netzeitung.deMelissa Etheridge: «Mein Hund wäre ein besserer Präsident als Bush»

 Herausgeber: netzeitung.de

Melissa Etheridge ist auf Deutschlandtournee. Mit der Netzeitung sprach sie über Zwänge im Musikgeschäft, Schönheitschirurgie, den US-Wahlkampf und die Liebe zu ihrer neuen Ehefrau Tammy.

In den 15 Jahren ihrer Karriere hat die US-Amerikanerin Melissa Etheridge 25 Millionen Platten verkauft und Rockhymnen wie «Bring me some water» und «Like the way I do» geschrieben. Mit ihrem mittlerweile achten Album «Lucky« kommt sie von Donnerstag an auf Deutschlandtournee.

Zu ihrer Homosexualität bekannte sie sich schon vor Jahren. Ihre Trennung von Freundin Judith Cypher und der Verbleib der beiden gemeinsamen Kinder sorgte für Schlagzeilen. Auch in dem Interview mit der Netzeitung findet die 43-Jährige offene Worte.

Netzeitung: Ihr aktuelles Album heißt »Lucky«. Ist es einfacher Songs zu schreiben, wenn man glücklich ist?

Etheridge: Ich schreibe immer über meine eigenen Erfahrungen. Da hat sich also nicht viel geändert. Nur ging es diesmal um positive Gefühle. Das hat das Komponieren wesentlich schmerzloser gemacht als es eine ganze Zeit lang für mich war, als es mir wegen der Trennung von meiner Partnerin Julie Cypher schlecht ging. »Lucky« feiert mein neues, glückliches Leben.

Netzeitung: Als Sie die neuen Songs Ihrer Plattenfirma «Island» vorstellten, bei der Sie seit 1988 sind, war das Label unzufrieden und verlangte neues Material.

Etheridge: Das war ganz schön frustrierend. Heute geht es nur noch ums Geschäft. Die Musik spielt keine Rolle mehr. »Island« mochte das Album. Aber die Verantwortlichen konnten partout keinen Song darauf finden, der ihnen als Single gefallen hätte.

Netzeitung: Stattdessen wollten die Manager, dass Sie den Song »This Moment« covern, den die Band »Greenwheel« geschrieben hat – auch nicht gerade ein Vertrauensbeweis.

Etheridge: Das war kein schönes Gefühl. Dann überlegte ich mir: Ich kann ‚Nein’ sagen, meinen Willen durchsetzen und mir ins eigene Fleisch schneiden. Oder ich reagiere pragmatisch: Ich habe ja immer noch mein Album. Zwölf neue Lieder, zu denen ich stehe. Am Ende behielt die Geschäftsfrau in mir die Oberhand.

Netzeitung: Was wäre sonst passiert?

Etheridge: Zwar hätte die Plattenfirma das Album auch so veröffentlicht. Aber ob sie es noch so uneingeschränkt unterstützt hätte, wie das jetzt der Fall ist, wage ich zu bezweifeln.

Netzeitung: Was halten Sie von neuen Talenten wie Michelle Branch oder Avril Lavigne?

Etheridge: Ich würde mir wünschen, das sie bald ein bisschen reifer sind. Sie sind noch so jung, dass die Plattenfirmen noch einen ganz schönen Einfluss auf ihre Musik haben. Ich bin mal gespannt, wie sie sich schlagen, wenn sie Ende 20 sind. Da freue ich mich wirklich drauf.

Netzeitung: Mittlerweile gehen ja viele Musiker mit mehreren Produzenten ins Studio, um möglichst viele Stile auf einem Album zu haben. Was Erfolg bringt, wird dann weiter verfolgt.

Etheridge: Es ist interessant, dass sich die Musikindustrie entschieden hat, Produzenten statt Künstler zu kreieren. Als Produzent kann man ein Album nach dem anderen veröffentlichen. Musiker dagegen schaffen heute gerade einen Hit, bevor sie sich nach was anderem umsehen müssen – und selbst Produzenten werden.

Netzeitung: Noch eine Berufsgruppe ist im Unterhaltungsgeschäft ganz wichtig geworden: die Schönheitschirurgen. Viele Stars präsentieren zum neuen Album auch gleich ein neues Gesicht. Geht es heute nicht mehr ohne?

Etheridge: Ist das nicht furchtbar? Ich finde, ich habe eine gute Figur. Aber sobald ich in Los Angeles bin, denke ich immer, ich müsste sofort eine Diät beginnen. Alle sind so dünn! Und diese straffen Gesichter! Man gewöhnt sich sehr schnell an diesen faltenfreien Look. Wenn ich mich mal selber im Fernsehen sehe, fällt mir der Unterschied auf. Die Kamera deckt schonungslos alle kleinen Fehler auf. Dann ertappe ich mich bei dem Gedanken: Nur ein paar Korrekturen, schon wäre ich perfekt. Dabei sind es gerade die kleinen Fehler, die uns menschlich und einzigartig machen.

