Dir en grey: «Jeder leidet irgendwie»
Im Publikum stehen fast ausschließlich Mädchen, ausstaffiert in dieser so Japan eigenen Mischung aus Niedlichkeit und Horror, Hello Kitty und Lackfetisch. Zu turmhohen Schuhen tragen sie Emily-Strange-T-Shirts, zu Kleinmädchenzöpfen haben sie sich die Lippen schwarz und die Schläfen blutig geschminkt. Und sie schreien immer wieder den Namen ihrer Idole: Dir en grey. Das sind Kyo, Kaoru, Die, Shinya und Toshiya aus Osaka.
Gegründet hat sich die Gruppe 1997. Mit ihrer Musik brachen sie das japanische Tabu, Gefühle offen zu zeigen. Wenn Kyo sich auf der Bühne hin- und her wirft, schreit er mit verzerrtem Gesicht, dass es ihm schlecht gehe, dass ihn das Schicksal der Welt schmerze, dass ihn der Egoismus seiner Mitmenschen krank mache. Diese Offenheit, die in Deutschland nicht mal für ein Schulterzucken sorgt, hat der Band in Japan das Image eingebracht, besonders extrem zu sein - und sich gut zu verkaufen: Schon 1999 unterzeichneten sie einen Majordeal. Die drei ersten Singles landeten in den Top Ten. 2002 mussten ihre Konzerte bereits von Sicherheitsleuten betreut werden, denn die Fans waren nicht mehr zu halten.
Nach dem Konzert lieferte sich die Band noch eine Verfolgungsjagd mit Fans, die dem Tourbus folgten. «Wir haben extra ein unscheinbares Hotel genommen», sagte eine Mitarbeiterin der Plattenfirma am Montag, als sich Bandchef Kaoru und Drummer Shinya interviewen ließen. Sänger Kyo könne man nicht treffen, der rede eigentlich nicht, heißt es. Als Kaoru und Shinya den Konferenzraum betreten, verbeugen sich ihre Manager und Assistenten. Dann setzen sich die Rocker mit versteinerten, wenn auch ungeschminkten Gesichtern an den Tisch.
Netzeitung: Ihr Fanforum hat die Fanpost straff organisiert. Sie bekommen viele Geschenke, heißt es da. Was schicken die Fans denn so?
Kaoru: Das gucken wir uns gar nicht an.
Netzeitung: Wo liegen die musikalischen Wurzeln Ihrer Musik? Ist es mehr Punk, Industrial oder Goth?
Netzeitung: Warum wechseln Dir en grey so häufig ihr Image? Gerade hat es einen von den Fans heftig diskutierten Wandel hin zum Goth gegeben...
Kaoru: Darüber machen wir uns keine Gedanken. Uns interessiert nicht, was andere denken.
Netzeitung: Stilistisch ähnelt die Band einer Mischung aus Prodigy, Kiss, Marilyn Manson und Rammstein. Sind die wichtig für Sie?
Kaoru: Die Namen kennen wir.
Netzeitung: Haben sie Einfluss auf Ihre Musik oder die Show?
Kaoru: Wir kennen und mögen die Musik, aber sie hat keinen großen Einfluss auf uns.
Netzeitung: Am vergangenen Samstag waren 3500 Fans da, um Ihr erstes Konzert in Europa zu sehen. Vor der Halle warteten sicher noch mal Tausend, die keine Karte bekommen haben. Knapp 250 in umgekippt. Wie fühlt es sich an, all die Mädchen schreien zu hören, bis sie umfallen?
Kaoru: Wir sind froh, dass so viele gekommen sind. Damit haben wir echt nicht gerechnet.
Netzeitung: Und das Geschrei?
Kaoru: Das kriegen wir schon mit...
Netzeitung: Und wie ist es, zu wissen, dass die wegen Ihnen umkippen?
[Da muss Kaoru plötzlich lachen. Er stößt Shinya in die Seite, der daraufhin schnell antwortet: Das feuert uns an, das gibt uns Energie.]
Netzeitung: Wie fanden Sie denn die ganzen Fans, die sich im Stil der Band zurecht gemacht hatten, als kämen sie direkt aus Harajuku in Tokio?
Kaoru: Wir haben uns schon darüber gewundert, aber es sah klasse aus. Jeder kann machen, was er will.
Netzeitung: Sie beschreiben Ihre Musik als Ausdruck der Trauer und des Schmerzes über die Welt. Was schmerzt Sie denn?
Netzeitung: Wenn Sänger Kyo sich auf der Bühne selbst verletzt, ist das Show?
Kaoru: Das macht er öfter, aber es ist nicht geplant. Meist ist es spontan aus dem Gefühl heraus.
Netzeitung: Es gibt die Band seit acht Jahren. Wo soll es hingehen? Wo sehen Sie Dir en grey in zehn Jahren?
Kaoru: [überlegt lange] Wer weiß...
Netzeitung: Warum steht bei den Bandbeschreibungen die Blutgruppe dabei?
Dolmetscherin: Daraus kann man Horoskope errechnen. Das ist typisch Japanisch.
Kaoru: Das ist nicht wichtig.
Netzeitung: Das Podest, auf dem Kyo die meiste Zeit auf der Bühne steht, trägt den Schriftzug «Mad Stalin». Ist Dir en grey eine politische Band?
Kaoru: Nein, wir haben keine politische Message. Wir wollen unser Publikum inspirieren. Anregen. Das ist alles.
Dir en grey sind in diesem Sommer bei den Festivals Rock am Ring (3. Juni) und Rock im Park (4. Juni) zu sehen.
Mitarbeit: Claus Wunn

