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Westen verhalf Serbien beim Grand Prix zum Sieg

15. Mai 2007 13:24
Siegreich in Ost und West: Die Serbin Marija Serifovic
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So manche gehen mit den beim Grand Prix siegreichen Ost-Ländern hart ins Gericht. Matthias Breitinger kann da nur den Kopf schütteln - und erklärt das Ganze mal richtig.

Nicht nur in Fan-Kreisen kennt die Nachlese des Eurovision Song Contest 2007 lediglich ein Thema: die Fülle von früheren Ostblockländern, die im Ranking vorne liegen. Auch das deutsche Zentralorgan fürs Entertainment, die «Bild»-Zeitung, hat sich des Themas angenommen und empört sich in den üblichen großen Buchstaben über den «Schummel-Grand-Prix» und die «Stimmen-Mafia aus Ost-Europa», die «endlich» gestoppt werden müsse.

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Um der Wut Gewicht zu verleihen, darf in «Bild» Schlagersängerin Nicole zu Wort kommen, die vor 25 Jahren mit «Ein bisschen Frieden» den Wettbewerb für Deutschland (West) gewonnen hatte: «Es ist offensichtlich, dass sich die osteuropäischen Länder von Jahr zu Jahr gegenseitig die Punkte zuschanzen.» Ach ja, deshalb hat 2006 auch Finnland gewonnen, das bekanntermaßen auf dem Balkan liegt. Und deshalb wurde die schwedische Sängerin Carola im vergangenen Jahr auch Fünfte.

Zudem übersahen «Bild» und Nicole geflissentlich, dass der deutsche Swing-Sänger Roger Cicero seine höchsten Wertungen – je sieben Punkte – auch aus Nachbarländern bekam: aus Österreich und der Schweiz. Die fünf Punkte aus Spanien wiederum dürften dank der zahlreichen Deutschen auf Mallorca zustande gekommen sein – Emigranten-Voting also nicht nur durch die in Deutschland lebenden Türken. Zudem gibt es Nachbarschafts-Stimmen, seit es den Wettbewerb gibt: Häufig hielten da skandinavische Länder zusammen. «Skandi-Mafia» oder ähnlicher Musikgeschmack?

Kein 50:50-Verhältnis mehr

Wundern muss man sich vor allem über die Haltung, die aus der Empörung der «Bild» spricht: Die Westlieder waren besser als der Müll aus dem Osten, so spricht es aus den Zeilen des Boulevardblatts, und der ist völlig zu Unrecht – eben nur dank der «Stimmen-Mafia» – nach vorne gelangt. Doch gibt es ein ehernes Gesetz, dass wenigstens die Hälfte der Länder, die beim Grand Prix vorne landen, aus dem Club der traditionellen Wettbewerbsnationen kommen muss? Egal, ob Lied oder Auftritt mittelmäßig oder vielleicht sogar schlecht waren?

Denn dass die Teilnehmer aus Irland, Frankreich oder Großbritannien die letzten Plätze unter sich ausmachten, haben sie zu weiten Teilen sich selbst zuzuschreiben. Sicher: 2005 und 2006 verteilten sich die ersten 15 Plätze noch 50:50 zwischen Ost und West; dieses Jahr gelang es nur zwei klassischen Grand-Prix-Ländern (Griechenland und Türkei), in die Top 15 vorzustoßen.

Bilderschau:
Rechnerisch lässt sich die vermeintliche Übermacht der osteuropäischen Länder widerlegen. Hätten beim gesamten Wettbewerb nur die West-Länder abgestimmt, wäre der Sieger derselbe gewesen: Die serbische Sängerin Marija Serifovic liegt auch dann ganz vorne. Zweite wäre auch hier die Ukraine, die Türkei und Russland hätten die Plätze drei und vier getauscht. Roger Cicero wäre ohne den Ost-Einfluss von Platz 19 auf 14 vorgerückt. Und Schlusslicht Irland erhielt seine einzigen fünf Punkte aus dem Ex-Ostblockstaat Albanien.

Zwei Halbfinale geplant

Der Kulturwissenschaftler Irving Wolther, der sich in seiner Dissertation mit dem Wettbewerb beschäftigt hat, weist zudem darauf hin, dass viele Ost-Sänger auch in den Nachbarländern bekannt seien – man rufe eben nicht blindlings für ein Land statt für ein Lied an. Beim für den Grand Prix zuständigen ARD-Sender NDR – und nicht nur dort – ist man sich aber bewusst, dass insbesondere die Stimmen der Zuwanderer, die für ihre alte Heimat anrufen, zugenommen haben. Als es beim Grand Prix noch Jurys gab, erhielt die Türkei selten Punkte aus Deutschland – seit Ende der 90er Jahre, als Televoting eingeführt wurde, hieß es aus der Bundesrepublik dagegen fast immer: «... and finally: Turkey, twelve points!»

Doch die Proteste aus dem Westen gegen die Punktevergabe am vergangenen Wochenende sind es nicht allein, die die ausrichtende Europäische Rundfunkunion EBU über Änderungen nachdenken lassen. Schon vor dem West-Debakel in Helsinki stand bei der EBU der Gedanke im Raum, ab 2009 zwei Halbfinale auszurichten – allein schon wegen der schieren Größe des Wettbewerbs. In Finnland nahmen 42 Länder teil, so viele wie nie. Und womöglich kehren die Slowakei und Monaco zurück, Aserbaidschan hat auch schon Interesse bekundet.

Doch schon am Donnerstag hatte das Semifinale mit 28 Liedern etwas Ermüdendes. Stattdessen also zwei Vorrunden, in denen dann nur die Bürger in den beteiligten Ländern abstimmen dürften, wie der NDR-Verantwortliche Jan Schulte-Kellinghaus erklärt. Genauere Pläne gebe es aber noch nicht. Manche Grand-Prix-Fans rufen aber auch lautstark nach der Wiedereinsetzung der Fachjurys, die besser als der «gemeine» TV-Zuschauer die musikalische Leistung bewerten könnten.

Lösung «Serbisch singen»?

Die irische Folkband Dervish wurde Letzte beim Grand Prix 2007.
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Eine weitere Idee wäre, die Stimmen nach der Landesgröße zu gewichten – die deutschen Punkte zählten dann mehr als etwa die aus Mazedonien. Aus den Ländern, die bereits im Semifinale ausgeschieden sind, kommt ein weiterer Vorschlag: Ein niederländischer EU-Parlamentarier plädierte für einen Grand Prix nur unter den 27 EU-Ländern. Eine Idee, die bei den Lesern der estnischen Zeitung «Postimees» auf Begeisterung stieß: In einer Online-Umfrage stimmten zwei Drittel für einen EU-Grand-Prix.

Andere ESC-Fans können über die Debatte indes nur den Kopf schütteln: Sie erklären sich das schlechte Abschneiden von Ländern wie Norwegen, der Schweiz oder eben Estland damit, dass die von dort geschickten Lieder langweilig und altbacken gewesen seien, und empfehlen den Westländern, einfach besseres Material zum Grand Prix zu schicken. Doch zunächst könnte der Wettbewerb im kommenden Jahr kleiner ausfallen als in Helsinki: Der irische TV-Sender RTE erwägt offenbar – nachdem Irland mit der Folkgruppe Dervish Letzter geworden war –, 2008 in Belgrad nicht anzutreten. Und wer doch nach Serbien reist, dem gibt Roger Cicero einen Tipp mit auf den Weg: «Serbisch singen.» Wenn's hilft.

 
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