
Adams: Ich habe wortwörtlich im Moment gelebt. Aber so war eigentlich mein ganzes Leben zu der Zeit: von Augenblick zu Augenblick. Ich habe nur gedacht, was kommt als nächstes? Was machen wir jetzt? Was mache ich jetzt? Um Ihnen die Wahrheit zu sagen: Zu der Zeit war ich sehr frustriert, und dieser Unfall hat mir wirklich einen Augenblick Ruhe verschafft. Ich war plötzlich friedlich. Das kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Ich habe nicht aufgegeben, und ich war auch nicht depressiv, ich wurde einfach nur unglaublich ruhig.
Netzeitung.de: Und Sie hatten keine Angst?
Adams: Nein, sogar damals schon habe ich gedacht, wenn es das jetzt gewesen sein soll, kann niemand sagen, dass ich meine Arbeit nicht gemacht habe. Ich habe damals so viel gearbeitet, wie möglich war. Ich war zufrieden. Ich hatte nicht das Gefühl, oh Gott, hätte ich doch noch ein paar mehr Songs schreiben können. Ich konnte abwarten. Ich habe mich gefühlt wie einer dieser Football-Typen: Du spielst, bis dein Körper kaputtgeht.
Netzeitung.de: Und dann?
Adams: Ich habe das Training, um die Hand wieder gesund zu kriegen, sehr ernst genommen. Drei Monate Operationen. Da waren Titanplatten drin, und mir kamen Schrauben aus dem Arm, die haben einen Nerv durchtrennt, die Knochen schmerzten. Es gab keine Medikamentenmenge, die mir diesen Schmerz hätte nehmen können.
Netzeitung.de: Ist sie besser als vorher?
Adams: Ehrlich gesagt ja! Ich spiele sogar besser, ich spiele anders. Es ist, als sei eine andere Person aus meinem Handgelenk gekommen. Anscheinend wurden andere Teile meines Gehirns aktiviert. Ich war vorher ganz okay als Gitarrist, aber jetzt spiele ich komplett anders!
Pemberton: Du hast es vorher nicht so ernst genommen. Jetzt bist Du echt viel besser!
Adams: Ich kann jetzt Sachen spielen, die früher gar nicht möglich waren! Andererseits gibt es Sachen, die ich früher konnte, die kann ich jetzt nicht mehr. [Er geht wieder ins Bad] Schuldigung, ich hab was im Auge.
Netzeitung.de: Sind Sie eigentlich ein Patriot?
Adams: Nein, und es ist mir echt egal, was die öffentliche Einstellung dazu ist. Ich verstehe es einfach nicht. Tiere sind keine Patrioten, sie gehen dahin, wo sie leben können. Ich will nicht sagen, dass ich ein Tier bin, aber Eisbären mögen das Eis, Biber mögen Dämme...
Netzeitung.de: Sie finden Knut wirklich toll, oder?
Adams: Er ist einfach süß! Und wenn er groß ist, wird er diese Kraft haben, diese Macht!
Netzeitung.de: Sie meinen, es ist interessant, dass diese Kraft und Größe zu Beginn so niedlich ist?
Adams: Das Tier ist einfach liebenswert, verdammt liebenswert. Wenn man ihn mit Ästen spielen sieht, dann wird er groß und fängt Fische mit seiner Pranke...
Netzeitung.de: Und tötet sie mit einem Schlag...
Adams: Er wird niemanden töten, wenn man ihn nicht provoziert. Er ist ein Eisbär, Mann. Wenn Du nicht willst, dass Mike Tyson dich KO haut, dann steig nicht mit ihm in den Ring! Es gibt Regeln des Zusammenlebens, die gelten auch für Eisbären. [Adams sehr ernst, der Rest lacht] Ob ich ein Patriot bin, wollten Sie wissen?
Netzeitung.de: Ihre Musik hat etwas Uramerikanisches: Blues, Country, Folk.
