Sein Herz ist ein Sammler06. Jun 2007 07:54  |  Die Band mit der Frau am Bass: Fertig, Los! | Foto: PR |
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Unbekümmerter als Wir sind Helden, aber mit ebenso eingängigen Melodien: Die junge Band Fertig, Los! hat ein schönes Debüt-Album vorgelegt - das der Band aber noch Platz zum Reifen lässt, findet Matthias Breitinger.
Ach Gott, noch eine neue deutsche Band, die gitarrenlastige Indie-Popmusik mit deutschen Texten paart! Und in der Tat dürfte der Anteil derer, die neben Anajo und Wir sind Helden auch noch die neue CD der bislang weitgehend unbekannten Band Fertig, Los! im Schrank stehen haben, recht groß sein. Kein Wunder: So weit weg ist Fertig, Los! von den beiden anderen Bands nicht – wobei «Das Herz ist ein Sammler», das Debüt der vier Münchener, noch ordentlich Raum lässt zur Entwicklung, nachdem ihre EP mit dem genialen Titel «Den Westwind ernenn' ich zu meinem Friseur» im vergangenen Jahr in ihrer oberbayerischen Heimat schon für Aufmerksamkeit gesorgt hat.Im Gegensatz zu den gereiften «Helden» und Anajo sind die Mitglieder von Fertig, Los!, abgesehen vom 24-jährigen Sänger Philipp Leu, noch im Teenageralter. Unbekümmert kommt also «Das Herz ist ein Sammler» daher, beim Text des Anti-Neonazi-Liedes «Links rechts links» möchte man fast schon von blauäugiger Harmlosigkeit sprechen. Denn wie anders lassen sich Zeilen bezeichnen wie «ein übler Verein will Aufmerksamkeit» und «Links rechts links marschier'n sie vorbei, an einem Samstag im Mai. Ich seh' ihnen zu, in der Mitte stehst du»? Da wünscht man sich doch ein wenig mehr Wut, zumal Leu hier aus dem eigenen privaten Fundus schöpft: Sein bester Schulfreund entwickelte in der siebten Klasse faschistisches Gedankengut und beschimpfte dann Leu – dessen Eltern kommen aus Rumänien. Doch Zorn sucht man in «Links rechts links» vergebens, und so richtig gesellschaftspolitisch ist das Lied auch nicht. Musikalisch allerdings fängt «Links rechts links» die rechte Demo durch den Marschrhythmus in der zweiten Liedhälfte sehr gut ein.
Real oder Vermarktungsstrategie?
In einem weiteren Lied auf der CD wagt Fertig, Los! ein wenig Gesellschaftskritik: «Ein Geheimnis», die Vorab-Single zum Album, dreht sich um Trends und wie sie entstehen. «Ist es etwas Neues, fällt bald jeder darauf rein? (…) Kommt es aus dem Ghetto oder von der Industrie, ist es wirklich 'real' oder Vermarktungsstrategie?», so übt die Band Kritik an der Konsumwelt. «Mich amüsieren diese völlig durchschaubaren Pläne von Handykonzernen oder auch Plattenfirmen, die versuchen, etwas Mysteriöses und Geheimnisvolles um ein Produkt oder eine Band aufzubauen», erzählt Leu in einem Interview.«Da wird oft ein großer Marketingaufwand betrieben, doch dann fehlt schlichtweg die Substanz dahinter», sagt Leu und räumt ein, selbst auch nicht gegen solche Strategien gefeit zu sein. «Aber wenn man immun ist, wird man irgendwann humorlos und hat auch keinen Spaß mehr am Leben.» Vielleicht liegt es genau daran, dass sie auch in «Ein Geheimnis» nur die Lage konstatiert, aber sie nicht wirklich angreift wie (ja, der Vergleich muss noch mal sein!) Wir-sind-Helden-Texterin und -sängerin Judith Holofernes.
