Cake: «Ich glaube nicht an die Apokalypse»
12.10.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Mit «Pressure Chief» haben Cake ihr fünftes Album veröffentlicht. In Deutschland war die Band 1997 mit einer Cover-Version des Gloria-Gaynor-Songs «I Will Survive» berühmt geworden. Der sei in den USA allerdings völlig untergegangen, sagte McCrea im Gespräch mit der Netzeitung und berichtet vom baldigen Ende der Menschheit.
John McCrea: Was für eine Schule haben Sie besucht?
Netzeitung: Ein humanistisches Gymnasium. Warum fragen Sie?
McCrea: Ich habe gerade mit einem Kollegen von Ihnen darüber gesprochen, dass ich auf einer Waldorf-Schule war... ein deutsches Konzept...
Netzeitung: Und wie war's?
McCrea: Ich habe es gehasst.
Netzeitung: Warum?
Netzeitung: Ist Kalifornien ein guter Platz zum Aufwachsen?
McCrea: Ja. Die Lebensqualität ist gut, und die Leute sind im Verhältnis zum Rest der Vereinigten Staaten toleranter. Wer weiß, wenn ich woanders aufgewachsen wäre, wäre ich heute vielleicht ein Anti-Abtreibungs-Rechtsaußen-Republikaner.
Netzeitung: Wenn Sie im Bible-Belt groß geworden wären...
McCrea: Genau, Kalifornien ist anders als der Rest...
Netzeitung: Um zur Musik zu kommen: Haben die Eurythmie-Kurse der Waldorf-Schule der Musikerkarriere geholfen?
McCrea: [Schneidet Grimasse, lacht] Neeeein! Ok, sie haben uns in sehr jungen Jahren an Kunst und Musik herangeführt. Ich denke, es ist gut, diese neuronalen Netze möglichst früh auszubilden. Es geht darum, seinen Körper und seinen Geist möglichst früh beweglich zu machen. In der Musik geht es auch sehr viel um Geometrie und Mathematik...
Netzeitung: Beispiel?
McCrea: Es geht um Proportionen, archetypische Verhältnisse. Ich denke darum geht es in der Musik, um Archetypen.
Netzeitung: Wollen Sie, dass die Leute zu Ihrer Musik tanzen oder auf die Texte hören?
McCrea: Die meisten Leuten sollten einfach nicht tanzen. Die Leute, die tanzen können, sollen tanzen. Die, die es nicht können, sollen zuhören. Andererseits: Die Leute, die tanzen können, hören vielleicht nicht zu...
Netzeitung: Welche mögen Sie lieber?
McCrea: Es ist toll, wenn Leute tanzen können. In unserem neuen Video «No Phones» sind wir rumgelaufen, haben irgendwelchen Leuten Kopfhörer aufgesetzt und sie zu dem Song tanzen lassen. Wie gesagt, manche Leute sollten tanzen, manche nicht...
Netzeitung: Können Sie tanzen?
McCrea: Es ist ok. Ich werde immer selbstbewusster. Ich versuche, nicht so häufig in den Videos vorzukommen, denn ich mag es nicht, wenn die Leute mich auf der Straße erkennen. Es gab ein Video, das in den USA sehr häufig gespielt wurde, und da erfuhren definitiv zu viele Leute, wie ich aussehe.
Netzeitung: Was gab es denn für Reaktionen?
Netzeitung: Wenn man sich «Pressure Chief» und vor allem Songs wie «End of the Movie» oder «Waiting» anhört, könnte man Sie für pessimistisch halten...
McCrea: Aber nicht um des Pessimismus Willen. Vielleicht eher pragmatisch pessimistisch. Pessimismus, der einen realistisch macht. Ich will weder ein Pessimist noch ein Optimist sein. Ich halte es für falsch, in diesem Sinne zu urteilen...
Netzeitung: «Tougher than it is», das letzte Lied der Platte, scheint allerdings vieles wieder zurückzunehmen...
McCrea: Absolut. So ist es. Es sollte nicht so enden. Trotzdem: Ich glaube nicht, dass es im Leben darum geht, glücklich zu sein. Eher darum, dass es interessant ist.
Netzeitung: Das hört sich nicht sehr kalifornisch an...
McCrea: Viele Menschen werden vom Leben enttäuscht, weil sie erwarten, dass es darum geht, glücklich zu sein. Darum geht es aber nicht. Es geht darum, zufrieden zu sein. Dass es ok ist, egal, ob man gerade mit einem platten Reifen am Highway steht oder interviewt wird oder gerade Trampolin springt. Du kannst in allen diesen Situationen unglücklich sein, aber genauso gut glücklich. Glück kommt und geht. Mir reicht es, wenn es interessant ist. Ich weiß, dass das Leben nervt, dass es manchmal die ganze Aufregung einfach nicht wert ist. Aber mich interessiert, wie es weitergeht. Wie die Geschichte sich entwickelt.
