09. Feb 2007 15:47
Nach dreijähriger Schaffenspause tritt Kim Frank mit seiner Comeback-Single bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest an. Netzeitung.de sprach mit dem ehemaligen Echt-Sänger über das deutsche Indentitätsproblem und Popkultur.
Der mittlerweile 24-Jährige galt lange als Paradebeispiel eines gefallenen Teenie-Idols. Nach dem plötzlichen Ende von Echt im Jahr 2002, einer mittelschweren Sinnkrise, einer Hauptrolle in Leander Haußmanns DDR-Drama «NVA» und zahllosen Stunden im Tonstudio meldet der Sänger sich nun jedoch mit dem Soloalbum «Hellblau» zurück. Mit der ersten Single «Lara» tritt er am Freitagabend bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest für Schleswig-Holstein an. Im Gespräch gibt sich Frank als Mann der großen Worte. Er redet viel und hört sich auch gerne reden. Was er da so erzählt klingt oft überheblich, aber auch erstaunlich reif für einen Mitte Zwanzigjährigen.
Seine neue Musik klingt genau so wie seine Worte: groß, gereift und unverwechselbar. Die Stimme scheint so vertraut und warm, dass man sich in sie einwickeln möchte. In den Songs auf «Hellblau» geht es meist um Liebe und Abschied, doch hört man auch aus der traurigsten Ballade noch Optimismus heraus und weiß nach dem Verklingen des letzten Titels «Abspann» ganz genau, dass irgendwann alles wieder gut wird. Irgendwie...
Netzeitung: Wie kam denn die Teilnahme am Bundesvision Song Contest zustande?
Kim Frank: Ich habe da schon vor über einem Jahr mit Stefan (Raab) drüber geredet. Damals wollte er schon, dass ich mitmache, aber da war ich noch lange nicht fertig mit der Platte.
Netzeitung: In Interviews waren Sie immer sehr offen. Hatten Sie nie Angst, dass Ihnen das mal zum Verhängnis wird?
Frank: Wenn man sich mit was verzettelt, dann mit Lügen. Wenn du immer offen und ehrlich bist, kannst du dich gar nicht verzetteln. Aber egal was man macht, man kann sich nach außen nie als genau der darstellen, der man ist. Ich sage nichts, was jemanden verletzt, aber wenn die Leute nicht mit meiner offenen Meinung umgehen können, dann sollen sie sich nicht wundern, wenn es bald nur noch Retorten-Bands gibt.
Netzeitung: Wie fühlt es sich an zu wissen, dass halb Deutschland über Ihre finanzielle Lage Bescheid weiß?
Frank: Ich glaube, dass meine Musik so etwas überlebt. Dass es meiner Person nachhaltig schadet, glaube ich auch nicht, denn ich habe ja niemandem etwas getan. Ich würde öffentlich nie über Geld reden, aber «Bild» hatte einen Informanten, der alles schon vorher wusste. Und danach ist es an dir zu sagen, «Leck mich am Arsch, ich rede nicht darüber» oder du machst die Geschichte mit ihm zusammen und kannst sie so noch entschärfen. Was die Medien aus dieser Sache mit der Steuer gemacht haben, ist völlig übertrieben, das ist überhaupt nichts Schlimmes. Ich habe keine Schulden, es handelte sich lediglich um eine Steuerprüfung.
Netzeitung: Prominente kokettieren gerne damit, ganz normal geblieben zu sein. Sie wurden mit 16 zum Mädchenschwarm. Flippt man da nicht erstmal aus?
Frank: So kann man das nicht sehen. Der Erfolg ist ja sozusagen meine Jugend. Ich kann gar nicht sagen, wie oder wer ich vorher war. Ich war davor ja einfach nur ein Schuljunge. Netzeitung: Eine Veränderung war Ihnen also nicht bewusst, es ist einfach passiert?
Frank: Genau, es ist einfach passiert. Als Kind ist man zwar schon jemand, doch dann kommt man in die Schule und weiß plötzlich nicht mehr, wer man ist, weil einem alles verboten wird, was man eigentlich gerne macht. Und dann in der Jugend stellt sich heraus, wer du wirklich bist. In meiner Jugend war ich einfach unterwegs und erfolgreich, deshalb gehört das zu meinem Leben.
