Melissa Etheridge: «Mein Hund wäre ein besserer Präsident als Bush»
15.07.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Zu ihrer Homosexualität bekannte sie sich schon vor Jahren. Ihre Trennung von Freundin Judith Cypher und der Verbleib der beiden gemeinsamen Kinder sorgte für Schlagzeilen. Auch in dem Interview mit der Netzeitung findet die 43-Jährige offene Worte.
Netzeitung: Ihr aktuelles Album heißt »Lucky«. Ist es einfacher Songs zu schreiben, wenn man glücklich ist?
Etheridge: Das war ganz schön frustrierend. Heute geht es nur noch ums Geschäft. Die Musik spielt keine Rolle mehr. »Island« mochte das Album. Aber die Verantwortlichen konnten partout keinen Song darauf finden, der ihnen als Single gefallen hätte.
Etheridge: Das war kein schönes Gefühl. Dann überlegte ich mir: Ich kann Nein sagen, meinen Willen durchsetzen und mir ins eigene Fleisch schneiden. Oder ich reagiere pragmatisch: Ich habe ja immer noch mein Album. Zwölf neue Lieder, zu denen ich stehe. Am Ende behielt die Geschäftsfrau in mir die Oberhand.
Netzeitung: Was wäre sonst passiert?
Etheridge: Zwar hätte die Plattenfirma das Album auch so veröffentlicht. Aber ob sie es noch so uneingeschränkt unterstützt hätte, wie das jetzt der Fall ist, wage ich zu bezweifeln.
Etheridge: Ich würde mir wünschen, das sie bald ein bisschen reifer sind. Sie sind noch so jung, dass die Plattenfirmen noch einen ganz schönen Einfluss auf ihre Musik haben. Ich bin mal gespannt, wie sie sich schlagen, wenn sie Ende 20 sind. Da freue ich mich wirklich drauf.
Netzeitung: Mittlerweile gehen ja viele Musiker mit mehreren Produzenten ins Studio, um möglichst viele Stile auf einem Album zu haben. Was Erfolg bringt, wird dann weiter verfolgt.
Etheridge: Es ist interessant, dass sich die Musikindustrie entschieden hat, Produzenten statt Künstler zu kreieren. Als Produzent kann man ein Album nach dem anderen veröffentlichen. Musiker dagegen schaffen heute gerade einen Hit, bevor sie sich nach was anderem umsehen müssen und selbst Produzenten werden.
Netzeitung: 1993 haben Sie sich bei der Amtseinführung von Bill Clinton als lesbisch geoutet. Würden Sie es wieder so machen?
Etheridge: Ich bereue es nicht. Denn ich habe mich so entschieden, um in Frieden leben zu können. Denn wenn man der Öffentlichkeit gegenüber ehrlich ist, gibt es auch niemanden, der dir hinterher schnüffeln und deine Geheimnisse ans Licht zerren kann. Im Gegenzug muss ich damit klar kommen, das jeder etwas über mich persönlich weiß.
Etheridge: Ich gebe auf alle Fragen eine Antwort, wie ich das immer getan habe. Der größte Unterschied liegt in der Art der Beziehung. Die davor war doch sehr dunkel und düster.
Netzeitung: Wo lernten Sie sich kennen?
Etheridge: Wir haben uns Anfang 2001 in einem Frauen-Club in Los Angeles getroffen. Sie ging auf mich zu und fragte mich, ob ich mit ihr ausgehen will.
Netzeitung: Hat es sofort gefunkt?
Netzeitung: Letzten September haben Sie Ihre Hochzeit gefeiert. Der schönste Tag Ihres Lebens?
Etheridge: Absolut. Es war denkwürdiger als ich es erwartet hatte. Zu heiraten war weder mein Kindheitstraum noch ein Lebensziel. Aber sich vor meiner Familie und all meinen Freunden zu dem Menschen zu bekennen, den ich zutiefst liebe und mit dem ich für den Rest meines Lebens zusammen sein möchte, war einfach unglaublich.
Etheridge: In einem Punkt sind sich meine Ex und ich einig. Unsere Kinder sind so wichtig, dass nichts, was zwischen uns beiden steht, ihr Wohlergehen und Glück schmälern darf. Das ist aber auch das einzige Thema, bei dem wir noch miteinander zu tun haben.
Netzeitung: Was ist das schlimmste Vorurteil über lesbische Paare?
Etheridge: Dass eine von beiden die Rolle des Manns und die andere die der Frau annimmt. Da ist wirklich nichts dran.
Netzeitung: Wie hat sich das Leben für die schwul-lesbische Gemeinde in der Ära von George W. Bush verändert?
Netzeitung: Werden Sie sich im anstehenden Präsidentschaftswahlkampf engagieren?
Netzeitung: Und besser als Bush?
Etheridge: Sogar mein Hund wäre ein besserer Präsident als dieser Kerl.
Das Gespräch führte Peter Disch
Melissa Etheridges aktuelles Album «Lucky» ist bei Island/Universal
erschienen. Live: 15.7., Hamburg, Stadtpark; 17.7., Lörrach,
Stimmen-Festival; 18.7., Frankfurt, Jahrhunderthalle; 19.7., Köln,
Palladium; 22.7., Berlin, Tempodrom, 23.7., München, Tonhalle

