netzeitung.deMelendiz: Schluss mit dem Gejammer

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Melendiz (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Melendiz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ein 22-jähriger Türke aus Berlin begeistert zur Zeit deutsche Hip-Hop-Fans. Mit der Netzeitung sprach Melendiz über Harald Schmidt, Religion und Klingeltöne.

Auf der Straße kann es einem zur Zeit passieren, dass junge Menschen plötzlich leicht melodiös verbrämt «Fuck You All» rufen. Das meinen sie - meistens - nicht als Beleidigung, sondern sie singen den gleichnamigen Song des Berliner Musikers Melendiz.

Der 22-jährige Türke aus dem Berliner Arbeiterbezirk Neukölln ist musikalisch ähnlich einprägsam wie Eminem und rangiert in den deutschen und österreichischen Charts in und um die Top 20 herum. Sein Song «Fuck You All», so der ehemalige Mathematikstudent in baggy trousers und Baseballcap, drücke aus, was viele fühlen: Das es einfach irgendwann mal reicht mit der schlechten Laune, den schlechten Aussichten und dem Gejammere.

Netzeitung: Warum singen Sie nicht auf Deutsch?

Melendiz: Weil mir Englisch besser von der Zunge geht. Ich mache Musik, seit ich zehn bin. Ich habe in der dritten Klasse mit dem Englischunterricht angefangen. Seit ich 14 bin, mache ich alles nur noch auf Englisch. Zwar kommen immer wieder Leute von den Labels und sagen 'Ey sing deutsch, dann wirst du berühmt', aber das ist nicht mein Ding. Ich kann mich auf Englisch einfach am besten ausdrücken.

Netzeitung: Ich sage Ihnen ein paar Namen, und Sie sagen, was Ihnen spontan dazu einfällt: Britney Spears...

Melendiz: Sexbombe. Die zeckt! Ihr Ex hat gesagt, sie ist ein Tier im Bett [lacht].

Netzeitung: Dieter Bohlen...

Melendiz: Guter Geschäftsmann.

Netzeitung: Und musikalisch?

Melendiz: Ich habe mal seine Originalstimme auf Band gehört...

Netzeitung: Und?

Melendiz: Ein guter Geschäftsmann!

Netzeitung: Eminem...

Melendiz: Ist einer der größten Rapper. Neben Jay-Z, Nas, Tupac.

Netzeitung: Ihr Vorbild?

Melendiz: Ich habe keine Vorbilder. Ich mag seine Musik, manchmal aber drückt sich Eminem übertrieben aus gegenüber seiner Ex-Frau, seiner Mutter oder Schwulen und Lesben. Ich kann mich nicht mit so viel Hass identifizieren. Aber seine Musik kommt von Herzen, und deswegen ist sie einfach mal gut. Das Lied, in dem er seine Frau Kim tötet, ist musikalisch großartig.

Netzeitung: Die Fantastischen Vier...

Melendiz: Das sind die Wurzeln des deutschen Hip Hop. Ebenso wie Torch.

Netzeitung: Ihre Wurzeln?

Melendiz: Meine Wurzeln sind Papa und Opa.

Netzeitung: Die haben auch Musik gemacht?

Melendiz: Nein, ich bin der einzige in der ganzen Familie.

Netzeitung: Georges Bizet?

Melendiz: Wer?

Netzeitung: Der Komponist, dessen Komposition «L'amour est un oiseau rebelle» aus der Oper «Carmen» die Grundmelodie zu «Fuck You All» geliefert hat.

Melendiz: Ich weiß, dass er schon 70 Jahre tot ist und man die Melodie deshalb kostenfrei benutzen darf.

Netzeitung: Michael Jackson...

Melendiz: Das absolut Größte für mich! Als Sänger, Entertainer, Tänzer. Einfach alles. Was er der Welt alles gegeben hat... und dieser Prozess ist jetzt das Dankeschön. Ich weiß, dass er krank ist im Kopf, aber das ist doch klar, wenn einer so berühmt ist, seitdem er fünf Jahre alt ist.

Netzeitung: Gerhard Schröder...

Melendiz: Wenn meine Kumpels und ich im Auto unterwegs sind, sagen wir «Schulz» und machen so [führt Hand mit gespreizten Fingern an den Kopf], wenn einer rülpst. Wenn einer furzt, sagen wir «Schröder» [gleiche Handbewegung]. Ist schon ein sympathischer Typ, aber ich seh' echt nicht, was er für das Land tut.

Netzeitung: Tarkan...

Melendiz: Ich respektiere seine Arbeit. Er macht gute Popmusik, und er hat es geschafft, weltweit berühmt zu werden. Ich kenne fast alle seine Platten.

Netzeitung: Harald Schmidt...

Melendiz: Ey, wenn ich so alt bin und noch so cool drauf, dann bin ich zufrieden!

Netzeitung: Jeanette Biedermann?

Melendiz: Kann sehr gut singen, ist aber optisch nicht unbedingt mein Fall. Yvonne Catterfeld finde ich ganz interessant. Mit der würde ich gerne mal was aufnehmen. Sie hat auch eine schöne Stimme.

Netzeitung: Sie wollen gar nicht nur allein arbeiten?

Melendiz: Nein, das Album, das im Herbst raus kommt, wird so eine Art Melendiz&Friends-Geschichte. Mir sind zwar Kooperationen mit Stars wie Vanessa S. angeboten worden, aber das will ich nicht. Das wäre mir zu aufgesetzt. Ich brauche den ganzen Shit nicht. Ich mache was Gutes selbst und kriege die Aufmerksamkeit, die mir zusteht. Ich habe ein besseres Gefühl, wenn ich Freunden helfen kann, die auf meiner Platte mitwirken.