Netzeitung: Sie haben mal gesagt, die anderen von Echt «wollten lieber politisch korrekt bleiben», aber Sie haben sich gefreut, in größeren Hallen zu spielen. Wieso neigen deutsche Bands eigentlich immer zum Tiefstapeln?
Frank: Das ist auch ein Grundproblem in der Musik. Die Deutschen trauen sich nicht zu großen Gefühlen, sie trauen sich nicht zum großen Sound, es muss immer irgendwie dilettantisch sein. Deutschland ist ja gezwungen, politisch korrekt zu sein. Und vor allem Popkultur sollte sich nicht durch die Vergangenheit beschreiben, sondern durch das Jetzt. Popkultur beeinflusst die Zukunft und nicht die Vergangenheit. Die Leute sollten lieber daran arbeiten, ein neues Deutschland zu prägen, als immer den Krieg im Nacken zu haben.
Netzeitung: Sie scheuen sich nicht davor, kommerziell zu sein?
Frank: Ich bin ein totaler Popkünstler. Ich denke groß. Das Ding ist, beispielsweise in Schweden wird Popmusik schon in der Schule unterrichtet. Das gibt es, seitdem Abba so erfolgreich waren. Da werden Beatles-Songs analysiert, fast jeder in Schweden kann Klavier oder Gitarre spielen. Und wenn du dort einen Musiker fragst, für wen er Musik macht, dann sagt er «für die ganze Welt». In Deutschland sagen sie «für mich und meine Freunde». Dabei ist es ja gar nicht schlimm, denn die ganze Welt braucht Musik. Netzeitung: In Deutschland gibt es auch gar keine richtigen Stars, wie zum Beispiel in den USA...
Frank: Meiner Meinung nach ist das so, weil sie nicht zugelassen werden. Leute mit Inhalten werden hier sofort gekillt. Ich weiß nicht warum, aber es werden hier immer Leute auf die Bühne gestellt, die so tun sollen, als wären sie einer von uns. Ich mag solche Bands nicht. Wenn ich mir eine Band angucke, dann will ich auch, dass sie groß und fett und arrogant ist. Dass sie zu Recht auf einer Bühne steht und nicht zur Masse gehört. Ich will, dass die etwas für mich ausleben, was ich sonst nicht erlebe.
Lies dir zum Beispiel mal meine Interviews aus der letzten Zeit durch. Die sind immer ein bisschen bitter. Weil die Leute nicht damit klar kommen, dass da mal jemand etwas mehr Inhalte hat als ein No Angel oder so. Wenn dann auch noch die Musik gut ist, dann kriegen sie richtig Fracksausen. Ich verstehe das nicht, aber ich lese auch meine Interviews nicht mehr.
Netzeitung: Wie gehen Sie mit dem Druck um, dass die neue Platte jetzt laufen muss?
Frank: Ich war ja nie weg, sondern ich hab einfach eine neue Platte gemacht. Dass keiner das versteht, ist so deutsch. Das einem Künstler nicht eingestanden wird, selber zu bestimmen, wie lange er für das nächste Projekt braucht. Dass ist etwas, was die Medien und die Plattenfirmen geschaffen haben und vor allem die Fans. Fans sind einem Künstler heute nur noch selten über längere Zeit treu und kommen dann deshalb nicht damit klar, wenn nicht jedes Jahr ein fertiges Album auf dem Tisch liegt. Sogar ein Jahr ist ihnen schon zu lang. Ich hab mir ja auch drei Jahre Zeit genommen, um die Platte richtig gut zu machen.
Netzeitung: Wenn Sie auf dem neuen Album von Trennung singen, ist die Stimmung durchweg positiv. Ist es nicht immer so, dass man Beziehungen im Rückblick rosa verklärt?
Frank: Schön, dass das mal jemandem auffällt. Mir erscheint im nach hinein zwar immer alles schlechter als es war, aber das spiegelt sich nicht in den Songs wieder. Das sind ja Popsongs. Mir gefällt es einfach so rum besser: negativer Inhalt, positives Grundgefühl. Zum Beispiel kriege ich bei einem Ballermann-Song ein total negatives Grundgefühl, obwohl der Inhalt positiv ist. Die Hoffnung darf einfach am Ende nicht fehlen. Das Leben ist zwar nicht leicht, aber es ist ja auch nicht so schlecht.
Mit Kim Frank sprach Julia Wilczok