«Laibach ist Rammstein für Erwachsene»
Laibach, die musikalische Abteilung des slowenischen Künstlerkollektivs NSK (Neue Slowenische Kunst), bietet eine Show überladen mit Pathos und Kitsch, Variationen der Ästhetik totalitärer Systeme. Sie spielen mit Ideologien, und dabei entlarven sie den ganz alltäglichen Faschismus, der sich selbst in Songtexten von Queen wieder finden lässt.
Auch eine Band, die sich – wenn auch ohne theoretischen Unterbau – gerne faschistischer Ästhetik bedient, ist Rammstein, mit der Laibach jüngst für einen Remix zusammengearbeitet hat. «Ohne Dich» gibt es nun in einer ganz speziellen Version zu hören, die Laibach auf Konzerten allerdings lieber nicht spielt.
Ivan Novak: Um die Wahrheit zu sagen: Das ist uns egal. Wir glauben, dass jeder sein eigenes Universum bewohnt. Ob nun emotional oder anders. Wir liefern nur das Material. Andererseits ist Angst schon eine relevante Reaktion. Angst führt zu inneren Abwehrmechanismen. Man sucht nach Erklärungen, stellt Fragen, das ist wichtig. Also ist es eine gute Reaktion. Wenn man sich einen Horror-Film anguckt, muss man ihn ernst nehmen, damit er funktioniert. Man muss daran glauben, selbst wenn man weiß, dass es nur ein Film ist. Sonst ist man nur ein zynischer, alter Mensch, der besser zuhause bleiben sollte. [lacht]
Netzeitung: Rechnet Laibach mit Zynikern?
Novak: Manche Leute reagieren positiv auf unsere Musik, andere negativ. Manche weinen, weil sie ihnen Angst macht, andere weinen, weil sie die Schönheit begreifen, die dahinter steht.
Netzeitung: Laibach hat gerade mit «Anthems» eine Art Best-Of-Album heraus gebracht. Ist das ein Schlusspunkt?
Novak: Der Schlusspunkt hinter einer Periode, ja.
Netzeitung: Und wie geht es nun weiter?
Novak: Wir haben immer so ziemlich das Gleiche gemacht. Nur die Reaktionen darauf ändern sich. Früher sind wir auf Angst und Ablehnung gestoßen. Mittlerweile werden wir respektiert. Das beunruhigt uns.
Netzeitung: Es beunruhigt Sie?
Novak: Wir ziehen die negative Reaktion vor. Die ist besser.
Netzeitung: Und warum?
Novak: Es ist wahrhafter und für uns eine größere Herausforderung.
Netzeitung: Soll es also weiter gehen mit martialischen Klängen und Referenzen an totalitäre Ästhetik?
Novak: Wir sind nicht besessen von faschistischer Ästhetik. Das ist nur ein Teil dessen, was wir machen. Das Konzept ist ein Werkzeug. Wenn man ein gutes Computerprogramm hat, ändert man es doch nicht. Man macht ab und zu Upgrades. Unser Konzept dient wunderbar unserem Anliegen. Wir nutzen es für unsere Interpretation des «Zeitgeists»... und machen ab und zu Upgrades.
Netzeitung: Der Band Rammstein, deren Lied «Ohne Dich» Laibach gerade geremixt hat und die Laibach als ihr Vorbild nennt, wird die Verwendung faschistischer Ästhetik immer wieder vorgeworfen. Zum Beispiel als sie in ihrem Video zu «Stripped» Ausschnitte aus Leni Riefenstahls «Olympia – Fest der Völker»-Film verwendet haben.
Novak: Damit haben wir kein Problem. Riefenstahl hat nicht nur deutsche Ästhetik benutzt. Nazi-Ästhetik, faschistische Ästhetik existierte überall auf der Welt. Es ist eine historische Tatsache, die an verschiedenen Orten verschieden ausgeprägt ist. Es gehört zur Menschheit. Deshalb sollte man es nicht ignorieren. Dieser Teil ist wichtig, um die europäische Geschichte zu verstehen. Es wird ja auch in Filmen thematisiert - wie in «Schindlers Liste» oder «Der Untergang». Ich verstehe nicht, warum es solche Filme machen können, aber Rammstein nicht. Warum sollte die Popkultur auf limitierte, dumme Themen abonniert sein. Die Pop-Rezipienten sind doch nicht dumm.
