netzeitung.deWir sind immer noch Helden

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Cover von 'Soundso' (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Cover von 'Soundso'
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Griffige Slogans, Lautmalerei und gewohnt tiefgründige Texte. Wir sind Helden veröffentlichen ein neues Album. Auf «Soundso» geht es unter anderem um die Frage, ob Musik Arbeit ist.

Wurde nicht kürzlich ein kleiner Held geboren? Natürlich, Friedrich heißt der Spross der Helden-Eltern Judith Holofernes und Pola Roy. Vom Mutterglück singt seine Mama trotzdem nicht. Jedenfalls auf dem neuen Wir-Sind-Helden-Album «Soundso» (EMI, erscheint am Freitag) noch nicht. «Meine Gedanken zum Kind sind vorhanden, aber die fließen eher in die nächste Platte ein», sagt sie. «Die Verarbeitung meiner Lebensrealität tritt beim Verfassen meiner Songtexte immer mit Verspätung in Erscheinung.»

Ihre «(Ode) An die Arbeit» markiert stattdessen gleich als Eröffnungsnummer, wie Wir Sind Helden auf Album Nummer drei ticken. Frecher, stellenweise sogar richtig aufmüpfig sind sie geworden. Das waren sie zwar eigentlich schon immer. Aber dem «guten Gewissen» des deutschen Pop geht es diesmal nicht so sehr um vordergründige Sozial- und Konsumkritik. «Wenn ich ein kleines, dadaistisches Liedchen über Arbeit schreiben will, muss ich meiner Meinung nach nicht zwangsläufig die Vor- und Nachteile von Hartz IV diskutieren müssen wollen», erklärt Holofernes.

Ob das, was das Schaf da mit dem Gras macht, Arbeit ist, fragen die Helden zum forsch-stampfenden Elektro-Disco-Beat und bleiben zwar die Antwort schuldig, ob Musik machen Arbeit ist. Aber sie überraschen mit einer Breitseite an Vielfalt, die entweder auf Leichtsinn oder totalen Nonkonformismus hindeutet. «Du darfst ruhig vor dem Album warnen», meint Holofernes. Also gut! Ein «Wenn es passiert» oder «Denkmal» gibt es auf «Soundso» nicht. Krude Hymnen wie «Endlich ein Grund zur Panik», die erste Single von «Soundso», dagegen gleich ein paar.

Die Schlussfolgerung lautet nicht unbedingt, dass die Helden keine schönen Lieder mehr schreiben können. Ihre Definition von «schön» hat sich verändert. Zumindest im Moment. Schön ist jetzt das, was mitunter den größtmöglichen Absurditätsfaktor enthält. «Wir haben das 'Arbeits'-Lied ganz bewusst an den Anfang des Albums gestellt, weil es sozusagen als Türöffner für alles, was danach kommt, dienen soll», erzählt Keyboarder und Gitarrist Jean-Michel Tourette.

Sogar tugendhaft
Zweifellos lässt es sich mit 1,2 Millionen verkaufter Einheiten ihrer ersten beiden Alben leichter experimentieren. Auf «Soundso» sogar tugendhaft. Denn pophistorische Querverweise, von denen es in den zwölf neuen Songs jede Menge zu entdecken gibt, können durchaus auch lustig sein. Wenn sie heldenhaft umgesetzt werden.

Wer sie nur aus dem Radio kennt und mag, muss sich bis zur nächsten Platte gedulden. Wer ihre Alben verschlungen hat, bekommt mit «Soundso» das Sahnehäubchen geliefert. Weil es die Essenz der Helden beinhaltet: griffige Slogans, Lautmalerei, Hörspielartiges, ganz viel Wumms und die gewohnten, tiefgründigen Texte. Zwar wirken sie, die Holofernschen, diesmal ein wenig schroffer als bisher gewohnt. Aber Holofernes geht es als Texterin in erster Linie immer noch um Empathie ihren Zuhörern gegenüber. Auch wenn sie, wie in «Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst», eher mit der Faust, denn mit der streichelnden Hand agiert. «Mitfühlen und Brüllen können ja mitunter aus dem gleichen Gefühl heraus entstehen. Ich finde meine Texte diesmal auch härter und habe mich schon selbst gefragt, ob ein Lied wie 'Der Krieg' wohl eher für Angst sorgt. Letztlich kann ich mir von möglicher falscher Interpretation aber keine Selbstzensur-Vorschriften machen lassen.»

Was wiederum die Frage aufwirft, wie weit die vier Musiker, die wegen ihres gelebten Individualismus von den Hochglanz-Gazetten als liebenswürdige Sonderlinge gefeiert wurden und vom Publikum für ihre unbedingte Authentizität geliebt werden, zu gehen gewillt sind. Es vom Indie-Act zu einer der beliebtesten Bands des Landes zu schaffen und mit Klamotten aus dem Second-Hand-Laden bei «Wetten dass?» aufzutreten, ist natürlich ungewöhnlich. «Aber manchmal frage ich mich auch, warum es mit Lebensumständen, die für mich völlig normal sind, so einfach ist aufzufallen. Wenn unser Karriereweg als Band und unsere Lebensrealität schon ausreichen, um als die großen Individualisten dazustehen, muss man sich vielleicht tatsächlich Sorgen die Außenwelt machen», meint Holofernes.

Humor kein Fremdwort
Ihre Lust an musikalischen Experimenten werden sie sich jedenfalls weder vom Diktat der Charts, noch der Zuhörer, die sie für ihre Hits lieben, verbieten lassen. Zweistimmige Gitarren, die eigentlich ein Tabu im deutschsprachigen Pop sind, werden im Titelsong bis zum Anschlag ausgereizt. Mutig, mutig, wie die Helden damit eine Lanze für die Rückkehr des Spaß-Faktors im Pop brechen.

Tourette wundert sich indes über die generelle, mediale Wahrnehmung seiner Band und erklärt gleichzeitig den Albumtitel. «An unserer Band hängt in der Außenwahrnehmung so viel, was nichts mit Musik zu tun hat, dass wir immer mal wieder darauf hinweisen wollen, dass unsere Kunstform die Musik ist. Es ist erstaunlich und mitunter seltsam, was man an den Helden festmacht. Für die einen sind wir so, für die anderen so.» Ihrem Selbstverständnis nach sind Wir Sind Helden «Soundso». Damit offenbaren sie sich als das, woran es diesem Land immer noch mangelt: eine mutige Pop-Band, für die Humor kein Fremdwort ist. Genug gewarnt? (Michael Loesl/AP)