netzeitung.deSmudo: «Es gibt keine Rettung»

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Lupe Smudo: «Es gibt keine Rettung»

Die Fantastischen Vier gehen auf Tour. Bandmitglied Smudo sprach mit der Netzeitung über das Ende der Musik-Industrie, «geile Weiber» und moralisch wertvolle Konzert-Tickets.

Netzeitung: Sie haben sich kürzlich den Fuß gebrochen. Wie stehen Sie denn jetzt die Tour durch?

Smudo: Das Bein ist noch dünn. Aber kräftemäßig habe ich kein Problem. Auf den Festivals bin ich mit Gips und Krücken über die Bühne gehüpft. Es ist sogar lustig, pornolike (lacht): Ich hab gelernt, mir Thrombose-Spritzen zu setzen. Die anderen drei Jungs durften auch mal ran.

Netzeitung: Worin unterscheidet sich die anstehende «Unplugged»-Tour vom MTV-Unplugged-Konzert?

Smudo: Die Musikanlage wird fetter und lauter. Das Publikum wird mehr in Partylaune sein, weil es stehen muss. Und dann gibt's ein paar neue Sachen: Wir spielen von den Turntable Rockers «Beweg deinen Popo», von Thomas D. «Liebesbrief», wir haben «Populär» von der Lauschgift CD eingearbeitet. Und ein ganz neues Stück vom neuen Album, das im Frühjahr 2004 erscheinen wird.

Netzeitung: Warum haben Sie im Gegensatz zu den anderen Fantas noch nie ein Solo-Projekt gemacht?

Smudo: Ich brauche die drei! Wenn ich Ideen habe, textlich oder musikalisch, die ich gut finde, will sie mit den anderen Jungs umsetzen. Zwischen uns sprüht immer noch der Funke. Michi, Thomas und Andy sind etwas ganz Besonderes in meinem Leben. Das merke ich sogar, wenn wir uns nur auf einem schnöden Geschäftstermin treffen. Außerdem finde ich es nach wie vor toll, dass wir das Genre «Deutscher Hip Hop» weiter erwachsen werden lassen können. Das ist mein und unserer Ehrgeiz. Wir sind nicht mehr 23. Wir machen nicht mehr bekifft im Jugendzimmer Songs über geile Weiber.

Netzeitung: Was heißt «erwachsen werden lassen»? Wo stehen die Fantas?

Smudo: Ich sehe uns verschieden platziert. Wenn uns heute ein 17-jähriger Fan schreibt, er habe uns das erste Mal mit dem «Unplugged»-Album gehört, uns so entdeckt und schätzen gelernt, freue ich mich. Wenn uns andererseits ein 30-jähriger seit dem ersten Album kennt, dann freue ich mich, dass er uns schon so lange begleitet. Beide Fans sind mir willkommen. Ich habe kein spezielles Wunschpublikum, so lange unsere Musik genug Leute begeistert, die ich alright finde.

Netzeitung: Die Musikindustrie gibt zur Zeit ein trauriges Bild ab. Panik vor Raubkopien, Einfallslosigkeit, Popstar-Retortenlaboratorien... Wie soll es weitergehen?

Smudo: Es gibt eine scharf geführte, polemische Diskussion: Die großen Labels sagen: die bösen Kopierer. Die Konsumenten sagen: die böse Plattenindustrie. Wir Künstler sagen: Wir sind die Guten. Die kleinen Labels sagen: Wir haben das Problem nicht. Am Ende ist es die ganz alte, saublöde, gegen das Patriarchat geführte Diskussion. Die geht vollkommen am tatsächlichen Problem vorbei.

Netzeitung: Das da ist?

Smudo: Die Musikindustrie sind doch nicht bloß die großen Majors, die alle unter einer Decke stecken. Das sind alles erbitterte Konkurrenten. Und alle unterhalten kleine Labels, wie zum Beispiel unser Label Fourmusic (Sony Columbia). Die werden mit Geld ausgestattet, damit sie eine delikatere A&R Künstlerarbeit machen können. Weil die Majors das nicht so gut können, kaufen sie diese Dienstleistung von den kleinen Labels. Wenn die aber keinen Umsatz mehr machen, gibt es auch keine Kohle mehr von den Großen. Außerdem gehört zur Musikindustrie der Künstler. Wenn der keine Plattenfirma findet, die ihm das finanzielle Risiko abnimmt, dann ist es ein Künstlerproblem. Und das kriegt dann auch der Konsument zu spüren. Durch diese Talfahrt werden die Streumöglichkeiten der Musikindustrie geringer. Das heißt, die Musiklandschaft verflacht.

Netzeitung: Und wie löst man das Problem?

