netzeitung.deThe Dandy Warhols: «Ich kann nicht schlafen»

 Herausgeber: netzeitung.de

Courtney Taylor-Taylor (Foto: Sophie Albers<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Courtney Taylor-Taylor
Foto: Sophie Albers
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

The Dandy Warhols haben ihr fünftes Album vorgelegt. Die Netzeitung sprach mit Frontmann Courtney Taylor-Taylor über Schlafstörungen, Drummer Brent und den Preis des Ruhms.

Die US-Rockband The Dandy Warhols hat sich ein beeindruckendes Image aufgebaut. Mitte der Neunziger gegründet, waren sie um die Jahrtausendwende bereits internationale Stars. Exzessive Rockstars, wie sie selbst betonten.

Niemand kam im Jahr 2000 am Dandy-Warhols-Stück «Bohemian Like You» vorbei, das nicht nur in der Werbung rauf und runter gespielt wurde, sondern sich im Laufe der Jahre auch in diversen Filmsoundtracks wiederfand.

«Odditorium or the Warlords of Mars» ist das fünfte Album der Band aus Oregon und ihr bisher bestes. Die in Musik gebannte Coolness ist zugleich experimenteller und poppiger geworden. Zwischen mainstreamtauglichen Schönheiten wie «Down Like Disco», «Everyone is Totally Insane» oder «Holding Me Up» finden sich der Countrysong «The New Country» und das sphärische «There is Only This Time». Dabei wandert Courtney Taylor-Taylors Stimme von flüsternden Höhen in bluesige Tiefen.

Taylor-Taylor, Frontmann mit Filmstargesicht, dem das Rockstarimage am hartnäckigsten anhaftet, hat den Ruf, hübsch aber arrogant zu sein. Beim Interview in Berlin war er vor allem schlecht gelaunt.

Courtney Taylor-Taylor: Ich muss Sie warnen, ich habe schlechte Laune, sehr schlechte Laune!

Netzeitung: Aber warum denn?

Taylor-Taylor: [Pause]

Netzeitung: Alles klar?

Taylor-Taylor: Ich kann nicht schlafen.

Netzeitung: Wie bitte?

Taylor-Taylor: Ich kann einfach nicht schlafen. Ich liege da und starre die Wand an...

Netzeitung: Das tut mir leid.

Taylor-Taylor: ... und drehe zunehmend durch, werde wütend... Wenn man ein paar Tage hintereinander nicht schlafen kann, wird man einfach sauer! Es macht mich rasend.

Netzeitung: Ist es dieses mitten in der Nacht Aufschrecken...?

Taylor-Taylor: Genau, halb fünf Uhr morgens. Dann kann ich nicht mehr einschlafen. Und ich muss um elf aufstehen... Das sollte eigentlich reichen, denke ich dann, in diesem Zeitraum werde ich jawohl noch mal einschlafen, aber nein... Es geht einfach nicht. Also bin ich tagsüber müde. Das muss sich ändern.

Netzeitung: Und wie?

Taylor-Taylor: Man kann nicht um die Welt fliegen, um ein bisschen Pressearbeit zu machen. Das geht einfach nicht. Das ist Schwachsinn. Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten von San Diego nach Norwegen fliegen und sollen dann auch noch von elf Uhr morgens bis sieben Uhr abends durcharbeiten, plaudern, schlau und witzig sein. Das macht mich wütend. Ich bin einfach müde und wütend. Vielleicht sollten die Journalisten einfach nach Portland fliegen...

Netzeitung: Tolle Idee...

Taylor-Taylor: ... ich weiß es nicht... na los, fragen Sie mich was...

Netzeitung: In dem Stück «Love is the New Awful» von Ihrem neuen Album «Odditorium or the Warlords of Mars» hört man jemanden Deutsch sprechen. Irgendetwas mit Vergessen?

Taylor-Taylor: «Hast Du vergessen», heißt es...

Netzeitung: Wie kommt das in den Song?

Taylor-Taylor: Das ist Dieter.

Netzeitung: Wie Dieter?

Taylor-Taylor: Das ist unser Freund Dieter. [lacht] Ich weiß gar nicht, was er da sagt...

Netzeitung: Eigentlich passt das Stück «Simple Life» zu ihrer schlechten Laune. Da singen Sie unter anderem «I Can tell You for the Money/ the Simple Life Honey is Good/ There's a Whole Lot of Shaking and Taking My Hand/ And When They Tell You They Love You/ They Love You Like a One Night Stand»...

Taylor-Taylor: Es handelt von Tagen wie diesen, wenn ich mich frage, ob es das alles wert ist. Ich bin jeden Tag wütend und schlecht gelaunt. Kann man da ein Preisschild draufkleben? Ist es das Geld wert, dass es einen so wütend macht? Sein Leben vorbei gehen zu sehen, während man diesen Job macht, als Künstler, Brötchenverdiener... Ich glaube ich hätte glücklicher sein können, oder vielleicht auch nicht... ich weiß es nicht.

Ich versuche wirklich, dieses Leben zu genießen. Das tun wir alle. In der Band versuchen wir uns gegenseitig daran zu erinnern, Spaß zu haben. Denn selbst wenn man mies gelaunt und wütend ist, ist es der beste Job, den man haben kann. Ich versuche herauszufinden, wie ich weniger hart arbeiten kann. Ich hatte in diesem Jahr zehn Tage Urlaub. Und das war der erste Urlaub in zehn Jahren.

Netzeitung: Und darüber denken Sie nach, wenn Sie morgens um fünf aufwachen?

