R.E.M.: «Ich will nicht über Sex schreiben»
Die öffentliche Aufmerksamkeit liegt vor allem auf Frontmann Michael Stipe. So richtig enträtseln lässt sich der ehemalige Kunststudent aber auch nach Jahren im Rampenlicht nicht. Netzeitungs-Autor Steffen Rüth hat es trotzdem versucht.
Netzeitung: Sie haben gerade ein paar Wochen Urlaub in Europa gemacht. Haben Sie sich in typisch amerikanischer Manier jeden Tag eine andere Stadt angeguckt?
Michael Stipe: Nein, um Gottes Willen. Das mache ja schon, wenn ich auf Tour bin. Nein, ich habe ein paar Freunde besucht, in Frankreich und in Italien. Dann habe ich da meist den Tag über auf der Terrasse gesessen und einfach so geschaut.
Stipe: Für mich steht der Begriff «Wanderlust» für «Suche, Aufbruch» und solche Sachen. Das trifft auf mich sehr zu. Ich bin ein sehr hyperaktiver, energiegeladener Mensch. Und ich liebe es, die Menschen zu beobachten, zu observieren.
Netzeitung: Sind Sie jemals irgendwo «angekommen»? Sei es an einem Ort oder in einer Beziehung?
Netzeitung: Auf dem Album gibt es ein Stück, das «Outsiders» heißt. Halten Sie sich für einen Außenseiter?
Stipe: Immer schon, ja. Darüber hatte ich nie den geringsten Zweifel. Aber ich war immer gerne anders. Das ist nichts, worunter ich zu leiden hatte.
Netzeitung: Was hat der Rapper Q-Tip von A Tribe Called Quest auf diesem Song verloren?
Netzeitung: Finden Sie nicht, es gibt zuviel Sex in Pop- und speziell Rapmusik?
Stipe (lacht). Nein. Ich denke, zuviel Sex kann es in der Musik und in der gesamten Welt überhaupt niemals geben. Ich mag Sex. Aber natürlich gibt es Argumente, die man im Prinzip gegen jede Form von Musik vorbringen kann. Ich selbst halte mich da üblicherweise in jedem Genre an die Künstler, die mir ein bisschen mehr zu bieten haben als nur einen nackten Hintern.
Netzeitung: R.E.M. und speziell Sie in Ihren Texten haben das Thema Sex dagegen immer sehr zurückhaltend, nie aufdringlich behandelt. Mit Absicht?
Netzeitung: Alles zusammen.
Stipe: Ja, aber ich finde, das sollten Sie trennen. Ich zumindest halte die Unterschiede zwischen diesen drei Dingen für sehr erheblich. Obwohl sie sich natürlich überlappen und sich in der besten aller Möglichkeiten auch alle drei zu einer gigantischen Kraftquelle verbinden.
Netzeitung: Tun Sie das gerade in Ihrem Leben?
Netzeitung: Mir ist von R.E.M. kein einziges «lets get down and dirty»-Lied bekannt. Sie beschreiben lieber Personen, die sehnsüchtig nach etwas in ihrem Leben suchen, statt konkret zu werden, arbeiten Sie lieber mit vagen Andeutungen. Ganz im Gegensatz zur großen Mehrheit Ihrer Kollegen.
Stipe: Das ist richtig. Ich habe mich nie dazu hingezogen gefühlt, den sexuellen Akt in einem Song zu beschreiben. Ich bin nicht diese Art von Autor, das können andere, sagen wir, Iggy Pop, viel, viel besser. Ich fürchte, solch ein Song wäre einfach nicht sehr gut, wenn ich ihn schriebe.
Netzeitung: Haben Sie je versucht, ein Lied übers Poppen zu verfassen?
Netzeitung: Aber Sie würden R.E.M.-Songs schon als «sexy» bezeichnen?
Stipe: Sind sie das? Ich kann das gar nicht beurteilen. Aber ich habe definitiv noch nie R.E.M.-Songs gehört, während ich Sex habe. Das wäre ja auch echt krank, oder? Haben Sie?
Netzeitung: Nö, Ich glaube nicht.
Netzeitung: Sie machen einen relativ zurückhaltenden, schüchternen Eindruck im Gespräch. Auf der Bühne hingegen wirken Sie sexuell extrem aufgeladen. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?
Stipe: Sie stellen ja Fragen heute. Jede öffentliche Figur, jeder öffentlich agierende Mensch besitzt persönliche Eigenschaften, die er vom privaten ins öffentliche Leben mitnimmt. Und er besitzt welche, die er entweder im privaten oder im öffentlichen Bereich einsetzt. In meinem Fall gab es stets eine recht deutliche Trennlinie zwischen der Bühnen-und-Songfigur Michael Stipe und dem Privatmenschen Michael Stipe. Ich würde es hassen, ein öffentliches Beziehungsleben zu führen und ich bemitleide Künstler oder überhaupt Menschen, die sich und ihr Sexualleben inszenieren müssen, um überhaupt Beachtung zu finden. Dabei wirken Menschen doch oft aufregender, wenn man so gut wie nichts darüber weiß, mit wem oder ob überhaupt sie es treiben.
Netzeitung: Weiß man deshalb so wenig über Ihr Liebesleben?
Netzeitung: Also inszenieren Sie sich als sexuelles Mysterium?
Stipe: Okay, ich gebe zu: Ich habe tatkräftig an dieser rätselhaften Person namens Michael Stipe mitgebaut. Ich habe mich geheimnisvoll gegeben, weil ich ängstlich war, schüchtern und am Anfang unserer Karriere überhaupt nicht gern mit fremden Menschen sprach. Dann hat vor einigen Jahren ein großes US-Magazin geschrieben, dass ich mit einem Mann zusammenlebe. Und seitdem heißt es überall, ich sei schwul.
Netzeitung: Dachte ich jetzt auch.
Netzeitung: Sehen Sie Parallelen zwischen einem Konzert und einem Liebesakt?
Stipe: Ganz klar nein. Ich weiß, dass viele Musiker immer erzählen «Oh, auf der Bühne ist es so geil wie beim Sex», aber ich habe da nie einen Zusammenhang gesehen. Wenn ich die Menge an Adrenalin, die ich beim Konzert in mir habe, auch im sonstigen Leben hätte, dann wäre ich längst nicht mehr am Leben (lacht). Das wäre lächerlich.
Netzeitung: Im Grunde sind ja beides «Performances»?
Netzeitung: Gibt es einen sehr direkten politischen Song auf dem neuen Album?
Stipe: Ja, «I wanted to be wrong» macht mich sehr stolz. Das ist mein «Fahrenheit 911».
Netzeitung: Ist es schwierig, ein patriotischer Amerikaner zu sein?
Stipe: Letztes Jahr war es schwieriger. Jetzt nicht mehr.
Netzeitung: Warum?
Netzeitung: Was passiert, wenn Bush am 2. November gewinnt?
Stipe: Dann wäre ich extrem deprimiert von meinen Landsleuten. Aber ich bin sicher, das wird nicht passieren.
Das Gespräch führte Steffen Rüth

