netzeitung.deFury in the Slaughterhouse: Zurück auf Anfang

 Herausgeber: netzeitung.de

Fury In The Slaughterhouse 'Nimby' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Fury In The Slaughterhouse 'Nimby'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Fury in the Slaughterhouse haben mit «Nimby» ihr elftes Album herausgebracht. Gitarrist Thorsten Wingenfelder sprach mit der Netzeitung über die Leidensfähigkeit der Jugendkultur, singende TV-Show-Kandidaten und seine Wut auf die Musikindustrie.

Es ist rund 17 Jahre her, dass eine der mittlerweile erfolgreichsten deutschen Bands auf der Abi-Party eines Gymnasiums in der Nähe von Hannover mit «This Is Not The Time To Wonder» kleine Mädchen glücklich gemacht hat. Mit «Nimby» haben Fury In The Slaughterhouse nun ihr elftes Album vorgelegt. «Vielleicht ist es das, was 'Nimby' von den Scheiben der letzten Jahre unterscheidet. Wir sind wieder nah an unseren Ursprüngen», sagt Gitarrist und Gründungsmitglied Thorsten Wingenfelder. Und er fragt sich, wie lange junge deutsche Musiker dem Sterben der Musikkultur noch zusehen wollen.

Netzeitung: Wenn Sie sich als 17-Jähriger heute sehen könnten, würden Sie sich mögen?

Thorsten Wingenfelder: Ich käme ganz gut zurecht. Man stellt sich doch jedes Jahr die Frage, ob alles im Lot ist. Im Groben und Ganzen, kann ich damit Aufwachen und Schlafengehen.

Netzeitung: Und womit nicht?

Wingenfelder: Es gibt im Leben Augenblicke - meist beruflich - da fragt man sich, ob das schon alles gewesen sein soll. Die permanente Wiederholung der ewig gleichen Sache kann langweilig werden. Das macht hilflos, das stumpft ab.

Netzeitung: Ist Rockmusik ein Dinosaurier? Was kann da noch Neues kommen?

Wingenfelder: Wir erfinden nicht das Rad neu. Das wollten wir auch nie. Wenn wir progressiv sein wollen, dann weil wir einen Song im Hier und Jetzt machen. Wir werden nicht die Musikgeschichte weitertreiben. Wir wollen Musik machen, zu der Leute heiraten, sich trennen oder Freunde zu Grabe tragen. Einen Soundtrack fürs Leben eben. Für das Modern-Progressive sind andere zuständig. Zudem hat vieles in der modernen Musik keinen bleibenden Wert. Aber ich habe den Wunsch, etwas zu machen, das die Leute mit nach Hause nehmen.

Netzeitung: Kommt mit Bands wie Franz Ferdinand oder The Strokes der Rock zurück?

Wingenfelder: Auf jeden Fall mehr Authentizität. Immer mehr Kids haben Bock auf etwas Richtiges. Die aktuelle Musik hat nichts, was dem Leben Klang verleiht. Ich glaube nicht, dass man zu irgendwelchen Armand-van-Helden-Leck-mich-am- Arsch-Remixen sagen kann «Das ist unser Lied». Das geht nicht! Aber man kann nichts dagegen tun. Man muss warten, bis es weh tut. Die Jugendkultur muss wieder das Verlangen aufbauen. Das gibt es zur Zeit nicht. Grönemeyer verkauft woanders. Vielleicht haben Bands, die jetzt brav üben, später eine Chance. Aber zur Zeit ist es eben schlecht.

Netzeitung: Woran liegt das?

Wingenfelder: Heute suchen die Leute sich ihren Stil durch Abgrenzung. Früher hat man breiter Musik gehört. So wie man Cassetten aufgenommen hat. Dafür wurden auch irgendwelche raren B-Seiten zusammengesucht. Heute ist die B-Seite tot. Und auch Alben verschwinden. Heute machen ja schon die Kandidaten von «Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!» ein Album. Früher war das etwas besonderes. Die CD ist entwertet. Als die erste CD in einem Musikheft beilag, hat ein Produzent gesagt, «Freunde, das ist das Ende der Musikindustrie.» Das verstehe ich erst jetzt.

Netzeitung: Ich dachte vor allem Raubkopien entwerten...

Wingenfelder: Klar gibt es ein Download-Problem. Aber das ist weniger schlimm. Sehen Sie sich mal die Musiksender an. Was gibt es denn da noch außer Sendungen wie «Dissmissed». Die Musikkultur stirbt in Deutschland vor sich hin. Und jetzt wollen auch noch Sony und BMG fusionieren. Ein «Plattenfirmenoberer» hat einmal gesagt: «Wir machen Musik, um CD-Spieler zu verkaufen, nicht um der Musik Willen.» Die Musikkultur ist nicht mehr wichtig. Brenner verkaufen ist wichtiger. Die Musik hat ihre Bedeutung verloren. Wenn Jugendliche es nicht selbst in die Hand nehmen und was machen, gehöre ich sicher einer aussterbenden Gattung an.

Mit Thorsten Wingenfelder sprach Sophie Albers