Taylor-Taylor: Ich kann nicht aufhören zu arbeiten, es ist ein Non-Stop-Job. Wenn ich aufwache, bin ich bereits panisch, muss sofort ans Telefon, rufe Leute an und arbeite. Ich habe zwei Telefone, die den ganzen Tag klingeln. Grafiken checken, Mixe und Remixe checken, verhindern, dass irgendwas schief geht... das ist es, was ich mache: Ich lösche Brände.

Netzeitung: Das Rockstarleben ist entäuschend.

Taylor-Taylor: Keine Ahnung, fragen Sie den Drummer. Ich bin dazu zu beschäftigt. Ich muss ein Unternehmen leiten.

Netzeitung: Sie hatten es sich anders vorgestellt...

Taylor-Taylor: Ich habe mir, glaube ich, gar nichts vorgestellt. Man macht Musik, weil man es machen muss, und dann passieren die anderen Dinge einfach. Langsam. Und man muss mithalten. Vielleicht ist das aber auch alles egal. Vielleicht ist das, was ich mache, überflüssig... vielleicht bin ich einfach davon besessen zu arbeiten.

Netzeitung: Aber warum hören Sie nicht einfach auf?

Taylor-Taylor: Ich habe es versucht, aber es ging nicht. Außerdem müssten die anderen aus der Band sich dann Jobs suchen. Ich würde gerne aufhören.

Netzeitung: Und dann?

Taylor-Taylor: Ist doch egal, irgendwas käme schon. Aber ich kann es ja eh nicht.... was würde Brent dann machen?!

Netzeitung: Brent?

Taylor-Taylor: Der Drummer...

Netzeitung: Sie können nicht aufhören zu arbeiten, weil Brent sich dann einen Job suchen müsste.

Taylor-Taylor: Genau [lacht]

Netzeitung: Hm, meine gesamten Rockstar-Fragen kann ich mir jetzt wohl sparen...

Taylor-Taylor: Wir sind keine Rockstars, wir sind ein beschissener think tank schreibender Künstlern mit großen Visionen und begrenztem Können. Die meiste Zeit lernen und experimentieren wir. Wir sitzen nicht in unseren Zimmern rum und holen uns auf der Gitarre einen runter, bis wir high sind. Ich habe Musik studiert. Ich habe gelernt, wie man orchestriert und arrangiert. Ich komponiere und ich produziere. Wenn ich ein Drummer wäre, wäre es anders. Dann wäre ich Schlagzeuger in einer Rockband. Aber ich bin kein Drummer, ich bin ein Sänger, obwohl ich das nicht wollte. Ich wollte immer der Drummer sein. Mist machen, mich betrinken, koksen und jedes Mädchen im Zimmer klar machen, nie schlafen. Das wäre toll, aber es geht nicht, weil ich diesen Job machen muss, auf den ich nicht vorbereitet war. Sänger, Gitarrist und Frontmann einer Scheißband zu sein. Verdammt nein, das wollte ich nicht. Aber es ging nicht anders.

In Oregon, Portland [wo die Band herkommt] – gab es nicht genügend Talente. Und ich war so lange Zeit davon besessen, Musik zu machen. Ich war neun Jahre alt, als ich... ich meine, wenn man neun Jahre alt ist, ist alles gleich. Mit den anderen Kindern in der Straße spielen ist genauso toll wie Abendessen. Spaghetti sind super, zwei Stunden später ist man draußen und sieht ein schnelles Auto vorbei fahren. Dann ist das plötzlich das Wichtigste. Aber nichts in aller Welt kam für mich der Musik nahe. Nichts. Was sie mit deinem Körper und deiner Seele macht, in deinem Kopf, in deinem Herzen. Nichts ist so mächtig. Das war's, der Verlauf meines Lebens war bereits klar, bevor ich überhaupt zehn Jahre alt war.

Netzeitung: Und was passierte dann?

Taylor-Taylor: Als ich 19 war, musste ich Songwriter werden, weil es sonst niemanden gab. Keiner sonst war gut genug. Aber ich wollte mir nie eine Gitarre umhängen und singen. Ich habe das zum ersten Mal auf einer Bandprobe mit den Dandy Warhols gemacht. Ich musste stehen und singen. Dabei geht es doch nur ums Lernen. Keiner von uns wusste, was er da eigtentlich macht. Nur ich wusste, wie man Songs schreibt. Es ist ein Kunstprojekt, und ich hätte nicht gedacht, dass es so lange hält. Hätte nicht gedacht, dass wir davon einmal leben können.

Wissen Sie, wahrer Rock'n'Roll, wie ich ihn erlebt habe, heißt, dass man nicht über Drogen redet, weil man Probleme damit hat. Wir können über Drogen und Sex reden, weil wir keine Probleme damit haben. Es gibt andere Dinge, die uns mehr interessieren. Und dann heißt es, wir wären Rockstars...

Netzeitung: Irgendwo muss das Image ja herkommen. Es gibt zahlreiche Berichte...

Taylor-Taylor: Haben Sie die Namen von den Autoren?

Netzeitung: Was wollen Sie damit?

Taylor-Taylor: Das haben traurige Idioten zusammen geschrieben. Es gab da diesen einen Typen in England, der muss der schlechteste Mensch auf der Welt sein. Ich hoffe, der pflanzt sich nicht fort. Er hängt mit uns auf Partys rum, erzählt wie gut ihm alles gefällt, und dann dreht er sich um und schreibt die schlimmsten, unhöflichsten, fiesesten, herablassendsten Sachen über uns. Ein Unglück, so jemanden überhaupt zu treffen. Die wollen sich größer machen, als sie sind, wollen hip sein. Der versucht, sich selbst zu einem Star zu machen, indem er übertreibt, wie toll die Partys waren. Dabei sind die nie so toll.

Mit Courtney Taylor-Taylor sprach Sophie Albers.