netzeitung.de2Raumwohnung: «Sex ist Kommunikation»

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Lupe 2Raumwohnung: «Sex ist Kommunikation»

Anlässlich ihres neuen Albums sprachen Inga Humpe und Tommi Eckart von 2Raumwohnung mit der Netzeitung über Frauenmusik, Gefühlsforscher und offene Beziehungen.

Inga Humpe, bekannt aus der Zeit der «Neuen Deutschen Welle» (Neonbabies) und Tommi Eckart, seines Zeichens Elektrotüftler, sind nicht nur seit über zehn Jahren ein sehr modernes Paar, sondern seit Anfang dieses Jahrtausends auch Deutschlands liebenswertestes und erfolgreichstes Popelektro-mit-deutschen-Texten-Duo aus Berlin.

Nach Hits wie «Wir trafen uns in einem Garten» und «Ich und Elaine» kommt am 30. August mit «Es wird Morgen», das dritte, wieder sehr charmante Album der Band auf den Markt.

Netzeitung: Geht's gut?

Inga Humpe: Doch, danke. Obwohl ich im Moment ständig diese Aussteigerphantasien habe. Ich glaube, das hängt mit dem Stress zusammen, den wir seit Monaten mit der Platte hatten. Jedenfalls stelle ich mir vor, wie großartig es wäre, in Südfrankreich zu sein und Straßenmusik zu machen. Ich möchte da in St. Tropez rumhängen und auf Yachten eingeladen werden. Egal von wem. Hauptsache reich, Hauptsache Champagner. Dann spiele ich dort bei denen Gitarre.

Netzeitung: Ein Anfall von Spät-Hippietum?

Humpe: Vielleicht auch. Als ich 17 war, sind wir alle da runtergefahren. Wir wollten unbedingt Mick Jagger treffen. Es hieß seinerzeit, die Stones hätten sich an der Cote d'Azur eine Villa gemietet und würden wilde Orgien feiern. Damals haben wir die aber nicht gefunden. Ich glaube, das ist noch so eine offene Rechnung von mir.

Netzeitung: Auf «Es wird Morgen», Ihrem neuen Album, sind wieder Elemente aus 30 Jahren Musikgeschichte, viel Elektronik, aber auch mehr akustische Sachen als sonst. Wie würden Sie denn die Platte beschreiben?

Humpe: Widersprüchlich. Gestern habe ich mich mal hingesetzt, alles in Ruhe durchgehört und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es drei Bereiche gibt auf diesem Album: Eleganz, Wirbel, Home. Fast wie eine klassische Symphonie. Inhaltlich ist es ein Album über Kommunikation. Das hört sich jetzt vielleicht nicht so sexy an, ist es aber.

Netzeitung: Textzeilen wie «Wir strahlen von innen ineinander hinein» wie im Song «Cookie’s Cream» sind ja schon recht erotisch?

Humpe: Ja. Wobei es da nicht direkt um Sex gehen muss. Ich empfinde es als gigantischen Luxus, in Zeiten, wo überall Krieg und scheinbar alles schrecklich ist, mit einer kleinen Gruppe von Leuten einfach auf einer Schwingung zu sein, auf einer Party, beim Essen oder wo auch immer. Da gibt es immer wieder Momente von echter Wärme und Offenheit, alle entspannen sich in den Köpfen und stellen auf angenehme Weise das Denken ein.

Netzeitung: Sie verbreiten ja ohnehin so eine «Das Leben ist schön»-Botschaft.

Humpe: Das Leben ist ja nunmal schön. Das ist eine Tatsache, keine Botschaft. Und wir möchten die 2Raumwohnung durchaus als Insel des guten Gefühls etablieren. Ich bin ja auch voll der Gefühlsforscher. Du auch, Tommi?

Tommi Eckart: Hm, ja.

Humpe: Ich habe so ein schönes Kissen. Da setze ich mich drauf, mache Yoga und entspanne mich ganz stark.

Eckart: Wir sehen das Leben als Quelle der Freude. Es ist ja eine unglaubliche Freiheit, dass man in diesem Körper drin ist, der nach B gehen, aber auch auf A bleiben kann. Die Möglichkeiten, die wir Menschen haben, unser Leben zu gestalten, sind ein echter Knaller.