Adams: Meine Version von Amerika, mein Bild davon, hat mit dem wirklichen Amerika wenig zu tun. Es ist eine sentimentale Verklärung. Dinge, die ich gesehen habe, als ich aufgewachsen bin. Das war alles in dieser kleinen Gemeinde, es ging nur um mich, um die Bowlingbahn, zu der mich mein Großvater mitgenommen hat, seine Kumpels, mit denen er im Hof horse shoes gespielt hat, sein altes Auto, das er fuhr, mit dem Haifischflossen-Heck, die Art, wie er und meine Großmutter miteinander gesprochen haben, wenn wir im Drive-in-Kino waren, Frühstück an einem Sonntagmorgen, lustige Werbung auf den Milchkartons, Leute, die Schallplatten tauschen, die alten RocknRoll-Säle. Das existiert alles nicht mehr. Aber ich halte daran fest, wo ich herkomme. Denn es gab dort Dinge, die mich glücklich gemacht haben, und die werden immer Teil meiner Musik sein, weil sie zu mir gehören, zu meinen Träumen. Sie sind das, was ich unter gut und Heimat verstehe. Ich weiß, dass ich das nicht wieder finden kann. Du kannst nur einmal da sein, wo du herkommst. Ich bin sentimental, wenn es um mein Leben geht.
Netzeitung.de: Also nicht Patriot sondern Nostalgiker.
Adams: Könnte sein. Es geht um die vierziger, fünfziger Jahre, Amerika vor der Kommerzialisierung, als in den meisten Städten diese alten Esso Tankstellen und Frank Lloyd Wright Gebäude standen. Diese Version Amerikas, die bis in die Sechziger gedauert hat, die Anfang der Siebziger auslief. Diese Welt war noch da, als ich geboren und aufgewachsen bin. Das hat sich alles geändert.
Netzeitung.de: Und das ist schlecht?
Adams: In unserem Land geht es nur noch um Wandel. Was ist neu? Dieses Guck-dir-die-Nachrichten-an-Ding. So bin ich nicht. Was ich sagen will, da wo ich herkomme, gibt es kein tieferes Verständnis dafür, zu erhalten, was der Ort früher war, historisch gesehen. Tradition ist nicht wirklich von Interesse.
Brad: Na, im Süden aber schon.
Adams: Manchmal glaube ich, das liegt nur daran, dass ich älter werde. Mein Großvater hat immer gesagt: Es ist nicht mehr so, wie es war, als ich aufgewachsen bin. Und ich hab damals gedacht, ja red du nur, Opa. Aber jetzt erkenne ich dieses Klischee wieder und erwische mich selbst dabei, dass ich das sage. Das ist wohl ein Zeichen dafür, dass ich defintiv alt werde.
Netzeitung.de: Brauchen Musiker andere Musiker um kreativ zu sein?
Adams: Manche schon. Ich denke in der Rockmusik ist Kollaboration ein Muss: Man muss Begeisterung hervorrufen, ein Publikum ansprechen. Dazu muss die Band kommunizieren. Vor allem im RocknRoll geht es um Gruppendynamik. Das funktioniert nicht solo. Und ich liebe die Idee des Improvisierens. Beim Schreiben brauche ich andere Leute, die ihre Gedanken einbringen, denn selbst wenn du bei deinen Ideen bleibst, der Stil der anderen nimmt Einfluss. Und ich finde die Ideen von anderen normalerweise zehn Mal intensiver als meine eigenen. Was immer du reintust, kommt zurück.
Netzeitung.de: Herr Pemperton, ist es wirklich so schwierig, mit Herrn Adams zu arbeiten?
Pemperton: Nein gar nicht, wir kennen uns schon so lange, da haut man sich die Nasen manchmal ein. Aber es ist OK.
Adams: Wir sind so eng befreundet.
Pemperton: Man streitet sich, aber wenn man es zur anderen Seite schafft, dann ist es besser als vorher.
Adams: Ich würde sagen, man kann vernünftig mit mir arbeiten. Irgendwann bin ich mal auf den Typen «schwieriger Künstler» festgelegt worden, aber nur, weil ich für mich selbst einstehe. Wenn Dinge passieren, die mir nicht gefallen, dann sagen viele Leute nichts, sie nehmens hin. Und später fühlen sie sich dann als Opfer und ärgern sich über die einfachsten Sachen. Ich toleriere das einfach nicht. Es ist verdammt noch mal nichts weiter als RocknRoll! Das ist scheiße? Also mach ichs nicht! Du kannst mich nicht zwingen.
Pemberton: Der, vor dem du am Ende des Tages gerade stehen musst, bist du selbst. Und wenn du damit nicht klar kommst, was soll dann das Ganze?
Mit Ryan Adams und Brad Pemberton sprach Sophie Albers.

