«Okay, das braucht ein bisschen Dreck!»
02.02.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Die Songs sind teilweise so ungewohnt melancholisch, dass man die vier Jungs am liebsten in den Arm nehmen und trösten würde. Und was bleibt, ist die Sehnsucht nach den alten Melodien, dem Pop, der so süß war, dass er in den Ohren wehtat.
Netzeitung: In letzter Zeit hatten Virginia Jetzt! offenbar nicht viel zu lachen...
Mathias Hielscher: Nicht mehr und nicht weniger als sonst. Wir fanden es interessant, eine Sache mal eher dunkel und grau zu zeichnen. Es ging bei Virginia Jetzt! auch früher schon um Dunkelheit. Aber sonst gab es immer einen Weg nach draußen. Dieses Mal wollten wir textlich ein Album schaffen, das keinen Ausweg mehr zulässt. Sondern einfach nur von Trennung singt, von Einsamkeit, von Sehnsucht und man nicht davon ausgehen kann, dass es sich so schnell ändert. Die Dinge haben jetzt eine andere Bedeutung, weil man älter geworden ist. Alles ist mit der Zeit ein bisschen nüchterner geworden, auch die eigene Musik.
Netzeitung: Wann haben Sie das letzte Mal geweint?
Hielscher: Letzte Woche, weil eine gute Freundin von mir seit Jahren sehr krank ist. Darum geht es ja auch auf dem Album, dass sich viele Sachen einfach nicht verändern. In dem Moment, in dem es dem einen gut geht, geht es anderen schlecht.
Netzeitung: Viele der neuen Songs handeln von Sehnsucht. Ist das autobiografisch?
Hielscher: In sofern, dass zwei von uns eine Fernbeziehung haben und wenn man auf Tour ist, insgesamt vier Leute Fernbeziehungen haben. Das ist dann nicht nur Sehnsucht nach der Freundin, sondern auch Sehnsucht nach dem Bett, nach den eigenen vier Wänden. Es gibt dann immer mal Momente wo man eigentlich niemanden sehen möchte. Diese Sehnsucht nach Alleinsein, das kennt wohl jeder Musiker.
Netzeitung: Ist Sehnen nicht manchmal das schönere Lieben?
Hielscher: Wenn man sich in einer Beziehung jeden Tag sieht, dann sieht man sich ja manchmal nur so halb. Man lebt nebeneinander her. Da finde ich es besser, sich nach jemandem zu sehnen. Es ist schön, auch mal eine oder zwei Wochen Sehnsucht zu haben. Das hat ja auch was total Schönes, sich in die Melancholie zu verlieben, sich darin zu suhlen. Dieses «Mir geht es so dreckig, weil jemand nicht da ist, den ich gerne bei mir haben möchte» in die Welt zu jauchzen...
Netzeitung: Es geht auch um Verlustängste...
Hielscher: Unsere Texte sind autobiografische Fiktion. Man muss die Dinge nicht gerade erlebt haben, um darüber zu schreiben. Aber das Thema muss einem gerade auf der Lunge brennen. Um über etwas ernsthaft reden zu können, sollte man eine Ahnung davon haben. Auch wenn das Erlebte schon zwei Jahre her ist.
Netzeitung: Sie singen, dass es Ihnen nicht darum gehe, verstanden zu werden. Worum geht es dann?
Hielscher: Als großer Fan englischsprachiger Musik kenne ich dieses «An einem Ohr rein am anderen wieder raus»-Gefühl. Ich finde, dass gerade deutsche Musik zu genau unter der Lupe betrachtet wird. Manchmal geht es einfach um nichts, es muss nicht immer alles die große Bedeutung haben. Man muss sich einfach ein bisschen locker machen. Was deutsche Bands, die auf Englisch singen, zum Teil für Texte bringen, und mit was für einem Akzent teilweise gesungen wird, das ist unglaublich peinlich. [Lachen über «Hip Teens don't wear blue jeans»]. Diese Bands werden hoch gelobt. Da geht es immer nur um die Musik, nie wirklich um den Text. Auch bei Bands aus England sind die Texte oft ein Grauen. Manchmal gehts auch einfach nur um das Gefühl, und das bedarf eben des Kitsches und der Phrasen.