Netzeitung: Das Titelstück «Es wird Morgen» handelt aber von einer Frau, die einfach keine Liebe findet. Können Sie sich damit identifizieren? Immerhin sind Sie ja schon seit zehn Jahren ein Paar.

Humpe: Ach ja, es passiert ja immer mal, dass man sich täuscht, oder dass man mehr ins Verliebtsein verliebt ist als in den jeweiligen Typen. Das ist ja auch lustig. Am besten finde ich die Zeile «Seine Sachen sind schon weg – für einen guten Zweck.»

Netzeitung: Wie schafft man denn den möglichst eleganten Übergang vom Verliebtsein zum Zusammenleben?

Humpe: Es gibt keine Rezepte, es gibt nur Glücksfälle oder eben nicht. Man kann sich aber immer wieder neu verlieben, neu zusammenfinden. Irgendwie ist die Liebe ja immer so ein Zickzack-Kurs, viele wollen zwar eine Beziehung, sind im Grunde aber sehr einzelgängerische Wesen, die sich das auch erhalten wollen und deshalb im ständigen Konflikt mit sich und dem Partner stehen.

Netzeitung: Alle Frauen, die ich kenne, finden 2Raumwohnung toll. Machen Sie Frauenmusik?

Humpe: Keine Ahnung, aber mich freut das. Ich finde das ganz super. Ich wollte immer was machen, das Frauen stärkt und ihnen aus der Seele spricht. Ich will nicht sagen, dass ich ein Rollenmodell bin, aber wenn, dann für die Sorte Frau, die selbständig das macht, was sie machen möchte, aber trotzdem keine gestörte Egotripperin oder Einzelkämpferin ist, sondern eine Beziehung und viele liebe Freunde hat.

Netzeitung: Folglich sind Sie das Paradebeispiel für die moderne Frau?

Eckart: Ich würde das schon so sehen. Inga ist ein Vorbild.

Humpe: Also ich lese ja gerade dieses Buch über die Sexgöttinnen im Hollywood der 20er und 30er Jahre. Sodom und Gomorrha, was da abging. Die Frauen hatten damals Verträge mit den Filmfirmen, in denen sie einwilligten, keinen außerehelichen Geschlechtsverkehr zu haben. Dabei haben die wirklich mit jedem geschlafen, hatten im Schnitt so vier bis acht Affären gleichzeitig, es ging wirklich drunter und drüber.

Netzeitung: So wie im deutschen Popgeschäft der 80er Jahre?

Humpe: Schlimmer. Wir waren harmlos dagegen. Obwohl, ab und zu haben wir auch mit unseren Chefs geschlafen.

Netzeitung: Wo sind denn die moralischen Grenzen der Inga Humpe?

Humpe: Ich kann wirklich nur allen Mädchen raten, dieses verkrampfte Sich-beschränken-müssen sein zu lassen. Das ist unnatürlich. Ich finde es Unsinn zu sagen, dass, wenn du Sex mit einer Person hast, sofort der Sex mit allen anderen Personen einzustellen ist. Das wird dann in den Beziehungen ja immer so unbeholfen kontrolliert, sich gegenseitig versprochen und dann doch meistens gebrochen.

Netzeitung: Halten Sie denn gar nichts von der guten alten Treue?

Humpe: Treue ist vielleicht eine gewisse Qualität, wenn du Kinder hast. Aber dieses Drama, das dann oft dazu führt, dass man sich gar nicht sexuell aufeinander einlässt, obwohl man total Lust dazu hätte, finde ich affig. In diesem Punkt können die Heterosexuellen viel bei den Schwulen lernen, obwohl die ja auch immer spießiger werden.

Netzeitung: Dann würden Sie Sex und Liebe also komplett entkoppeln?

Humpe: Ja. Ich meine, was ist Sex denn schon? Ich finde, Sex ist Spaß, Sex ist Kommunikation, Sex ist wie ein gutes Essen.

Netzeitung: Wie halten Sie und Tommi es mit der Treue?

Humpe: Das geht Sie jetzt zwar nichts an, aber eigentlich ist die Antwort ziemlich eindeutig.

Das Gespräch führte Steffen Rüth