netzeitung.deBlondie: «Die hübschen Mädchen haben den Markt versaut»

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Deborah Harry (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Deborah Harry
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Blondie ist zurück - mit neuem Album und Tournee. Mit der Netzeitung sprach die Sängerin über das Altern, ihre neuen Sounds und Puscheln am Hintern.

Eigentlich bestehen Blondie, die sich Mitte der 70er Jahre in New York zusammenfanden und in der Folge die vielleicht coolste Band ihrer Epoche wurden, aus einer Frau und drei Männern. Wirklich bekannt ist dennoch nur Frontfrau Deborah Harry, die man normalerweise meint, wenn man von Blondie spricht. Am 6. Oktober erscheint das neue Album «The Curse of Blondie», und im November ist die ganze Band auf Deutschland-Tournee.

Netzeitung: «The Curse of Blondie» klingt Ihren alten Sachen nicht unähnlich, ist nur etwas moderner produziert. Sind Blondie altmodisch oder zeitlos?

Debbie Harry: Es ist eine sehr klassische, aber sehr gute Blondie-Platte. Warum sollten wir auch etwas anderes machen als das, was wir können. Warum sollen wir uns plötzlich anhören wie jemand anders? Hank Williams, Kraftwerk und die Beatles sind auch zeitlos. Ein unverwechselbarer Sound ist eine schöne, erstrebenswerte Sache.

Netzeitung: Also haben Sie nicht versucht, trendy zu sein?

Harry: Wie soll das denn überhaupt gehen? Ein Album auf Erfolg zu trimmen, ist in etwa genauso erfolgversprechend wie in einen Supermarkt zu gehen, um dort den Mann fürs Leben zu treffen.

Netzeitung: Was genau ist denn der Blondie-Fluch?

Harry: In der Geschichte unserer Band ist ja nicht alles immer so reibungslos verlaufen, wie man sich das vielleicht gewünscht hätte. Anderseits: Ein geradliniges Leben ist langweilig.

Netzeitung: Einige der neuen Stücke, vor allem die Single «Good Boys», die von Ihrem alten Weggefährten Giorgio Moroder produziert wurde, klingen ziemlich radiofreundlich. Wie wichtig ist Ihnen der kommerzielle Erfolg?

Harry: Unser Ziel war damals wie heute, dem Underground zu entschweben, erfolgreich zu sein, aber trotzdem nach unseren eigenen Regeln zu spielen. Wir wollten uns nicht die Ohren abschneiden und 200 Jahre auf unseren Erfolg warten müssen.

Netzeitung: Wovon handelt «Good Boys»?

Harry: Es handelt davon, dass wir Mädchen die guten Jungs, die uns aufrichtig wollen und wirklich verliebt sind, irgendwie nie richtig zu schätzen wissen. Meistens sind es die Racker, für die wir eine Schwäche haben.

Netzeitung: Sie auch?

Harry: Männer, die einfach nur lieb und nett sind, reizen uns Frauen auf Dauer nicht. Es sind die Rebellen, die schwierigen Typen, die Bösen, die uns scharf machen. Eine Frau will halt nichts Durchschnittliches.

Netzeitung: War es im nachhinein die richtige Entscheidung, die Band 1982 nach dem Album «The Hunter» aufzulösen?

Harry: Wir haben aufgehört, bevor es peinlich wurde. Hätte James Dean noch 15 weitere Filme gemacht, würde er heute bestimmt nicht so verehrt werden. Und hätten Blondie noch so viele mittelmäßige Platten rausgebracht wie die Stones, würde heute jeder sagen ‚Was wollen die denn schon wieder?‘.

Netzeitung: Vor vier Jahren brachten Ihnen der Hit «Maria» und das Album «No Exit» den Erfolg zurück. Hat Sie das überrascht?

Harry: Und wie! Obwohl wir intuitiv gespürt haben, dass es die richtige Zeit war, Blondie wieder zusammenzuführen.

Netzeitung: War es schwierig wieder zusammenzufinden?

Harry: Ja. Wir mussten vorher sehr, sehr viel üben, damit wir wieder eine richtig gute Band werden konnten. Das sollte ja nichts Halbherziges werden. Außerdem mussten wir uns erstmal wieder aneinander gewöhnen - damit wir uns vertragen. Und natürlich mussten wir überlegen, welche coolen Haarschnitte wir uns verpassen lassen, damit wir leichter unsere Jugend wiederfinden konnten.

Netzeitung: Die Songs hören sich absolut alterslos an.

Harry: Danke. Das ist nett.

Netzeitung: Und wie alterslos fühlen Sie sich selbst?

Harry: Egal, wie alt ich bin, fühlen werde ich mich immer, als wäre ich gerade in den Zwanzigern. Maximal 30 vielleicht, das ist auch noch okay. Andererseits bin ich froh, dass ich keine 30 mehr bin. Besonders froh bin ich aber darüber, dass ich nie die Eigenarten einer Über-50-Jährigen entwickelt habe. Ich muss allerdings zugeben, dass ich aussehe wie eine reife Frau.

Netzeitung: Sie sind ja auch 58.