Netzeitung: Kannten Sie Rammstein, bevor Sie gebeten wurden, den Remix zu machen?
Netzeitung: Wie haben Sie auf die Anfrage reagiert?
Novak: Zuerst haben wir gedacht, wir hätten keine Zeit. Dann haben wir es als Herausforderung gesehen. Wir haben uns das Original angehört und gedacht, da könnte man was Nettes draus machen.
Netzeitung: Mag Laibach Rammstein?
Novak: Das heißt nicht notwendigerweise, dass wir sie mögen. Wir respektieren, was sie machen.
Netzeitung: Warum heißt der Remix «Mina Harker's Version». Was hat das Stück mit Dracula zu tun?
Novak: Es ist der Song. Es ist ein Liebeslied. «Ich kann nicht ohne dich existieren, du nicht ohne mich» – das hat uns an Mina Harkers Briefe an ihren Verlobten Jonathan erinnert und an die Briefe von Dracula an Mina. Diese Dreiecksgeschichte. Außerdem heißt die Sängerin Mina...
Netzeitung: Warum haben Sie sich für eine Frauenstimme entschieden?
Novak: Nachdem wir den Rammstein-Song gehört haben, dachten wir, es wäre schön mit einer Sängerin. Weil es ein Liebeslied ist, haben wir dann Mann und Frau gemischt. Ursprünglich haben wir auch die Stimme des Rammstein-Sängers gelassen. Wir fanden die Dreierbeziehung spannend. Aber wir wurden gebeten, sie herauszunehmen.
Netzeitung: Sie haben auch die Pronomina geändert: mich, dich, ich, du...
Novak: Es gibt sogar Leute, die haben das auf die Beziehung von Laibach und Rammstein bezogen... [lacht] Rammstein kann nicht ohne Laibach existieren und Laibach nicht ohne Rammstein...
Netzeitung: Und?
Novak: Das sind halt Spekulationen. [lacht] Normalerweise sagen wir, wenn wir nach Rammstein gefragt werden, dass Rammstein Laibach für Kinder ist, und Laibach ist Rammstein für Erwachsene.
Netzeitung: Hat sich der Remix finanziell gelohnt? Ist Laibach jetzt auf der Pop-Schiene angekommen?
Novak: Laibach war von Anfang an Pop. Alles, was in Massen produziert wird, gehört zur Popkultur. Genauso Bücher, Filme und... Toilettenpapier. Man benutzt es und schmeißt es weg.
Netzeitung: Laibach ist wie Toilettenpapier?
Novak: Naja, vielleicht wird es nicht weggeschmissen, aber ins Regal gestellt. So wird Popmusik heute konsumiert. Man lädt sie runter, hört sie und löscht sie. Das liegt in der Natur der Sache.
Netzeitung: Da hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert...
Novak: Der Massenkonsum nimmt zu. Die Dinge werden nur noch mit kurzer Lebenszeit hergestellt. Wenn ein Autohersteller ein Auto bauen würde, das nie kaputt geht, würde bald niemand mehr neue kaufen. Deshalb sind sie nie perfekt.
Netzeitung: Wie überträgt man dieses Bild auf die Musik von Laibach?
Netzeitung: Und was kommt als nächstes von Laibach?
Novak: Mit «Anthems» haben wir unsere Festplatte aufgeräumt. Und nach der Tour wollen wir neue Songs aufnehmen. Nächstes Jahr soll es ein neues Album geben, dazu auch DVDs und ein Buch.
Netzeitung: Spielt Laibach den Rammstein-Remix auf Konzerten?
Novak: Wir haben es ein paar Mal gespielt, aber es passt nicht in unser Programm.
Mit Ivan Novak sprach Sophie Albers.
«Anthems»-Album seit Oktober 2004 im Handel
« Laibach - A Film from Slovenia-Occuoied Europe NATO Tour »-DVD und «Laibach - The Videos»-DVD seit November im Handel.
