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«Wie heiße ich?» – Die Rolling Stones in Wales

31. Aug 2006 12:43
Rolling Stones
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Charmantes Lächeln, obszöne Zungen und viel Lärm: Nach langer Zeit haben die Altrocker wieder einen Auftritt im walisischen Cardiff. Die Netzeitung hat sich die perfekte Show angesehen.

Von Julia Niemann

Die Nebelmaschine gibt alles. Auf den Videoleinwänden ist ein Meteoritenfeld zu sehen. Dann ein ungeheurer Knall und Keith Richards erscheint – zunächst groß und deutlich auf der Leinwand, dann klein und real auf der Bühne. Es folgt der nächste kleine Mann ganz groß: Mick Jagger.

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Zwingend wie naheliegend erscheinen die Rolling Stones also mit einem lauten Knall zum Konzert im walisischen Cardiff anlässlich ihrer «A Bigger Bang»–Tour im Millenium Stadion. Jagger jagt über die riesige Bühne, eineinhalb Stunden nach dem angekündigten Konzertbeginn.

Die Stones haben sich lange nicht in Wales blicken lassen, bekennt Jagger zur Begrüßung. Das letzte Konzert ist 16 Jahre her, da waren viele der jungen jubelnden Fans noch nicht einmal geboren. Alle Altersstufen sind zugegen, und vor allem auf den erschwinglichen Plätzen in den oberen Rängen wird erwartungsfroh gefeiert – eine Welle folgt der nächsten. Bereits Stunden vorher war Einlass und die Straße vor dem Stadion abgesperrt – nicht einmal die zahlreichen Stretch-Limos durften passieren.

Zu geordnet, um rockig zu sein

Jagger tobt weiter, sein winziger Hintern steckt in einer schwarzen Hose, sein magerer, drahtiger Oberkörper in einem schwarzen Glitzershirt, darüber trägt er ein grünschillerndes Bolerojacket - «Its only Rock'n'Roll but I like it».

Die Stones
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Während Jagger rockt, kommt das Publikum noch nicht so ganz mit. Alles ist so gut organisiert und geordnet, jeder sitzt auf seinem Platz und die Ordner sorgen dafür, dass niemand aus der Reihe tanzt. Selbst die Backstage-Rocker sind nicht mit einer Flasche oder Zigarette durch die Gänge gelaufen. Rock-Konzert-Stimmung kommt vorerst nicht auf. Man sitzt und guckt, denn die Bühne und die Rock-Urgesteine darauf zu sehen, «Lets spend a Night together» zu hören und dazu einem alten Videoclip der Band aus den sechziger Jahren zu folgen, erfordert vorerst die ganze Aufmerksamkeit.

Trashig, versnobbt, tuntig und machohaft

Wieder spricht Jagger mit seinem Publikum, zieht seine Jacke aus und flucht dabei in einem unverständlichen Zusammenhang «Fuck». Er sagt das so wie Uma Thurman als Mia Wallace im Fifties-Diner in «Pulp Fiction»: trashig, versnobbt und mit der Aura eines Stars. Er spricht ruhig und lässig, keine Spur von Atemnot des über 60-Jährigen nach drei durchtanzten Liedern. Jede der auf Jagger-Art mal tuntigen, mal machohaften Bewegungen sitzt perfekt – ein nahtloses Verschmelzen von Mann und Performance – cool und abgehangen, gleichzeitig beweglich wie ein junges Reh. Dann gönnt er sich einen Cool-down-Song, «Streets of Love», und ein neues Jacket, diesmal in Gold.

Links und rechts der Bühne sind Parkhaus-artige, spiralförmige Tribünen angebracht, aus denen Fan-Arme heraus winken. Sie gucken von schräg oben auf die Bühne herunter, auf der neben dem agilen Jagger Keith Richards, Ronnie Wood und Charlie Watts etwas zombiehaft anmuten. Die beiden Gitarristen gehen höchstens mal leicht in die Knie. Aber als es Richards doch noch an den linken Bühnenrand schafft, laufen die Leute durch die Ordner durch und jubeln ihm zu. Richards verneigt sich und lächelt – so charmant und erfreut, dass selbst die Ordner milde gestimmt werden, die die Fans wieder auf ihre Plätze schicken.

Gummipalmen für Keith Richards

Es folgt eine präzise Vorstellung aller anwesenden Musiker, leider an dem Punkt, als gerade Stimmung im Publikum aufkommt. Als Jagger als letztes Richards vorstellt, jubelt das Stadion, und es werden massenhaft Gummipalmen geschwenkt, die an dessen Palmensturz vor einigen Monaten erinnern sollen, der eine Kopfverletzung zufolge hatte, wegen der die Tournee verschoben werden musste. Wieder lächelt er und sagt: «Schön wieder hier zu sein. Schön, überhaupt hier zu sein».

Jagger verschwindet von der Bühne, wohl um sich auszuruhen und eine neue Glitzerjacke anzuziehen. Er lässt den mumienartigen Richards mit dem völlig ferngesteuert wirkenden Woods und das Publikum mit einer Richards-Gesangseinlage von zwei Songs zurück. Viele taten es in der Zeit Jagger nach und nutzten die Gelegenheit, um eine Toilettenpause einzulegen. Warum sich Richards diese Blöße gibt, bleibt unverständlich.

Obszöne Plastikzunge

Jagger in Aktion
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Für «I Miss You» ist Jagger mit roter Glitzerjacke zurück, und die Bühne macht sich samt Band auf an das andere Ende des Stadions, so dass jetzt auch die hintersten Reihen mal richtig was zu sehen bekommen für ihr Geld. Jagger schickt einen Dank an die oberen Reihen. Freude kommt auf, und bei «Honky Tonk Women» sitzt niemand mehr auf seinem Platz. Leider schiebt sich während des Songs eine riesige obszöne Plastikzunge über den zurückgebliebenen Bühnenrest – ein Anblick, der entbehrlich gewesen wäre.

Rumpelstilzchen und Napoleon

Nun folgt ein Klassiker auf den nächsten. Enttäuschend dabei allein das völlig uninspiriert vorgetragene «Sympathy for the Devil» im Flokati-Outfit. Immer wieder will Jagger am Ende der Songs vom Publikum wissen: «Tell me Baby, what's my name?» - eine Kombination aus Rumpelstilzchen und Napoleon. «Paint in Black» gleich darauf ist hingegen richtiggehend dämonisch, und Jaggers Körpersprache entspricht der eines mephistophelischen Opernstars.

Der Höhepunkt ist erreicht, das Publikum feiert. Für die Zugabe «You can't always get what you want» trägt Jagger zur Abwechslung ein goldenes Hemd. Den krönenden Abschluss bestreitet, wie sollte es anders sein: «I can't get no satisfaction». Jagger durchquert singend das ganze Stadion, Richards lächelt.

Das Konzert endet mit einem noch lauteren Knall, als es begonnen hat. «A Bigger Bang» eben. Wäre nicht nötig gewesen, das Publikum hat den vier alten Rockern auch so geglaubt, dass sie immer noch in der Lage sind, das perfekte Rock-Konzert zu geben. Wer auch sonst, wenn nicht sie? Mit weiteren Tourneen muss gerechnet werden.

 
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