netzeitung.deWilliams zwischen Klingeltönen und Haargel

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Robbie-Williams-Fans (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Robbie-Williams-Fans
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Zwei Konzerte hat Robbie Williams in Berlin gegeben. Beide waren gut, doch ist der Popstar derzeit in einer gefährlichen Phase.

Von Sophie Albers

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Robbie-Williams-Konzert im Olympiastadion und einem Nachmittag auf der Couch vor MTV?

Die Getränke sind zuhause billiger, fällt einem da spontan ein. Klingeltonwerbung gibt es nämlich auch bei Williams: «Wähle 82000 und sende Angels. Sechs Euro werden direkt von deinem Handy abgerechnet». Das kann ich auch auf dem Sofa haben. Ebenso die Videoclips von Nirvana, Arctic Monkeys und Gorillaz, die neben der Werbung auf zwei riesigen Leinwänden laufen, um dem Publikum die Wartezeit zu verkürzen. Neneh Cherrys «Buffalo Stance» liegt allerdings definitiv vor der Zeit eines Großteils des weiblichen Publikums.

Seltsame Videobotschaften mit progressiven Grafiken gibt es auch zu sehen, kennt man ja auch von den Musiksendern. «Areas of Research» heißt es hier, und Frage 50 wird am häufigsten wiederholt: «How are you today?» steht schwarz auf weiß zu lesen. Ein bisschen warm vielleicht und langsam etwas gelangweilt, denn die Werbung für titanhartes Haargel, ein zwinkerndes Auto, «Fluch der Karibik 2» und Robbie-Telefone habe ich nun schon fünf Mal gesehen. Das exklusive Angels-Angebot interessiert mich immer noch nicht. Danke, einen Nassrasierer habe ich schon. Und mit Frage 222 - «What happened to your dreams?» wurde ich bereits in den fünf Hollywoodfilmen konfrontiert, die ich zuletzt gesehen habe.

Das «Dani California»-Video von den Chili Peppers ist immer wieder wunderbar. Aber da stellt sich natürlich die Frage, warum Williams seinen Fans eigentlich all die anderen Künstler präsentiert. Jetzt kommen auch noch Franz Ferdinand. Glaubt er wirklich, dass er so weit über ihnen steht, oder sieht er das eher als Gesamtkunstwerk des Popgeschäfts?

Ameise im weißen T-Shirt
Wenigstens gibt es keine quietschfidelen, wahnsinnig hippen Moderatoren, Verzeihung VJs, stattdessen kommt ein DJ auf die Bühne, der völlig verloren auf dieser riesigen verkehrt herum aufgehängten Krake steht und zumindest die Fans im Pit zum Klatschen bewegt. Von den Rängen aus sieht man nur eine etwa einen halben Zentimeter große Ameise im weißen T-Shirt auf und ab hüpfen.

Besser zu sehen ist da die Vorband Basement Jaxx, und ja, diese Bemerkung ist gemein, aber wahr. Die Sängerinnen sind eben umfangreich, aber auch so gut gelaunt, stimmgewaltig und bei jedem Song anders gekleidet, dass es für einen Augenblick völlig ok wäre, wenn sie den Abend alleine bestreiten würden. Die Beats lassen ihre Hüften schwingen und die Stimmen girlanden sich um das House-HipHop-Folklore-Gemisch. Frage 44 - «What's wrong?» Bis zur Werbepause gar nichts.
Hasenohren mit R und W
Das Video zu «Jump Around» von House of Pain sorgt für nostalgisches Wohlgefühl, hätte nur der Sänger nicht mittlerweile mit Santana gespielt. Werbung: Auto, Haargel, Telefon, Rasierer, 82000. Frage 110 - «Out of 10 how do you feel right now? 1 suicide, 10 orgasm.» Fragen Sie später noch mal nach, Herr Williams.

Um halb acht fängt es an zu regen, das Stadion ist gut gefüllt, und auf den Leinwänden sind ab und zu Fans zu sehen. Was bringt eine Mittvierzigerin dazu, sich einen Haarreif aufzusetzen, vom dem wie blauweiß-geringelte Hasenohren die Buchstaben R und W abstehen? Diese Frage muss unbeantwortet bleiben, denn auch Mr. Williams möchte das Entertainment für einen guten Zweck nutzen, also gibt es neben der Telefon-, Auto-, Haargelwerbung noch schnell einen Unicef-Einspieler, in dem der Popstar neben David Beckham zu sehen ist. Zwar versteht keiner, was sie sagen, aber sie sehen schon gut aus und es ist ja gut gemeint. 82000, «Fluch der Karibik 2» und Haargel runden die Sache ab, und dann gibt es eine Collage aus Skater- und Bikerszenen, fast meditativ. Das erinnert irgendwie an «Fight Club», an die Szene, in der sich Tylor Durden selbst nackt in einen Kinderfilm reingeschnitten hat. Wird unser Unterbewusstsein etwa gerade mit Williams-Geflicker bombardiert?

Welle machen
Auch dabei sind Szenen mit Freddy Mercury und Muhammad Ali, dazu noch ein paar Naturkatastrophen, Brände, Stürme und Vulkanausbrüche. Das alles soll uns offenbar auf Robbie vorbereiten. Passenderweise singen gerade Monaco «What do you want from me?» Werbepause.

Plötzlich sind rundherum nur noch Arme zu sehen, denn während die einen über das Marketingkonzept grübeln, haben die anderen - 80.000 sollen es insgesamt sein - angefangen, Wellen zu machen. Und als die sich synchronisieren und ihre Runden durch die Ränge ziehen, wie sie überspringen auf den Innenraum und auf einen zurasen, da wird plötzlich klar, was denn nun der Unterschied ist zwischen dem Im-Stadion-Stehen und dem Vor-dem-Fernseher-Liegen: die Fans!

All diese hysterischen, coolen, alten, jungen, dicken, dünnen, hässlichen, schönen Menschen, die sich an einem Fleck zusammenfinden, um diesen einen Sänger zu erleben, der gerade nach Feuersalven und Nebelschwaden auf einer runden Plattform vor der Bühne in den Massen emporsteigt. Fast überschreien sie seinen Opener «Radio».

«It's sweetness that I am thinking of»
Zwar hat auch er nur Ameisengröße, doch ist er ja auch auf den Leinwänden zu sehen. Und als er fertig ist und wie Jack Nicholson in die Menge grinst, schließt sich der Kreis: «No money man can win my love/ it's sweetness that I'm thinking of» hat Neneh Cherry ganz am Anfang gesungen. Jetzt müsste nur noch jemand Robbie Williams sagen, dass seine Fans ihn trotz des ganzen multimedialen Brimboriums lieben und nicht wegen.

Und ja: Das Konzert war wunderbar.