Harry: Es ist trotzdem eine seltsame Sache mit dem Alter. Keiner interessierte sich bei uns übermäßig dafür, wie die Songs denn wohl klingen werden. Es war der Plattenfirma auch egal, wer das Album produziert, und wann es fertig sein würde. Alle, aber wirklich alle, wollten nur wissen: ‘Wie sieht sie denn aus?’ Ich fand das sexistisch und wirklich fies. Aber so ist das Geschäft nun mal. Die vielen hübschen Mädchen in den Bands heutzutage, die nix können, aber geil aussehen, die haben den Markt versaut. Und ich bin halt keine 25 mehr.

Netzeitung: Ist es für Männer einfacher, älter zu werden?

Harry: Natürlich. Bei den Frauen halten absolut nur die Besten durch. Aretha Franklin zum Beispiel, die ist noch da. Oder Tina Turner. Frauen, die im Alter noch Musik machen oder schauspielern, müssen eindeutig mehr drauf haben als gleichaltrige Männer. Das Alter ist hart und brutal gegenüber Frauen. Und das spiegelt sich überall in der Gesellschaft wider.

Netzeitung: Warum ist das so?

Harry: Der Wert einer Frau wird danach berechnet, wie schön und wie jung sie ist. Der Wert eines Mannes ist abhängig von der Macht, die er besitzt.

Netzeitung: Gibt es keine starken, mächtigen Frauen?

Harry: Wen denn? Hillary Clinton auf jeden Fall, dann Frau Rice, ein ganz paar Unternehmensbosse wie Meg Whitman, Oprah Winfrey, natürlich Madonna. Die Zeiten sind besser für uns als vor 30 Jahren. Aber mächtig zu sein und Power zu haben, ist immer noch kein Attribut, das gemeinhin im Zusammenhang mit Frauen vergeben wird.

Netzeitung: Wir stark fühlt sich denn Deborah Harry?

Harry: Meistens bin ich ein absolutes Chaosweib, fühle mich schwach und unfähig. An guten Tagen habe ich das Gefühl, ich könnte die Welt erobern. Jeder Tag ist komischerweise anders für mich. Manchmal ist alles schrecklich, manchmal ist alles perfekt. Aber ich bin nicht unglücklich über diese Stimmungsschwankungen. Damit lebe ich seit Jahrzehnten.

Netzeitung: Vor zwei Jahren hatten Atomic Kitten mit Ihrem Song «The Tide Is High» einen Nummer-eins-Hit. Das hatten Sie selbst nicht geschafft. Hat Sie das geärgert?

Harry: Nein. Über die Art und Weise, wie sie das Stück interpretiert haben, ließe sich streiten, aber ich finde es großartig, wenn diese jungen Gören Blondie nicht in Ruhe lassen und sich von uns ihre Ideen holen. Das ist unbestreitbar ein Kompliment.

Netzeitung: Kann man die jungen Dinger heutzutage mit Ihnen in Ihrer Anfangsphase vergleichen?

Harry: Ich weiß nicht, mir kommt das alles ziemlich fremd vor. Die kämpfen heute viel mehr, die Konkurrenz ist unglaublich und sehr unbarmherzig geworden. Du kannst dir keinen Fehler mehr erlauben und hast keine Zeit mehr, erst mal in Ruhe zu wachsen. Andererseits ist alles extrem liberal geworden. Die Mädels kämpfen nicht mehr gegen Konventionen an, nur noch gegen sich selbst.

Netzeitung: Langweilt Sie das?

Harry: Ich vermisse jeden Anflug von Rebellion in der heutigen Musik. Auch dieser übertriebene Sex-Einsatz irritiert mich. Viele Videos sind doch heutzutage nichts anderes als Softpornos. Manchmal ist das lustig und smart, aber meistens nur vulgär. Nicht alles, was wenig Klamotten am Leib hat, ist erotisch.

Netzeitung: Sagt ausgerechnet ein ehemaliges Playmate...

Harry: Langsam, ich war ein Bunny, kein Playmate.

Netzeitung: Wo ist da der Unterschied?

Harry: Playmates ziehen sich aus, Playboy-Bunnies, wie ich eines war, arbeiten in Bars und Nachtclubs.

Netzeitung: Mit langen Ohren und Puschel am Hintern?

Harry: Exakt. Mit langen Ohren und Puschel am Hintern. Aber das ist nichts, wofür ich mich schämen müsste. Wenigstens habe ich mich nie ausgezogen.

Netzeitung: Warum waren Ihre Solo-Alben in den 80ern und 90ern nie so erfolgreich wie die alten Blondie-Sachen?

Harry: Die Plattenfirmen, bei denen ich damals war, fragten mich jedesmal ‘Können wir es nicht Blondie nennen?’ Und ich sagte jedesmal ‘Nein, ich heiße Deborah Harry.’ Heute weiß ich, dass nicht nur die Plattenbosse, sondern auch die Leute da draußen immer nur Blondie wollten. Und die kriegen sie jetzt wieder.

Mit Blondie sprach Steffen Rüth

Tourdaten
2. November, Hamburg
3. November, Berlin
7. November, Köln
1. Dezember, München