Smudo: Da gibt es keine einfach Lösung! Wir versuchen mit Fourmusic, Bands möglichst wirtschaftlich zu vermarkten, so dass sie wenigstens ein paar Alben machen können. Wir sind an Sony-Columbia angeschlossen, die uns Vorschüsse bezahlen, damit wir ein gezieltes, künstlernahes Marketing machen. Da wir selbst Künstler sind, klappt das auch ganz gut. Aber wenn das mit den miesen Zahlen so weitergeht, dann weiss ich nicht, ob es Fourmusic in drei Jahren noch gibt. Das Problem: Gerade unsere Künstler wie Blumtopf, Afrob oder Sammy Deluxe werden massiv schwarz kopiert. Vielmehr als Andrea Bocelli oder so. Genau dort, wo wir versuchen, zu sparen, werden unsere Umsätze geschmälert. Aber ich werde niemanden an den Pranger stellen. Es ist im Prinzip ein Unfall. Da passieren mehrere Sachen auf einmal: Da fährt einer zu schnell, da ist Nebel, da hat einer zu viel getrunken. Der Unfall der Musikindustrie ist, dass es kein Geld mehr gibt. Und in ganz dunklen Momenten denke ich sogar, da ist nichts mehr zu retten.

Netzeitung: Ist die Musikindustrie zu schwerfällig?

Smudo: Andere Wirtschaftsbranchen haben das Problem nicht. Eine Stange Zigaretten kannst du nicht auf Knopfdruck kopieren. Wir sind die erste Industrie, die durch «digital right»-Missbrauch vor die Hunde geht. Das gab es noch nicht in der Geschichte.

Netzeitung: Es gibt doch Möglichkeiten, der digitalen Rechtebeschränkung. Und was ist mit dem Argument, dass man als Künstler beim digitalen Vertriebsweg weniger Vorinvestitionen hat.

Smudo: Saudumme Argumente! Programmieren und Verbote schliessen sich aus. Und der Hit auf der Tauschbörse ist eine Träumerei. Nehmen wir doch die Zeit vor der Digitalisierung. Meine Generation von Musikern. Auch damals konnte man schon für wenig Geld 5000 Kassetten pressen lassen und auf dem Flohmarkt verkaufen. Nur findet man damit nicht sein Publikum. Du musst live spielen. Das Problem, dass eine Band nicht populär ist, liegt an der enormen Konkurrenz. Wie soll denn jemand auf die Idee kommen, deinen Song zu downloaden? Er muss dich auf Viva gesehen, im Radio gehört oder live gesehen haben.

Netzeitung: Und wie sieht die Zukunft des deutschen Musikmarktes nun aus?

Smudo: Es wird die eine oder andere Fusion geben im Labelgeschäft. So wird sich das eindampfen. Eine Rettung gibt es nicht. Es kam auch einmal der Tag, als Salz keine Währung mehr war. Die Zeit ist gekommen, in der Musik nicht mehr das wert ist, was sie vor zwanzig Jahren wert war. Nur die wenigen, großen Acts werden es schaffen, über Liveauftritte und Merchandising ein gesichertes Verdienst einzuspielen.

Netzeitung: Genau darüber regen sich aber viele Konzertbesucher auf: über die extrem gestiegenen Konzertpreise!

Smudo: Das ist das Resultat der negativen Entwicklung. Das Pleite-Risiko für Künstler wurde früher mit einer Garantiesumme von den Plattenfirmen abgefedert. Das machen die heute nicht mehr. Die Kosten für Konzerte sind gestiegen. Andererseits ist es oft die erste Möglichkeit, für einen soeben populär gewordenen Künstler, endlich auch mal selbst Geld zu verdienen. Das müssen die Ticketpreise stützen. In unserem Fall sieht das folgendermaßen aus: Bei der letzten «4:99»-Tour hatten wir viel Support von Verlagen und dem Label. Der ist heute komplett weg. Das heißt, du musst mal eben eine Summe von 25.000 bis 50.000 Euro selbst erwirtschaften. Also wird der Ticketpreis automatisch rund 30 Prozent teurer. Obwohl wir schon länger dabei sind.

Netzeitung: Und deshalb nehmen die Stones über 100 Euro?

Smudo: Offensichtlich sind doch genug Leute bereit, mehr zu zahlen. Es ist doch so: Der Konsument gibt weniger Geld für CDs aus, deswegen müsste er doch eigentlich das Geld für ein Konzert übrig haben? Ich finde es etwas arrogant, wenn er sagt, ja ja, die Musikindustrie kotzt ab, weil sie auf ihren CDs sitzen bleibt, und jetzt machen die dafür die Konzertpreise teurer. Das ist so, als wenn jemand sagt, scheisse, ich stehe im Stau, nein, ich bin doch der Stau. Ich bin daran beteiligt, ich bin derjenige, der es ändern kann. Von daher darf man sich nicht wundern, wenn Konzerte teurer werden. Das Live-Erlebnis ist das einzige in der Musikindustrie, das man so nicht kopieren kann. Deshalb wird es wertvoller. Auch moralisch. Das Live-Erlebnis wird durch die höheren Ticketpreise aufgewertet.

Mit Smudo sprach Till Weingarten
 

Tour-Daten

05. September, Trier
06. September, Köln
08. September, Hamburg
10. September, Berlin
12. September, Dresden
14. September, Muenchen
15. September, Wien
17. September, Frankfurt a.M.
18. September, Braunschweig
19. September, Bremerhaven
20. September, Osnabrueck