netzeitung.deDie rollenden Knochen der Rolling Stones

 Herausgeber: netzeitung.de

Lupe Die rollenden Knochen der Rolling Stones

Nach acht Jahren haben die Rolling Stones ein neues Album vorgelegt. Doch hat «A Bigger Bang» genau wie die Band ein grundsätzliches Problem.

Was will man eigentlich von Popmusik? Unterhalten werden, fällt einem da spontan ein. Popsongs sollen eine bestimmte Stimmung erzeugen, den Hörer auf Gedanken bringen, die er vorher nicht hatte, herausreißen aus dem Alltag. Das Gefühl geben, dass es da draußen Leute gibt, denen es genauso gut oder schlecht geht wie einem selbst.

Schriebe man diese Anforderungen in eine Liste und machte dann Haken hinter die erfüllten Punkte und Striche hinter die nicht erfüllten, das neue Album der Rolling Stones - «A Bigger Bang» - fiele fast schon nicht mehr in die Kategorie Popmusik.

Und das hat nichts mit dem Alter der Bandmitglieder zu tun, die gerade auf Tour sind und sich mitunter «Rolling Bones» (Rollende Knochen) schimpfen lassen müssen. Es ist etwas anderes, viel Grundlegenderes:

Retro, verzeifelt gesucht
Nämlich was diese Musik eigentlich noch zu sagen hat. Abgesehen vom Aspekt der Nostalgie, dass es einmal eine Zeit gab, in der die Rolling Stones progressiv waren, und dass es eben Menschen gibt, die sich an diese Zeit - aus welchen Gründen auch immer - gerne erinnern. Für die taugen die sauber produzierten und vorgetragenen Rockklassiker vom neuen Album genauso gut wie die immer wieder ausverkauften Live-Shows: das ziehende «Look What The Cat Dragged In», gerader Rock à la «Rough Justice», verregnete Balladen wie «Streets Of Love» oder gerne auch «This Place Is Empty», für das die singende Whiskeyflasche Keith Richards ans Mikrofon durfte.

Doch sonst? Außer Nostalgie lässt sich vielleicht so etwas wie Retro ausmachen, doch wirken die Songs selbst dafür zu altbacken, abgehangen. Irgendwie belanglos, wenn man doch genauso gut Bands wie The White Stripes hören kann. Das rockt auch, und irgendwie scheint Jack White trotz aller Allüren dem Hörer deutlich näher zu stehen als ein Mick Jagger. Denn: Nimmt diesem Mann noch irgendjemand Liebeskummer ab? Interessiert es Automechaniker oder Bankangestellte wirklich, wie sich die Sonntagsdepression eines Multimillionärs anfühlen, der Montagmorgen nicht zur Arbeit muss, sondern gegen Mittag von brasilianischen Models mit Kaviarhäppchen geweckt wird?
Gruselige Sexprotzerei
Zur PR des Albums gehörte unter anderem, dass Richards Böses über das Gemächt von Jagger sagte. Und hier kommt dann vielleicht doch mal das Alter ins Spiel. Bei einem 62-Jährigen ist Sexprotzerei hauptsächlich gruselig, wenn er nicht Hugh Hefner heißt und gerne über sich selbst lacht. Für den anspruchsvolleren Rest des entweder auf dem Kopf oder im Herzen grau gewordenen Publikums sollte der neue politische Anspruch des einen Songs «Sweet Neo Con» herhalten. Doch war der nur genau so lange wild, bis Jagger seine Aussagen relativierte. Schließlich fand das erste Konzert der Tour in Boston statt.

Aber vielleicht ist diese ewige Wiederholung alter Muster – nicht ein Song auf «A Bigger Bang» klingt anders als die Songs, die man eh schon von den Stones kennt – eine neue Marketingstrategie. Schließlich beginnen die Werber wegen der Überalterung der Gesellschaft ihre Kampagnen gerade auf die ab 60-Jährigen auszurichten. Und in diesem Alter hat man es bekanntermaßen nicht so gerne, wenn sich etwas verändert.