Tim Renner: Raus aus dem Horror-Kreislauf
Netzeitung: Wann hat es Sie zuletzt «kalt erwischt und bewegt»?
Renner: Der Moment, als es zur Glaubensfrage kam. Als ich gesagt habe 'Das mache ich nicht', 'Das halte ich für Blödsinn', 'Nicht mit mir', und die Gegenseite gesagt hat 'Ja dann schade. Nicht mit dir'. Das hat mich ziemlich kalt erwischt.
Netzeitung: Eigentlich meinte ich Musik. In Ihrem Buch «Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm! Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie» heißt es, Pop sei «in Plastik gegossene Revolution», etwas «das dich kalt erwischt und bewegt».
Netzeitung: Welchen Platz hat der Fan heute im Wertesystem eines Musikmanagers?
Renner: Wenn ich jemanden als Fan aufbauen will, muss ich ihm eine hohe Substanz bieten. Man muss unterscheiden zwischen einem Fan, der Inhalte und einem Teenie, der kurzfristige Symbole liebt. In der Musikindustrie richtet sich vieles an Letzterem aus. Der Teenie bewegt sich schnell, und er ist sehr wahrnehmbar. Er kreischt halt. Der kreischende Fan ist vorne in der Agenda, aber der substantielle Fan, der sich mit den Inhalten und den Personen beschäftigt, der auch dauerhaft ist im Gegensatz zum Teenie, der ist untergeordnet.
Netzeitung: Aber der kreischende Fan bringt mehr Geld?
Renner: Mit dem kreischenden Fan lässt sich immer weniger Geld machen! Der ist unberechenbar. Aber dennoch baut man einen Teenie-Act, als wäre es ein vollwertiger Künstler. Nur mit dem Unterschied, dass die Karriere gerade mal ein, zwei Platten hält. Und vor allen Dingen: Er baut keinen Katalog auf. Glauben Sie, irgendwer kauft heute noch die Platten von Bay City Rollers oder New Kids On The Block? Oder von der deutschen Teenie-Band The Teens. Die wurden Anfang der 80er gecastet und mit allem Recht der Welt vergessen.
Netzeitung: Sie schreiben, die Beliebigkeit der Teenie-Bands sei schlimmer als der allseits für die schlechten Zahlen der Musikindustrie verantwortlich gemachte Download...
Netzeitung: Die Vermischung von Kapital und etwas Ideellem wie Musik ist doch eigentlich von vornherein schwierig.
Renner: Wenn man mit ideellen Werten arbeitet, braucht man als Hauptantrieb für diese Jobs Idealismus. Das ist im Journalismus ganz ähnlich wie im Musikgeschäft. Es wird gefährlich, wenn in solchen Jobs Leute mit Karriereantrieb arbeiten. Die sind fasziniert von Macht und Geld, aber nicht von den Idealen, die eigentlich dahinter stehen sollen. Das Gut, die Emotion, ist sehr sensibel und wird vom Kapital leicht zerdrückt. Eigentlich muss man den Einfluss des Kapitals im Interesse des Kapitals bremsen. Das Bedürfnis des Kapitals nach Optimierung und Planbarkeit passt nicht zu emotionalen Gütern wie Musik. Ein Künstler ist nicht lenkbar, der ist nicht auf Knopfdruck kreativ. Der ist nicht optimierbar. Da hakt es.
Netzeitung: Aber das passiert doch gerade, die Optimierung des Musikgeschäfts...
Renner: Wenn das Kapital an diesem Punkt nicht gebremst wird, entstehen funktionale Produkte. Die Casting-Single ist planbar, noch besser planbar ist die Hit-Compilation also gar nichts Neues aufnehmen, sondern das Existente nehmen und neu verwursten. Wenn man sich darauf konzentriert, entsteht aber keine Nachhaltigkeit mehr, und dann kollabiert irgendwann das, wo das Kapital eigentlich reingesteckt wurde. Es sollte also im Interesse des Kapitals sein, wenn sein Einfluss eingeschränkt wird. Sich gegen das System zu stemmen, kann das System durchaus stützen.
Netzeitung: Gab es einen Zeitpunkt, zu dem man diese Entwicklung hätte aufhalten können?
Renner: Das ging peu à peu. Je unmittelbarer man an der Börse notiert ist, je direkter der Kapital Einfluss ist, desto mehr spürst du den Druck. Der ungeheure Erfolg der Fan-Industrie Musikwirtschaft zog das Kapital an. Dadurch entstand das Verlangen nach Objektivisierung im Rahmen der Professionalisierung des Geschäfts. Doch hat Objektivität in einer emotionalen Industrie nichts zu suchen. Der Druck wurde auch für mich immer größer, der Widerstand auch, und irgendwann führt's zum Knall. Und den hat's gegeben.
Netzeitung: Wann ist das Interesse am Inhalt verloren gegangen?
