netzeitung.deDir en grey: «Jeder leidet irgendwie»

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Dir en grey (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Dir en grey
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

3500 wild-gewandete Fans haben am vergangenen Samstag in Berlin die japanische Rockband Dir en grey gefeiert. Die Netzeitung hat versucht, dem wortkargen Bandleader Kaoru ein paar Sätze zu entlocken.

Es wäre einfach, über Dir en grey und ihre Fans zu lächeln, schließlich sind sie schlicht befremdlich: Fünf junge Männer, wild geschminkt in zerrissenen schwarzen Klamotten stehen auf der Bühne und machen Musik, die sich anhört wie eine Mischung aus Prodigy, Marilyn Manson und Rammstein. Der Sänger trägt grellblaue Kontaktlinsen und kratzt sich zuweilen die Brust blutig.

Im Publikum stehen fast ausschließlich Mädchen, ausstaffiert in dieser so Japan eigenen Mischung aus Niedlichkeit und Horror, Hello Kitty und Lackfetisch. Zu turmhohen Schuhen tragen sie Emily-Strange-T-Shirts, zu Kleinmädchenzöpfen haben sie sich die Lippen schwarz und die Schläfen blutig geschminkt. Und sie schreien immer wieder den Namen ihrer Idole: Dir en grey. Das sind Kyo, Kaoru, Die, Shinya und Toshiya aus Osaka.

Zwei Tage haben einige Fans vor der Columbia-Halle in Berlin auf die Band gewartet. Es ist das erste Konzert in Europa. Dir en grey haben das erste Mal Asien verlassen. Dafür kamen ihre Anhänger aus ganz Deutschland, Frankreich, Schweden, Polen oder auch Japan. Denn die Hartgesottenen reisen einfach mit.

Gegründet hat sich die Gruppe 1997. Mit ihrer Musik brachen sie das japanische Tabu, Gefühle offen zu zeigen. Wenn Kyo sich auf der Bühne hin- und her wirft, schreit er mit verzerrtem Gesicht, dass es ihm schlecht gehe, dass ihn das Schicksal der Welt schmerze, dass ihn der Egoismus seiner Mitmenschen krank mache. Diese Offenheit, die in Deutschland nicht mal für ein Schulterzucken sorgt, hat der Band in Japan das Image eingebracht, besonders extrem zu sein - und sich gut zu verkaufen: Schon 1999 unterzeichneten sie einen Majordeal. Die drei ersten Singles landeten in den Top Ten. 2002 mussten ihre Konzerte bereits von Sicherheitsleuten betreut werden, denn die Fans waren nicht mehr zu halten.

Fans mussten ins Krankenhaus
Rund 250 sollen in Berlin am vergangenen Wochenende ohnmächtig geworden sein. Teils wegen der Hitze, teils wegen des langen Wartens, aber natürlich auch, weil Dir en grey endlich auf die Bühne stiegen. Unter Beatgetrümmer und Stroboskop-Gewitter begannen sie ihre Monstershow. Mehr als 20 Notarztwagen standen zwischenzeitlich vor der Halle. Einige Fans mussten sogar ins Krankenhaus gebracht werden. Und das obwohl die Security das Publikum im Saal mit Wasser bespritzte und es zum Lüften eine Pause gab.

Nach dem Konzert lieferte sich die Band noch eine Verfolgungsjagd mit Fans, die dem Tourbus folgten. «Wir haben extra ein unscheinbares Hotel genommen», sagte eine Mitarbeiterin der Plattenfirma am Montag, als sich Bandchef Kaoru und Drummer Shinya interviewen ließen. Sänger Kyo könne man nicht treffen, der rede eigentlich nicht, heißt es. Als Kaoru und Shinya den Konferenzraum betreten, verbeugen sich ihre Manager und Assistenten. Dann setzen sich die Rocker mit versteinerten, wenn auch ungeschminkten Gesichtern an den Tisch.

Die Übersetzung der Übersetzung
Sie sprechen kein Englisch, also helfen zwei Dolmetscher aus, was zu Szenen wie in Sofia Coppolas «Lost In Translation» führt. Die Frage, beispielsweise was Dir en grey bedeutet und wo der Name herkommt, wird erst von den Dolmetschern diskutiert, dann Kaoru gestellt. Der wirft ein paar Worte hin, die dann wieder diskutiert und schließlich in der Übersetzung «Es hat keine besondere Bedeutung. Es klingt halt gut, das hat mir gefallen» zurückkommen. Und in diesem Stop-and-Go geht es weiter.

