netzeitung.deRosenstolz: Janet Jackson war erbärmlich

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Rosenstolz 'Herz' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Rosenstolz 'Herz'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das neue Album von Rosenstolz heißt einfach nur «Herz». Mit der Netzeitung sprachen Peter Plate und Anna Rosenbaum über Janet Jacksons Busen, Interviewtraining und Rock.

Auch nach mehr als 15 Jahren des gemeinsamen Musizierens sind Anna Rosenbaum und Peter Plate immer noch für so manche Überraschung gut. Hat bereits die vorab veröffentliche, schlicht schöne wie eindringliche Balladen-Single «Liebe ist alles» vielen Rosenstolz-Fans buchstäblich das Herz geöffnet, so dürfte der Rest von «Herz» genau in selbiges treffen. Während die zweite Hälfte der Platte weitgehend getragen, ruhig und mitunter außergewöhnlich intensiv daherkommt, verblüffen Songschreiber Plate und Sängerin Rosenbaum am Anfang mit einem unerwartet – und bei Rosenstolz bis dato auch unerhört – rockigen Songgerüst. Der Kontrast zum elektronischen Vorgänger «Macht Liebe» könnte kaum größer sein. Rosenstolz geben Auskunft.

Netzeitung: Im Text von «Willkommen in unserer Welt» heißt es an einer Stelle «Wir wollen keine Helden sein». Ein kleiner Seitenhieb auf den Berliner Mitbewerber?

Peter Plate: [lacht] Endlich kommt diese Frage mal, ich warte schon den ganzen Tag drauf. Aber nein, als ich den Text schrieb, gab es die Band zwar schon, sie war aber noch gar nicht erfolgreich. Wir sind ja auch nicht im HipHop, wo das Runtermachen von Kollegen zum Geschäft gehört. Außerdem finden wir Wir Sind Helden klasse, und die deutsche Rock- und Popmusik sollte sowieso zusammenhalten.

Netzeitung: Ist Rock aus Deutschland im Kommen?

Plate: Eindeutig. Vor ein paar Wochen habe ich zum Beispiel das neue Mia-Lied gehört. Ganz tolles Zeug. Da kann man fast neidisch werden. Die sind umstritten, klar, aber das waren Rosenstolz am Anfang auch.

Netzeitung: Bei der Grand-Prix-Vorausscheidung seid Ihr nicht nur im Rahmenprogramm aufgetreten, sondern auch als «Paten» von Mia. Geben Sie Ihren jungen Kollegen Tipps?

Anna Rosenbaum: Nein, man kennt sich und mag sich, aber man hängt nicht zusammen rum. Und Tipps gibt man sich auf jeden Fall keine. Wie sähe das denn aus, wenn ich dem Mädel sage: Pass mal auf, Mieze, das geht so und so. Die müssen sich schon selbst finden.

Netzeitung: Haben Rosenstolz sich gefunden?

Rosenbaum: Schon, aber trotzdem verändert man sich auch ständig. Irgendwo ankommen und fertig sein, das finde ich doof. Dableiben ist auch doof. Dann gibt es ja nichts mehr zu tun.

Netzeitung: Haben Sie sich seit der letzten Platte «Macht Liebe» verändert?

Plate: Tja, also eigentlich...

Rosenbaum: Doch, wir sind beide ruhiger, lockerer und entspannter geworden. Das bringt das Alter mit sich.

Netzeitung: Waren Sie vorher unlocker?

Plate: Als «Macht Liebe» rauskam, wollten wir es unbedingt wissen. Wir haben uns da ziemlich unter Druck gesetzt, weil ja «Kassengift» völlig überraschend auf Platz eins gekommen war, wollten wir das unbedingt wiederholen. Wir wollten, dass unser Video läuft, dass unser Song im Radio stattfindet. Insgesamt waren wir etwas sehr verkrampft. Nummer eins waren wir zwar nicht, aber trotzdem hat «Macht Liebe» mehr verkauft als «Kassengift».

Rosenbaum: Nach zwölf Jahren Rosenstolz hatten wir sogar zum ersten Mal ein Interviewtraining absolviert. Das war die schwachsinnigste Aktion aller Zeiten.

Netzeitung: Wozu sollte das denn gut sein?

Rosenbaum: Die Plattenfirma meinte, wir wären bei Interviews zu verklemmt und kämen zu ernsthaft rüber. Das fühlte sich schon von der Idee her komplett krank an, aber dann haben wir gedacht, na gut, probieren wir es mal.

Netzeitung: Und?

Plate: Die Frau, die das mit uns gemacht hat, meinte, wir müssten als Band stärker an einem Strang ziehen, also wenn es geht, immer einer Meinung sein. Aber das sind wir nunmal nicht. Wir sind sehr unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Ansichten.

Rosenbaum: Außerdem meinte die Trainerin, wir sollten spannender werden.

Netzeitung: Was an sich ja schon eine ziemliche Beleidigung ist.

Rosenbaum: Richtig. Wir hatten nach der ersten Stunde die Aufgabe bekommen, Geschichten zu entwickeln, egal ob echt oder erfunden, und die so medienmäßig aufzubauschen. Es war schon alles sehr kultig. Nach der zweiten Session haben wir es sein gelassen.