Netzeitung: «Freie Meinung für alle» heißt es in «Singen und Singen». Sind Virginia Jetzt! nun politisch?
Netzeitung: In zwei Songs geht es um die Wende, den Mauerfall. Ist das für Sie immer noch ein Thema?
Hielscher: Die einen beschäftigt es gar nicht, die anderen extrem. Thomas [der Songschreiber] hat sich intensiv damit auseinandergesetzt, und es hat ihn sehr beschäftigt. Aber Angelo [Schlagzeuger] interessiert es überhaupt nicht.
Netzeitung: Vermissen Sie irgendetwas aus Zeiten der DDR?
Hielscher: Für mich war das Kindheit. Ich vermisse all die Sachen, die jeder erwachsene Mensch an seiner Kindheit vermisst. Meine Vergangenheit hat für mich überhaupt nichts mit DDR zu tun. Das lässt sich jetzt auch gar nicht an einzelnen Produkten festmachen. Aber ich weiß, das sieht jeder anders. Es ist generell schade, dass Dinge verschwinden. Das hat gar nicht unbedingt was mit der Wende zu tun. Gerade in der heutigen Zeit erneuern die Dinge sich so schnell, da wäre es dumm zu sagen, «Ich vermisse meinen alten Zonen-Spielplatz». Wir werden ja wahrscheinlich noch die Zeit erleben, in der es keine CDs mehr geben wird, und das hat ja auch nichts mit irgendwelchen politischen Veränderungen zu tun. Das ist einfach eine Frage der Zeit.
Netzeitung: Ein Song heißt «Von einer besseren Welt». Wie sieht die aus?
Hielscher: Eine bessere Welt würde für mich toleranter, zufriedener aussehen. Ich glaube, dass sehr viel Ärger durch Unzufriedenheit entsteht. Die Menschen müssen lernen zufriedener zu sein, sollen nicht immer mehr fordern. Es fühlt sich gut an zu sagen, «Ich brauch nicht mehr, ich muss nicht noch mehr Klamotten haben». Dadurch wäre wahrscheinlich auch eine bessere Welt möglich. Es ist ja generell nicht gesund, immer mehr zu wollen. Ob das nun Macht, Land oder eben etwas Materielles ist. Mehr Zufriedenheit, das würde ich mir wünschen.
Netzeitung: Ihr singt vom Unwohlsein, das einen plötzlich erfasst, obwohl man unter Menschen ist. Ich dachte immer, lässig Rumstehen lernt man mit der Zeit?
Hielscher: Das hat nichts mit dem Alter zu tun, ich glaube es gibt immer Momente im Leben, in denen man sein Umfeld beschissen findet. Es geht um so ein unbehagliches Grundgefühl. So wie wenn man im Club steht. Das Gefühl haben alle. Oder man ist auf einer Familienfeier, alle sind besoffen, und du hast nichts getrunken. In solchen Momenten denkt man: «Wow, so bin ich auch immer, wenn ich betrunken bin?». Es gibt einfach Situationen, in denen man andere Menschen nicht leiden kann, sogar Menschen hasst.
Netzeitung: Warum klingt «Land unter» so anders als seine Vorgänger?
Hielscher: Wie Gunnar von Mia mal gesagt hat: «Ich bin zu jung, um mich zu wiederholen». Nach einer Platte muss man zwangsläufig weiterdenken. Wir waren schon immer totale Pop-Säue, haben uns schon immer für Popmusik interessiert. Auch die Sachen, die wir selber hören sind eigentlich durch die Bank weg sehr kommerziell. Zum Beispiel Nirvana, Beatles, Absolute Beginner, Neil Young. Pop hat uns von Anfang an interessiert, darum haben wir auch so Sachen wie «Ein ganzer Sommer» gemacht.
Netzeitung: Also wollten Sie weg vom Kommerz?
Hielscher: Wir wollten einfach Musik machen, die uns gefällt. Wir wissen, dass wir sind sehr poppig sind. Da müssen wir eben manchmal sagen, «Okay, das braucht ein bisschen Dreck!». Dann nimmt man ein bisschen Dreck von Außen und... rauf auf die CD damit. Vielleicht trauen wir uns jetzt auch einfach mehr.
Mit Mathias Hielscher sprach Julia Wilczok.