Netzeitung: Ihr Fanforum hat die Fanpost straff organisiert. Sie bekommen viele Geschenke, heißt es da. Was schicken die Fans denn so?

Kaoru: Das gucken wir uns gar nicht an.

Netzeitung: Wo liegen die musikalischen Wurzeln Ihrer Musik? Ist es mehr Punk, Industrial oder Goth?

Kaoru: Japanischer Rock! [Kaoru lächelt kurz. Er sitzt mit gespreizten Beinen und verschränkten Armen da. Auf seinem Unterrarm steht «Japanese Zombie Heroez» tätowiwert. Um den Hals schlingen sich mehrere Ketten, an Ringen und Armreifen prangen Totenköpfe. Ab und zu kippelt er. Shinya neben ihm scheint sich gar nicht zu bewegen.]

Netzeitung: Warum wechseln Dir en grey so häufig ihr Image? Gerade hat es einen von den Fans heftig diskutierten Wandel hin zum Goth gegeben...

Kaoru: Darüber machen wir uns keine Gedanken. Uns interessiert nicht, was andere denken.

Netzeitung: Stilistisch ähnelt die Band einer Mischung aus Prodigy, Kiss, Marilyn Manson und Rammstein. Sind die wichtig für Sie?

Kaoru: Die Namen kennen wir.

Netzeitung: Haben sie Einfluss auf Ihre Musik oder die Show?

Kaoru: Wir kennen und mögen die Musik, aber sie hat keinen großen Einfluss auf uns.

Netzeitung: Am vergangenen Samstag waren 3500 Fans da, um Ihr erstes Konzert in Europa zu sehen. Vor der Halle warteten sicher noch mal Tausend, die keine Karte bekommen haben. Knapp 250 in umgekippt. Wie fühlt es sich an, all die Mädchen schreien zu hören, bis sie umfallen?

Kaoru: Wir sind froh, dass so viele gekommen sind. Damit haben wir echt nicht gerechnet.

Netzeitung: Und das Geschrei?

Kaoru: Das kriegen wir schon mit...

Netzeitung: Und wie ist es, zu wissen, dass die wegen Ihnen umkippen?

[Da muss Kaoru plötzlich lachen. Er stößt Shinya in die Seite, der daraufhin schnell antwortet: Das feuert uns an, das gibt uns Energie.]

Netzeitung: Wie fanden Sie denn die ganzen Fans, die sich im Stil der Band zurecht gemacht hatten, als kämen sie direkt aus Harajuku in Tokio?

Kaoru: Wir haben uns schon darüber gewundert, aber es sah klasse aus. Jeder kann machen, was er will.

Netzeitung: Sie beschreiben Ihre Musik als Ausdruck der Trauer und des Schmerzes über die Welt. Was schmerzt Sie denn?

Kaoru: [etwas engagierter auf die Dolmetscherin einredend] Wenn wir das wüssten, würden wir nicht solche Musik machen. Jeder fühlt einen anderen Schmerz. Deshalb sind wir nicht konkret. Jeder leidet irgendwie. Aber jeder eben anders. Wir geben da nichts vor. Wir wollen, dass unser Publikum etwas fühlt.

Netzeitung: Wenn Sänger Kyo sich auf der Bühne selbst verletzt, ist das Show?

Kaoru: Das macht er öfter, aber es ist nicht geplant. Meist ist es spontan aus dem Gefühl heraus.

Netzeitung: Es gibt die Band seit acht Jahren. Wo soll es hingehen? Wo sehen Sie Dir en grey in zehn Jahren?

Kaoru: [überlegt lange] Wer weiß...

Netzeitung: Warum steht bei den Bandbeschreibungen die Blutgruppe dabei?

Dolmetscherin: Daraus kann man Horoskope errechnen. Das ist typisch Japanisch.

Kaoru: Das ist nicht wichtig.

Netzeitung: Das Podest, auf dem Kyo die meiste Zeit auf der Bühne steht, trägt den Schriftzug «Mad Stalin». Ist Dir en grey eine politische Band?

Kaoru: Nein, wir haben keine politische Message. Wir wollen unser Publikum inspirieren. Anregen. Das ist alles.

Dir en grey sind in diesem Sommer bei den Festivals Rock am Ring (3. Juni) und Rock im Park (4. Juni) zu sehen.

Mitarbeit: Claus Wunn