Netzeitung: Schaffen Sie es diesmal wieder an die Spitze der Charts?

Plate: Bestimmt nicht. Dafür ist die Konkurrenz zu groß. Janet Jackson und Anastacia werden das unter sich ausmachen.

Netzeitung: Wie fanden Sie denn Jacksons entblößte Brust beim Super-Bowl-Auftritt?

Rosenbaum: Höchstpeinlich. Dass eine fast 40-jährige Frau es nötig hat, ihre Titten zu zeigen, nur damit sie wieder ins Gespräch kommt, ist wirklich erbärmlich.

Plate: Ich fand es deshalb so daneben, weil es eine so eindeutig durchsichtige Aktion war. Wahrscheinlich hat das sogar die Plattenfirma vorgeschlagen. Irgendwas wollte man sich einfallen lassen, um den Madonna-Britney-Kuss zu toppen. Superbillig. Und dann noch dieses blöde Piercing. Viel spannender wäre doch, wenn Janet mal wieder mit einem Song überzeugen würde.

Netzeitung: Spannend ist auf jeden Fall die neue Platte. Warum rockt eigentlich «Herz» so?

Plate: Das ergab sich vor allem auf unserer Tour im letzten Sommer. Zum ersten Mal hatten wir eine richtige Band dabei. Die Musik war echt, nicht mehr von Maschine, und das machte alles viel mehr Spaß, auf der Bühne zu stehen und mit einer richtigen Band zu kommunizieren.

Rosenbaum: Ich glaube, dieses Organische liegt uns sowieso mehr - mir auf jeden Fall. Ich fand das immer schon öde, 1000 Computersounds mit Peter durchzudiskutieren.

Netzeitung: «Macht Liebe» war ja sehr glitzernd und discomäßig produziert. Das ist jetzt total weg. Schon etwas radikal.

Plate: Das stimmt. Aber das hängt auch immer viel damit zusammen, was mein Freund Ulf und ich so für Musik zu Hause hören. Letztes Mal war es hauptsächlich Madonna. Diesmal mehr so Coldplay, Benjamin Biolay, Beth Gibbons. Das prägt ungemein.

Netzeitung: Gibt es noch mehr Gründe für den Kurswechsel?

Plate: Wir können es uns leisten. Sich mit Sequenzer und Software auf die Bühne zu stellen, hat anfangs auch viel damit zu tun gehabt, dass für eine richtige Band keine Kohle da war. Das hat sich glücklicherweise geändert.

Netzeitung: «Herz» ist als Konzeptalbum über die Liebe gedacht. Und obwohl Ihr beide verheiratet seid, schwingt in vielen Liedern eine gewisse Sehnsucht und Melancholie mit. Wie passt das zusammen?

Plate: Ich bin seit 14 Jahren in meiner Beziehung und kann ein Lied wie «Ich will mich verlieben» absolut vertreten. Man macht sich ja was vor, wenn man sagt, man wäre jetzt jeden Tag verliebt. Jede Beziehung macht so ihre Mein-Gott-Phasen durch, wo man sich wünscht, dass es mal wieder kribbeln würde. Man muss, denke ich, nicht Single sein, um dieses Lied zu verstehen.

Netzeitung: Wie kriegt man das denn hin mit dem neu verlieben?

Plate: Muss jeder selbst wissen, aber Ulf und mich hält der Humor zusammen. Er bringt mich halt jeden Tag zum Lachen und ist eindeutig lustiger als ich.

Rosenbaum: Da gebe ich Peter recht. Mit Menschen, mit denen man nicht gut lachen kann, kann man auch sonst nichts Vernünftiges anfangen. Man muss auch stressige Situationen mit einem Lachen auflösen können.

Netzeitung: Und wer ist das «Gelbe Monster» im gleichnamigen Song?

Plate: Der Neid. Ich habe akzeptiert, dass ich eifersüchtig bin. Aber es nervt mich, wenn das in Neid umschlägt. Ich kann stundenlang wach liegen, wenn ich irgendwas oder irgendwen nicht gekriegt habe, von dem ich aber denke ‚Gehört jetzt aber mir’. Anna findet sich in dem Text nicht wieder, aber sie singt ihn trotzdem.

Rosenbaum: Ich kann ihm da auch nicht helfen. Was würde es mir nützen, jetzt zum Beispiel neidisch auf Heidi Klum zu sein. Ich mache lieber das Beste aus dem, was ich habe.

Netzeitung: Wie sieht es mit Kindern aus?

Plate: Nicht gut. Ich bin zu chaotisch für Kinder. Das kann man denen nicht zumuten.

Rosenbaum: Ich bin auch noch nicht erwachsen genug. Ich will nicht ausschließen, dass irgendwann kurz vor Schluss die Uhr anfängt, zu ticken. Aber ich bin mit meiner Lebenssituation sehr zufrieden und würde diese Freiheit auch zur Zeit nicht missen wollen. Viele meiner Freundinnen kriegen gerade Kinder. Ich finde es super, mir von denen mal eins ausleihen zu können. Aber ich finde es auch super, es abends wieder abzugeben.

Mit Rosenstolz sprach Steffen Rüth