Netzeitung: Aber manchmal macht die Entwicklung der Geschichte einen doch glücklich oder unglücklich...
McCrea: Sicher, aber manchmal kann man Dinge, die eigentlich schlecht sind, darauf reduzieren, dass sie interessant sind. In dem Sinne, dass es irgendwann eine interessante Geschichte sein wird, oder dass es interessant ist, den Spannungsbogen der Geschichte zu betrachten..
Netzeitung: Also beobachten Sie das Leben nur?
Netzeitung: Aber wenn Sie mit Menschen zusammen sind, müssen Sie sich doch einlassen.
McCrea: Natürlich. Es geht weniger um Loslösung. In vielen Songs geht es darum, einzusehen, dass das Leben enttäuschend ist, aber eben interessant. Und so lange es so interessant ist, werde ich nicht Selbstmord begehen.
Netzeitung: Und Zynismus ist eine Möglichkeit, damit umzugehen?
McCrea: Sicher, Zynismus ist eine Krücke. Nicht sehr mutig, aber eine Art Schutzschild.
Netzeitung: Viele Ihrer Songs klingen sehr zynisch.
McCrea: Sind sie aber nicht, wirklich nicht.
Netzeitung: Was ist der Unterschied zwischen Zynismus und Ironie?
McCrea: Viele Menschen halten unsere Songs für zynisch oder ironisch, obwohl sie es gar nicht sind. Sicher sind sie humorvoll, aber auch traurig. So ist das Leben: zur gleichen Zeit lustig und tragisch. Viele meinen, nur weil es Musik ist, müsste es das eine oder andere sein. Dabei ist es immer beides. Meine liebsten Bücher und Filme vereinen beides...
Netzeitung: Zum Beispiel?
McCrea: «Being There» (Willkommen, Mr. Chance) mit Peter Sellers. Lustig und traurig zugleich. «Crimes and Misdemeanours» (Verbrechen und andere Kleinigkeiten) von Woody Allen. Unsere Eltern können damit nicht umgehen, weil sie an reine Emotionen gewöhnt sind. Gut und Schlecht. Alles ist etwas einfacher. In den 80ern, 90ern und heute ist es schwieriger geworden. Gut und Schlecht hängen zusammen rum. Gut und Schlecht sind Kumpels. Sie gehen zusammen Angeln.
Netzeitung: Sind Sie von der Welt enttäuscht?
McCrea: Nein, sie fasziniert mich. Das Leben ist ein schlechter Film, aber du bleibst im Kino, weil du wissen willst, wie es endet.
Netzeitung: Hört sich an, als wollen Sie die Welt gar nicht ändern. Auf der Website von Cake gibt es aber Aufrufe zum Wählen und ähnliches...
McCrea: Ja, aber nicht weil ich Hoffnung hätte...
Netzeitung: ...?
McCrea: Ich glaube, es gehört zur menschlichen Erfahrung, etwas dafür zu tun, dass es besser wird. Ich glaube nicht, dass es irgendwas bringt.
Netzeitung: Also alles umsonst?
Netzeitung: Was? Wegen des Ökosystems, dem Ende der Ressourcen?
McCrea: Ja, die Erde kann das nicht länger ertragen. China, Afrika, Europa und der Rest reichen nicht für all die Menschen...
Netzeitung: Die Welt endet 2050?
McCrea: Ja, wir müssen einen anderen Planeten finden. [lacht] Es ist doch ganz klar, dass es nicht ausreichend Ressourcen gibt. Das Lustige ist, wenn wir überleben wollen, müssten wir gegen unsere natürlichen Instinkte arbeiten, Ressourcen anzuhäufen, geizig zu sein. Aber das können wir ja eh nicht... hm, jetzt geht's gar nicht mehr um Musik.
Netzeitung: Eine Frage noch: Wie wird es enden?
McCrea: Langsam, schmerzvoll. Ich glaube nicht an die Apokalypse, eher Krankheiten, Umweltverschmutzung. Krebs...
Netzeitung: Danke. Worum geht es denn in «Pressure Chief»?
McCrea: Ich habe Songs geschrieben, und Cake hat sie in einem alten Haus in Sacramento selbst aufgenommen. Das war sehr machtvoll. Ein Do-it-yourself-Album. Unser Wichtigstes denke ich.
Mit John McCrea sprach Sophie Albers