Renner: Dass immer weniger die aufbaute Katalog-Substanz zählt und immer mehr das kurzfristige Ergebnis, begann so langsam Anfang, Mitte der 90er Jahre.
Netzeitung: Kann man das einen Selbstmord nennen, was da passiert?
Renner: Ein Selbstmord ist immer etwas Wissentliches. Es hat eher was vom langsam zu Tode trinken. Die gesamte Musikwirtschaft das sind nicht nur CDs, das sind auch Live-Konzerte oder Verlagsrecht oder Merchandising muss lernen, dass sie dauerhafte Marken schaffen muss. Wie geht das? Indem ich sie emotional auflade. Es muss Haltung dahinter sein, es muss Inhalt haben. Wenn mir das gelingt, kann ich damit sehr viel Geld verdienen. Und da ist es eigentlich fast egal, auf welche Art ich das mache, ob das ein Song ist, ein Live-Auftritt oder das Glaubensbekenntnis der Fans auf dem T-Shirt. Wenn das nicht erfolgt, wenn ich mich nicht mit Szenen beschäftige, den Codes, wenn ich nicht in Inhalten denke, dann werde ich hin- und hertaumeln, vielleicht den einen oder anderen kurzfristigen Erfolg haben, aber nichts auf Dauer.
Wenn dieses Signal verstanden wird, hat die Musikindustrie eine Chance. Wenn es nicht verstanden wird, muss man auf einen Mittelstand hoffe, der die Sache rettet.
Netzeitung: Kleinere Labels...
Renner: Die Kitty-Yos dieser Welt.
Netzeitung: Was hat Helmut Kohl mit dem Untergang der Popindustrie zu tun?
Renner: Helmut Kohl ist für vieles Schlechte verantwortlich. Und ich finde es schön, hier den Kreis schließen zu können, dass auch mein Ausscheiden eigentlich Helmut Kohls Schuld ist. [lacht] Streng genommen hat er tatsächlich jede Menge damit zu tun: Die Art und Weise wie in Deutschland Privatradio eingeführt wurde, führte zu einer erheblichen Verflachung der Inhalte. Es ist OK, Privatwirtschaft zuzulassen in den Medien, sie zu liberalisieren, so wie Kohl es getan hat. Der große Fehler bestand darin, im selben Rahmen nicht den Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen noch mal klar zu definieren, sondern die in den selben Quoten-Wettkampf zu schicken wie die Privaten. Ein Privatmedium wird sich immer daran orientieren, was es als kleinsten gemeinsamen Nenner der stumpfen Masse begreifen oder messen kann. Da fallen Ecken und Kanten weg. Um so wichtiger ist es, in einem solchen Szenario dafür zu sorgen, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht an den Privaten gemessen werden. Sonst haben wir es nämlich mit einer bundesweiten Verflachung zu tun. Wenn ich als Konsument den Eindruck bekomme, dass aus dem Radio eh nur Einheitsbrei kommt, dann interessiere ich mich nicht mehr dafür oder sehe schon mal gar nicht ein, dass ich für den kurzlebigen Scheiß überhaupt zahlen soll. Dann hat die Musikindustrie auch noch versucht, eben das zu produzieren, was im Radio gesendet wird. Da entsteht ein Horror-Kreislauf: Die einen senden nichts mehr mit Inhalt, die anderen produzieren nichts mehr mit Inhalt.
Netzeitung: Sie wollen nun selbst zur Spezifizierung beitragen. Sie haben eine Radiolizenz beantragt.
Netzeitung: So wie Amazon?
Renner: Ja, das was Amazon macht, aber lebend. Das ist ein Radio, das bewusst im Hintergrund nerven will, nichts was einfach nur im Hintergrund plärrt.
Netzeitung: Und wie finanziert sich das?
Renner: Indem es auch Musik verkauft. Was ich hier höre, kann ich auch jederzeit bestellen...
Netzeitung: Bei i-Tunes?
Renner: Zum Beispiel in einer Kooperation mit i-Tunes. Es soll eine Website geben, die das Programm spiegelt, und wo der Zuhörer nachsehen kann, was er da gerade gut gefunden hat. Wer das Radio hört, interessiert sich auch für Musik.
Netzeitung: Ist Authentizität etwas, das man erschaffen kann?
Renner: Nein, aber man muss es wollen. Man muss es gezielt von vornherein wissen wollen, aber man kann es nicht faken. Das Gefakte, der reine Schein, ist ja eine Zeit lang ganz lustig, aber wenn es das einzige Angebot ist, ist das irgendwann kulturelle und mediale Mangelernährung. Dann gibt's Skorbut. Die Zähne fallen aus, und man lechzt nach Schwarzbrot. Ich glaube an dem Punkt, sind wir längst angekommen.
«Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm! Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie.» kommt am 27. September in den Handel.
Mit Tim Renner sprach Sophie Albers.