Netzeitung: Was tut man gegen die allgemeine Politikverdrossenheit?

Melendiz: Mehr Teletext lesen? Sich informieren.

Netzeitung: Gehen Sie wählen?

Melendiz: Ich bin türkischer Staatsbürger. Ich kann in Deutschland nicht wählen.

Netzeitung: Aber Sie sind doch in Deutschland geboren und aufgewachsen...

Melendiz: Ja, aber mein Daddy wollte damals, dass wir die türkische Bürgerschaft kriegen. Ich fühle mich der Türkei stark verbunden, der Kultur, der Tradition. Ich liebe das Land. Ein Grund, warum ich mir einen deutschen Pass zulegen würde, ist, weil ich mir nicht mehr für jede Reise ein Visum besorgen will.

Netzeitung: Sprechen Sie Türkisch?

Melendiz: Ja, aber in der Türkei merken die, dass ich kein Türke bin, der in der Türkei lebt. Ich bin in zwei Kulturen aufgewachsen.

Netzeitung: Und stört Sie das?

Melendiz: Nein, mein Leben ist dadurch doch viel reicher als das vieler anderer Menschen. Ich kann aus zwei Kulturen schöpfen.

Netzeitung: Sind Sie religiös?

Melendiz: Ja. Ich bete, ich gehe in die Moschee.

Netzeitung: Ziehen Sie sich dafür um?

Melendiz: Nein, ich gehe so wie ich bin. Warum sollte ich mich verkleiden.

Netzeitung: Provoziert das nicht böse Blicke?

Melendiz: Klar, aber ich schulde doch niemandem was.

Netzeitung: Trägt Ihre Mutter Kopftuch?

Melendiz: Nein, sie sagt, der Glaube kommt nicht aus den Haaren sondern aus dem Herzen.

Netzeitung: Haben Sie Geschwister?

Melendiz: Einen Bruder, der ein Jahr älter ist und eine Schwester, die ist 18.

Netzeitung: Und wie frei wird Ihre Schwester erzogen?

Melendiz: Naja, sie darf nicht bis morgens um 7 weg. Aber wenn sie sagt, wo sie hingeht, lassen wir sie. Ich weiß doch, was im Nachtleben los ist. Da muss man eben vorsichtig sein.

Netzeitung: Wie waren die Reaktionen auf das «Fuck You All» und den frischen Erfolg?

Melendiz: Meine Eltern stehen voll hinter mir. Klar haben die mal gesagt: Du bist ein Träumer. Aber ich habe immer gewusst, was ich mache. Und ich wusste, dass ich es schaffe. Sicher gibt es auch Neider, aber die sind mir egal. Sonst sind eigentlich alle begeistert.

Netzeitung: Sie haben nach dem Abitur ein Mathematikstudium begonnen...

Melendiz: Für was anderes hätte ich länger warten müssen. Ich wollte nicht in ein Loch fallen, deshalb habe ich gleich nach dem Abi angefangen zu studieren. Sonst kann es passieren, dass man faul wird. Aber jetzt habe ich es abgebrochen. Ich muss mich auf meine Musik konzentrieren. Ich kann nicht zweigleisig fahren.

Netzeitung: Ist es schwierig für junge Künstler, an die großen Labels heran zu kommen?

Melendiz: Die Plattenfirmen signen nicht mehr so schnell. Aber wenn man etwas wirklich will, schafft man es auch.

Netzeitung: Wie war das mit Ihrem Plattenvertrag von Universal?

Melendiz: Mein Booker hat das Tape eingelegt, als zufällig zwei Typen von Universal da waren. Dann hat er ihnen erzählt, ich wäre Amerikaner aus der Umgebung von Jay-Z und P. Diddy. Ich würde in US-Clubs gerade voll abgefeiert. Da waren sie ganz begeistert. Später haben sie ne SMS geschickt, dass sie gerne die MP3 hätten.

Netzeitung: Und dann?

Melendiz: Dann mussten sie erst mal verdauen, dass es in Wirklichkeit ein weißer Türke aus Berlin/Neukölln ist.

Netzeitung: Und haben sie es verdaut?

Melendiz: Wenn es daran gescheitert wäre, hätte ich echt am Rad gedreht. Dann hätte ich noch härtere Songs als «Fuck You All» geschrieben. Fuck ist ja eigentlich auch gar nicht so schlimm. Das hat im Englischen 800 Bedeutungen.

Netzeitung: Sie haben sich ziemlich beeindruckend vermarktet mit Klingeltönen zum Song...

Melendiz: Das war die Plattenfirma.

Netzeitung: Nervt es nicht, wenn vom eigenen Song nur noch dieses Getröte übrig bleibt?

Melendiz: Nein, wieso? Mittlerweile kann man doch Samples als Klingelton nehmen. Außerdem ist es cool, wenn ich an der Bushaltestelle stehe, und
plötzlich klingelt ein Handy mit meinem Song. Ich finde allerdings, dass die es billiger machen könnten.

Netzeitung: Gibt es eine Alternative, wenn der Erfolg nach «Fuck You All» verebbt? Oder ist das kein Thema?

Melendiz: Nee, aber ich verkrampf' mich da auch nicht. «Was ist wenn», diesen Satz höre ich seit zehn Jahren. Wenn man an etwas glaubt, klappt das auch. Und wenn nicht, muss ich eben einen anderen Weg finden. Ich werde mich nicht hinsetzen und weinen.

Mit Melendiz sprach Sophie Albers