24.07.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Sigur Rós in Berlin
Foto: Sophie Albers
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
In Berlin hat die isländische Band Sigur Rós gezeigt, dass sie keine Angst hat: nicht vor Schönheit, nicht vor Kitsch und erst recht nicht vor der Erwartungshaltung des Publikums.
Es gibt Konzerte, die einen mit offenem Mund zurück lassen. Leider viel zu selten. In Berlin war es in der vergangenen Woche wieder so weit, als die Isländer Sigur Rós und ihre Vorband Amina auf die Bühne gestiegen sind. Drei Stunden lang durften die Zuschauer staunen.
Zuerst über vier Mädchen, wie man sie aus verträumten Filmen kennt: Mit langen Kleidern und geraden Rücken huschten die Musikerinnen von Amina von Ton zu Ton am Klavier, von Harmonie zu Harmonie am Xylophon, sie spielten mit Geigen, mit dem Computer, mit Gläsern, einer kleinen Drehorgel und auch mit einer singenden Säge. Die Bühne wurde zu einer Küche, in der diese kleinen Schwestern Björks ihre Gerichte im Augenblick des Werdens zu erfinden schienen. Über füllige Beats legten sie Klangteppiche und Melodien, die einen mit einem seligen Lächeln in liebliche Landschaften beförderten. Gestört hat da nur der Applaus.
Aus hübsch wird schönWenn Amina, die Sigur Rós als Streichquartett begleiteten, das Lied waren, folgte mit der Hauptband die Oper. Das Leichte wurde opulent, aus hübsch wurde schön, und während Sänger und Gitarrist Jón Thór Birgisson seine E-Gitarre als Streichinstrument benutzte, wartete der Saal sehnsüchtig auf den Einsatz seiner wunderbaren Stimme.
Sigur Rós hat keine Angst vor Schönheit, die auch gerne am Kitsch entlangschrammt. Dafür ist die Lage zu ernst. Klangwände, die von tropfenartigen, einsamen Tönen durchbrochen werden, Melodien scheinbar direkt aus dem Geysir, entstanden auf der Bühne, um die weiße Vorhänge wehten, auf die manchmal Abstraktes, manchmal so Konkretes wie Äste projeziert wurde.
Moderne OperDieses Konzert war eine große Aufführung, eine moderne Oper, deren Handlung - so der Wunsch der Musiker - in jedem Kopf ruhig anders aussehen soll. Dass angeblich nicht einmal die Band selbst die Worte versteht, die Birgisson in seiner Fantasiesprache singt, ist belanglos. Auch scheint niemand so genau zu wissen, für wen diese Musik eigentlich bestimmt ist. Sie ist einfach nur da, und das ist völlig ausreichend, ohne dabei selbstgerecht zu werden.
Als am Ende dann der Vorhang fällt, kommen Sigur Rós und Amina noch einmal auf die Bühne und verbeugen sich, wie es Schauspieler eben tun. An der Wand steht in großen Lettern «Takk» - danke - zu lesen. Eine Höflichkeit, die definitiv aus der falschen Richtung kommt. Aber es ist auch der Titel des neuen Albums, das im Herbst erscheint.