26.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Bester Künstler national: Roger Cicero
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Echo-Verleihung ist vor allem ein surreales Ereignis gewesen, meint Sophie Albers . Daran konnten auch Jennifer Lopez und Tokio Hotel nichts ändern. Ein Lichtblick waren nur die Alten.
Stellen Sie sich vor, Sie sind bei der festlichen Verleihung des wichtigsten deutschen Musikpreises. Der heißt Echo, spiegelt er doch mentalitätsgetreu sachlich die Verkaufscharts des vergangenen Jahres wider. Dann betritt eine der beliebtesten deutschen Moderatorinnen die Bühne.
Eigentlich sollte Barbara Schöneberger mit einem der beliebtesten Boxer des Landes die Laudatio auf den besten Künstler national halten (Roger Cicero), doch sei Vladimir Klitschko in den USA «hängengeblieben», so die routinierte Präsentatorin. Sprach's und verfiel für die eine Hälfte des folgenden Dialogs in einen Vladimir-Akzent:
«Barbara, weißt du noch, als wir schon mal zum Echo eingeladen waren?»
«Ja, Vladimir, ich erinnere mich.»
«Das war schrecklich.»
«Ja, Vladimir, ich weiß.»
Da es an diesem Abend nicht um Schokoschnitten wie im offensichtlich inspirierenden Werbespot der Klitschko-Brüder ging, sondern um eine Gala, der alljährlich ihre Ödnis bescheinigt wird, schwebte Schönebergers Witz über der Bühne wie eine Gewitterwolke. Man wurde den Verdacht nicht los, dass die Komikerin nicht gerne da war. Aber das war erst der Anfang eines wahrlich surrealen Schauspiels.
Dabei waren eigentlich alle Zutaten zugegen: vor der beeindruckenden Bühne nicht enden wollende Publikumsränge für wunderbar ausschweifende Kamerafahrten - auf der Bühne Weltstars von Jennifer Lopez über Bono bis Yusuf Islam (ehemals Cat Stevens), Publikumslieblinge wie Thomas Gottschalk und Tokio Hotel - und für die Edginess der Berliner Rapper Bushido und der Comedian Michael Mittermaier.
«Surrealer Auftritt des Abends»Im einführenden Grußwort hieß es, dass Musik für Toleranz stehe, während mit bedröppeltem Blick auf die Weltsituation verwiesen wurde. Und die HipHop-Urväter Die Fantastischen Vier lieferten den Song, der das alles zusammenfasste: «Wir ernten was wir säen».
Platz zwei im inoffiziellen Ranking «Surrealer Auftritt des Abends» ging an Moderator Oliver Geissen, der mit Yvonne Catterfeld die Zeremonie leitete. Die Sprüche des Show-Profis gingen so oft daneben, dass man schließlich Absicht dahinter vermutete: Natürlich nannte er Jennifer Lopez the butt (der Arsch), «Ich habe sie geküsst, dann kam Marc Anthony, und den Rest lesen Sie morgen in der Zeitung». Um irgendwie Medienstar Eisbärbaby Knut unterzubringen, nannte er Take That seinen Ersatz. Nach einem Auftritt von Katie Melua wirkte Geissens Lachen geradezu irre, als er erstaunt feststellte «Die ist ja ganz bezaubernd.» Und zu schlechterletzt entblödete er sich nicht, der Poplegende Yusuf Islam nach dessen Auftritt ein «You did a great job, man» (Gute Arbeit, Mann) zuzuwerfen, das ein «man» wie Eminem ihm wohl um den Hals gewickelt hätte.
NullpunktÜberhaupt Islam. Gottschalk hielt die Laudatio, und man traute seinen Ohren nicht, schien der Königsmoderator den Sänger doch zu beleidigen. Man dürfe das, was Popstars privat sagen, nicht allzu ernst nehmen, womit er offenbar auf Islams immer wieder gern zitierte religiöse Ausführungen anspielte. «Als Cat Stevens schrieb er Musikgeschichte. Als Yusuf Islam kehrt er zurück», so die offizielle Ankündigung. «Insch'Allah» (So Gott will), konnte der Sänger mit der unglaublichen Stimme, dem Übertalent für Popmelodien und der verschleierten Frau da nur sagen. Standing Ovations bekam er trotzdem. Doch war die Stimmung kurzzeitig auf dem Nullpunkt.
«Wie geht es weiter, hast du erst mal alles erreicht? Was kommt dann?», lautet das passende Zitat aus dem Fanta-4-Song.
Das führt wiederum zu Bushido, der ganz anders als im vergangenen Jahr nun eingemeindet schien in die traute Familie des deutschen Popbusiness. Zur Erinnerung: Seine abstimmungsfreudigen Fans hatten ihm 2006 den Echo für den besten Live-Act eingebracht, was für betretene Stille und besorgte Blicke im Saal gesorgt hatte. Diesmal bekam er nicht nur den Echo als bester HipHop-Künstler, er durfte auch auftreten und dem neben den Musikern mit Anzugträgern und Damen der besseren Gesellschaft gespickten Publikum «Ich bin hart wie mein Schwanz» entgegenrotzen.
Weil er offenbar ein besseres Gedächtnis hat, als die, die ihn eingeladen haben, wies er noch darauf hin: «Ich weiß, wenn das hier ne Privatparty gewesen wäre, hättet ihr mich nicht eingeladen». Und sieh da, diesmal wurde sogar geklatscht. Edginess ist schließlich gut fürs Geschäft.
Der Beat der Kastelruther SpatzenWobei eines mal festgehalten werden muss: Wirklich schräg wäre es, wenn tatsächlich mal die wahren Tanker der deutschen Musikindustrie auftreten würden. Aber das wäre natürlich befremdlich, rangieren die Kastelruther Spatzen im Verhältnis zur US-Volksmusik doch offensichtlich im nicht mehr messbaren unteren Bereich der Coolness-Skala. Vielleicht sollte sich das deutsche Pendant zu Rick Rubin ihrer einmal annehmen.
Größter Star des Abends - sorry Bono, aber der Ehren-Echo für das soziale Engagement kann da nicht mithalten - war Ralph Siegel, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Der Komponist und Produzent ist so jemand, den erstmal viele peinlich finden, der aber tatsächlich niemand Geringeres ist als ein Grundpfeiler der deutschen Nachkriegs-Musikgeschichte.
Wie ein deutscher Albert Hammond hat er die Republik mit zahlreichen Hits versorgt - von Udo Jürgens' «Griechischer Wein» bis Nicoles «Ein bisschen Frieden». Auf seine Grand-Prix-/ Eurovision Contest-Beiträge - 18 im Finale - wird er leider allzu oft reduziert.
«Wir ernten, was wir säen»Nicole hielt denn auch die Laudatio auf den Mann hinter der Musik, und bei dieser Trophäenübergabe an den «Michael Schumacher der Musik» wurde viel geweint. Dieser Mann ist 50 Jahre in einem Geschäft, das, gerade weil es mit Emotionen Geld macht, zu den härtesten zählt.
Und deshalb am Ende noch mal die Fantastischen Vier: «Nur Status Quo Vadis/ wahr ist, dass kaum einem klar ist/ dass jeder auf'm Weg und keiner keiner je da ist».