28.08.2006
Herausgeber: netzeitung.de
'Modern Times'
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Willkommen in der unsichtbaren Republik des Bob Dylan. Auf seinem neuen Album «Modern Times» ist der US-Sänger Dichter, Schauspieler, Regisseur und Bühne in Personalunion.
Von Robert MattheisVor etwa zehn Jahren hat Bob Dylan aufgehört, Platten zu machen. Seitdem ist er damit beschäftigt, seinen eigenen «Ulysses» zu schreiben. «Time Out Of Mind», das Album, das ihn zurückkatapultierte in das grelle Licht öffentlicher Aufmerksamkeit (und in dessen Gefolge es einen Oscar für einen Soundtracksong zu «Wonderboys» gab), war Dylans «Porträt des Künstlers als grantiger alter Mann».
«Love And Theft» dann war zwar nicht das epochale Meisterwerk, als das viele Kritiker es priesen wenn vielleicht auch nicht restlos überzeugend , aber es beschrieb doch genau die Methode, der Dylan folgen würde, der er folgen wollte. Die Songs von «Love And Theft» skizzierten eine Landkarte die aus den Gefilden konventioneller Musikproduktion nach Dylanland führte.
Gespensterrepublik «Dylanland»Dylanland ist der Gegenentwurf zu Disneyland. Es ist, wie der Chefrockkritiker Greil Marcus sagen würde, eine unsichtbare Republik. Ein beängstigendes, gefährliches Terrain. Man sollte sich den Rücken frei halten, denn hier wird kein Süßholz geraspelt, hier wird nichts unter den Teppich gekehrt. Im Gegenteil. Hier gibt es gar keine Teppiche. Hier gibt es nur Gestrüpp und Wüste und da und dort eine Bretterbude oder einen alten Spielsalon, dessen Türen man besser nicht öffnet. Und wenn man doch mal zufällig auf einen Teppich stößt, dann liegt darauf garantiert eine Leiche, und niemand weiß, wer das ist ein Typ, der mit dem Zug ankam, heute früh.
Dylanland wird bevölkert von den Vagabunden der alten amerikanischen Folkballaden, von den großen Blueshelden der Vergangenheit und von geheimnisvoll raschelnden Schatten. Wenn es nicht widersinnig wäre, bei solch einem «Waste Land» von «Bürgern» zu sprechen, dann könnte man sagen: Dylanland ist die Republik der vereinigten Gespenster der Vereinigten Staaten von Amerika. Hier leben die Ausgestoßenen und Geächteten, Frankie und Albert und Diamond Joe, Robert Johnson und Blackjack Davy und Skip James und der Lone Pilgrim. Und es geht ihnen gewohnt schlecht, danke. Suchen Sie besser keinen direkten Blickkontakt. Zumal sich Lightnin Hopkins hier irgendwo herumtreibt.
«Folk spielen wir doch alle»Dylan weiß, wovon er redet. Er hat seine Erfahrungen gemacht mit dem alten, unheimlichen Amerika, das seiner Ansicht nach während des Bürgerkriegs in den Jahren von 1861 bis 1865 entstanden ist. Er hat gründliche Studien getrieben, und nicht nur musikalische. Als junger Mann hat er in den Zeitungen der Vergangenheit recherchiert: «Damals ist Amerika gekreuzigt worden, gestorben und wiederauferstanden ... Diese furchtbare Wahrheit sollte den allumfassenden Rahmen meiner künftigen Texte bilden.» In seiner Autobiographie «Chronicles (Vol. 1)» schildert er eine Begegnung mit der Jazzpianolegende Thelonious Monk.
Der Anfänger erzählt Monk, er spiele in dem und dem Schuppen ab und an Folksongs. «Folksongs», versetzt daraufhin der Pianist, «spielen wir doch alle.» Musik für das Volk, Musik aus dem Volk. Heute, da das Fernsehen mit seinem Dauerlächeln alles zuklebt, was Erinnerungen an die wahre Natur des menschlichen Lebens wachruft ich paraphrasiere Dylans Einstellung , müssen wir sagen: Musik aus Dylanland.