Netzeitung: 1993 haben Sie sich bei der Amtseinführung von Bill Clinton als lesbisch geoutet. Würden Sie es wieder so machen?

Etheridge: Ich bereue es nicht. Denn ich habe mich so entschieden, um in Frieden leben zu können. Denn wenn man der Öffentlichkeit gegenüber ehrlich ist, gibt es auch niemanden, der dir hinterher schnüffeln und deine Geheimnisse ans Licht zerren kann. Im Gegenzug muss ich damit klar kommen, das jeder etwas über mich persönlich weiß.

Netzeitung: Ihre langjährige Partnerin Julie Cypher und Sie haben sich 2000 getrennt. Heute sind Sie mit der Schauspielerin Tammy Lynn Michaels zusammen. Ist die neue Beziehung weniger öffentlich?

Etheridge: Ich gebe auf alle Fragen eine Antwort, wie ich das immer getan habe. Der größte Unterschied liegt in der Art der Beziehung. Die davor war doch sehr dunkel und düster.

Netzeitung: Wo lernten Sie sich kennen?

Etheridge: Wir haben uns Anfang 2001 in einem Frauen-Club in Los Angeles getroffen. Sie ging auf mich zu und fragte mich, ob ich mit ihr ausgehen will.

Netzeitung: Hat es sofort gefunkt?

Etheridge: Ich bin mir nicht sicher, ob es Liebe auf den ersten Blick war. Ich war sofort zu ihr hingezogen, weil sie so schön ist. Aber bis ich wusste, dass es Liebe ist, musste ich erst einmal eine ganze Menge Mauern einreißen und mit mir selbst ins Reine kommen.

Netzeitung: Letzten September haben Sie Ihre Hochzeit gefeiert. Der schönste Tag Ihres Lebens?

Etheridge: Absolut. Es war denkwürdiger als ich es erwartet hatte. Zu heiraten war weder mein Kindheitstraum noch ein Lebensziel. Aber sich vor meiner Familie und all meinen Freunden zu dem Menschen zu bekennen, den ich zutiefst liebe und mit dem ich für den Rest meines Lebens zusammen sein möchte, war einfach unglaublich.

Netzeitung: Julie Cypher und Sie teilen sich das Sorgerecht für die zwei Kinder, die Julie dank der Samenspende von Altrocker David Crosby bekommen hat. Haben Sie sich im Guten getrennt?

Etheridge: In einem Punkt sind sich meine Ex und ich einig. Unsere Kinder sind so wichtig, dass nichts, was zwischen uns beiden steht, ihr Wohlergehen und Glück schmälern darf. Das ist aber auch das einzige Thema, bei dem wir noch miteinander zu tun haben.

Netzeitung: Was ist das schlimmste Vorurteil über lesbische Paare?

Etheridge: Dass eine von beiden die Rolle des Manns und die andere die der Frau annimmt. Da ist wirklich nichts dran.

Netzeitung: Wie hat sich das Leben für die schwul-lesbische Gemeinde in der Ära von George W. Bush verändert?

Etheridge: Wir haben in den 90er-Jahren so viel Boden gut gemacht. Wir sind ein Teil Amerikas geworden. Aber das Misstrauen, das sich nach den Anschlägen des 11. September breit machte, hat uns zurück geworfen. In Europa setzt sich die gleichgeschlechtliche Ehen immer mehr durch. Europa bewegt sich vorwärts. Die amerikanische Regierung und ihre konservativen Anhänger haben genau die entgegen gesetzte Richtung eingeschlagen.

Netzeitung: Werden Sie sich im anstehenden Präsidentschaftswahlkampf engagieren?

Etheridge: Ganz sicher. Ich habe seit jeher die Demokratische Partei unterstützt. Ich werde für John Kerry auftreten. Er ist ein kraftvoller Kandidat und wunderbarer Mann.

Netzeitung: Und besser als Bush?

Etheridge: Sogar mein Hund wäre ein besserer Präsident als dieser Kerl.

Das Gespräch führte Peter Disch

Melissa Etheridges aktuelles Album «Lucky» ist bei Island/Universal
erschienen. Live: 15.7., Hamburg, Stadtpark; 17.7., Lörrach,
Stimmen-Festival; 18.7., Frankfurt, Jahrhunderthalle; 19.7., Köln,
Palladium; 22.7., Berlin, Tempodrom, 23.7., München, Tonhalle