Die Oma vor der Glotze Textlich den reifsten Track liefert Fertig, Los! auf dem Album mit «Ich weiß nicht, wie das ist», erneut ein Lied mit persönlichem Hintergrund Leus, aus dessen Feder übrigens alle Texte stammen. Der Band-Frontmann singt über seine Oma, die – wie er erzählt – einst aktiv gewesen sei und heute den ganzen Tag leidenschaftslos in den Fernseher starre, egal was läuft: «Sie nahmen dir die Meinung, jetzt sitzt du nur noch rum» und «Fernseher werden breiter, die Perspektive bleibt begrenzt» zählen zu den besten Zeilen des Albums.Doch spricht aus Leu auch eine passive Hilflosigkeit, denn eine Lösung für die Oma hat er nicht parat: Mehr als «Bitte hör' nicht auf zu atmen (…) hör' nicht auf, dich zu bewegen» und «Ich mach' mir große Sorgen um dein Glück» fällt ihm nicht ein. Vielleicht ist das von einer jungen Band, die gerade erst Abitur und Fahrschule hinter sich hat, auch zuviel verlangt – oder von einer Popband, die sich den «Spaß am Leben» erhalten will. Allerdings: So viel Spaß scheint Leu in seinem Leben in den vergangenen Jahren auch nicht gehabt zu haben, denn textlich kommt auch der Rest des Albums nicht unbedingt heiterer daher, so locker die Musik auch klingen mag: Mit Vorliebe singt der Frontmann nämlich über verflossene Liebe. Der 24-Jährige hat in Sachen Liebesleben offenbar schon einiges erlebt – er beteuert, die Texte seien durchweg autobiographisch, doch habe er «erst zweien verraten», dass es ein Lied über sie gibt, räumt Leu offenherzig ein. Sein Herz ist unverkennbar ein Sammler.
Parallele Leben
 |  Debütalbum: 'Das Herz ist ein Sammler' | Foto: PR |
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In «Erst parallel» erzählt Fertig, Los! von der Unvereinbarkeit verschiedener Lebensläufe in einer Partnerschaft. Selbst das neben «Ein Geheimnis» bislang bekannteste Lied der Band, «Ich kann dich hören», befasst sich mit dem Ende einer Liebe: «Du hast genug, das hab' ich auch. Geschichte geht jetzt weiter, und du bist nicht dabei.» Auch in «Ich weine» verarbeitet Leu den Tag, als er von einem Mädchen den Laufpass bekam. Kombiniert mit der beschwingten Musik verbreitet Fertig, Los! aber eher das Gefühl, als habe Leu seine Beziehungskrisen recht zügig verarbeitet und abgehakt.Die Ausnahme bildet hier «Zwischen den Zeilen», der instrumentalisch ungewöhnliche wie textlich brillante Höhepunkt des Albums. Die Band hat hier die Gitarren beiseite gelegt, eine monotone Klavierbegleitung im Stile Yann Tiersens stellt den wunderschönen Text nach vorn: «Wir verbrachten viel Zeit damit, mit Worten zu übertreiben, und der Abstand zwischen Wahrheit und Zeichen nahm uns bald die Sicht. Denn gehemmt von den Kleinigkeiten konnten wir nur zusehen und verschweigen, wie eine große Liebe zerbricht.» Die Stücke auf dem Album seien «Facetten von Schlüsselerlebnissen», sagt Leu – und das dürfte das Erfolgsrezept für «Das Herz ist ein Sammler» sein: Die Texte sind direkt aus dem Leben gegriffen, und so werden sich vor allem die Hörer der Fertig, Los!-Generation mit ihnen identifizieren können. Darüber hinaus bleibt der melodische Gitarren-Pop der Band gleich im Ohr hängen, so dass man sehr schnell mitsummen kann. Oder, wie Philipp Leu sagt: «Wir machen Musik, die einfach gestrickt ist und darauf aus ist, emotional zu wirken.» Dieses Ziel ist zumindest schon einmal erreicht. Man darf gespannt sein, was von den Vieren noch alles kommt. Fertig, Los!: «Das Herz ist ein Sammler» (SonyBMG)
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