Auf der Suche nach Alicia KeysVor zehn Jahren also hat Bob Dylan der großen Fabrik den Rücken gekehrt, wie es seinerzeit sein großes Vorbild Charlie Chaplin in dessen Meisterwerk «Modern Times» getan hatte. Dafür, dass mit den gleichen zwei Worten Dylan sein neues Album benannt hat, gibt es gute Gründe. Zunächst wäre da seine erklärte Vorliebe für Schwarzweißfilme. Dylan klingt mit seiner modulationsstarken Sprechgesangstimme wie eine Kreuzung aus James Cagney, John Huston und Humphrey Bogart, die die Musikbibliothek von Alexandria verschlungen und eine ziemliche Weile in der Bibliothèque nationale in Paris gewohnt hat.
In den Miniaturdramen seiner Songs ist Dylan Dichter, Schauspieler, Regisseur und Bühne in Personalunion. Seine Texte sind Palimpseste von verwirrender Komplexität, Röntgenbilder des kulturellen Weltgeists. So erstaunt es einen nicht, wenn plötzlich Alicia Keys in dem Song «Thunder On The Mountain» auftaucht (im Kino nennt man das wohl «Guest Appearance») obwohl sie taucht ja gar nicht wirklich auf, vielmehr bedauert Dylan, Miss Keys nicht begegnet zu sein, obwohl er und sie in New York doch mal in der gleichen Gegend gewohnt hätten. Ob das stimmt? Irgendwie sicher. Wie Dylan es formuliert: «I say it so it must be so.»
Absage an Wolf BiermannDie Moderne war jene goldene Epoche der Kunst, da zeitlose Meisterwerke ebenso möglich waren wie avantgardistische Künstlerbewegungen. Mit «Modern Times» hat Dylan einen paradoxen Treffer gelandet ein Meisterwerk, das zugleich ein avantgardistisches Werk ist. Wie es ja auch der «Ulysses» war, stimmts? Hinzu kommt, dass man in der Moderne seliger Weise noch glaubte, die Auswüchse der Industriegesellschaft begreifen und in den Griff bekommen zu können, indem man die Nase ins «Kapital» steckte. Das hatte etwas Tröstliches. Aber Bob Dylan hat nie billigen Trost gesucht, und er war nie ein politischer Dichter. Niemand war je ein politischer Dichter. Nicht einmal Wolf Biermann. Man ist entweder ein Dichter oder ein Politiker. Zu welcher Fraktion Dylan gehört, wurde spätestens in dem Moment klar, da er seine Folkklampfe gegen eine elegante elektrische Gitarre eintauschte.
Das ist ja oft beschrieben worden; ein ikonischer Moment der Pop- und Rockgeschichte, ein Paulus, der zum Saulus wurde, der dann aber plötzlich doch eher ein Paulus war, der angebliche Verkünder einer Frohen Botschaft, von der er selbst erstaunlicherweise bis heute überhaupt nichts weiß ... aber alles das ist Vergangenheit. Wer will davon sprechen, wenn die Gegenwart ihn überwältigt? «Modern Times» ist ein Film in Worten, flackernd, grell, harte Schnitte - dabei von überirdisch düsterer Klarheit, blind und hellsichtig, bewegend cool, makellos. Ewiges Hier und Heute und ewiges Gestern und Niemals. Sieben auf einen Streich. Dylan ist wieder zu Hause angekommen.
Wider die BesserwissereiWenn man ein paar der zehn Songs hervorheben will, dann wäre in jedem Fall der «Workingmans Blues #2» zu nennen, und «Nettie Moore» ist unter anderem herzzerreißend. Wenn man den Song hört, vermisst man die alte Nettie selbst, obwohl sie aus einer Ballade aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt. Schon vorab wurde allgemein sehr empfohlen «Ain't Talkin'», der Schlusssong, dem man andererseits nachsagt, ihm fehle das Zeug zu einem zweiten «Desolation Row» oder zum Thronfolger von «Highlands». Geschenkt. Wir sind hier in Dylanland, schon vergessen? Wer hier Vergleiche mit anderen Territorien anstellt, bekommt Probleme. «Modern Times» mag nicht jene quecksilbrige Überwältigungskraft des legendären Meilensteins «Blonde On Blonde» von 1966 haben.
So kann man es empfinden. «Modern Times» mag ebenfalls nicht ... und doch. Das ist doch alles Beckmesserei und Besserwisserei. Was soll das? «Modern Times» ist ein Negativ dessen, was ist, und darum strahlend hell. Das einzige Problem, das man mit dem neuen Dylan haben kann, ist die Frage, wie es weitergehen soll. Denn nach dem «Ulysses» hat James Joyce bekanntlich «Finnegan's Wake» geschrieben, und wie dessen musikalische Entsprechung aussieht das will sich dann doch lieber nicht vorstellen.