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Patrice: «How Do You Call It?»

30. Okt 2002 07:11
Das Album von Patrice
Dem Sänger und Songwriter Patrice ist das gelungen, was Xavier Naidoo seit Jahren versucht: Ein Album von internationalem Format mit eigenwilliger deutschsprachiger Soulmusik.

Von Peter Disch
 
Das Leben schreibt manchmal die schönsten Geschichten: Ortstermin mit Patrice. Im Erdgeschoss das übliche Bürotreiben. Ein Stockwerk höher, auf der halboffenen Galerie sitzt der Deutsch-Afrikaner und redet über sein neue Album «How do you call it?», als unten plötzlich die Musik lauter wird: Wie bestellt läuft im Rundfunk seine neue Single «Up in my room». «Hey, da kommt mein Lied im Radio», sagt Patrice, grinst – und schaut verschämt zu Boden.

Von Reggae bis 70's-Soul

Auf Anerkennung reagiert Patrice mit schüchterner Bescheidenheit. Wertschätzung freut und geniert ihn zugleich. Das mag daran liegen, dass er erst 23 Jahre alt ist. Im Gegensatz dazu steht allerdings die Reife, die aus seinen neuen Songs spricht. Reggae, R’n’B, HipHop, 70s-Soul - mühelos fügen sich die Teile des Puzzles zu einem Bild, das in vielen Farben leuchtet.

Wenn Patrice darüber redet, wie er das gemacht hat, klingt alles ganz einfach und selbstverständlich. Dabei steckt in dieser CD viel Inspiration, Intuition und Talent. «How do you call it?» ist die Platte geworden, die Xavier Naidoo nie machen wird: Das erste wirkliche Soul-Album eines in Deutschland lebenden Künstlers – eines mit internationalem Format.

In Frankreich schon ein Star

Patrice
In Frankreich ist Patrice schon länger eine feste Größe. Seine dortige Popularität ist ein Missverständnis, das viel über die Musik des Mannes aus Hamburg aussagt. 1999 veröffentlichte Patrice die EP «Lions».

Wenig mehr als ein besseres Demo, dessen Unbehauenheit aber viel von der Kraft vermittelte, die in den Liedern steckt. Die Franzosen glaubten, einen neuen Ben Harper vor sich zu haben, dessen archaische Folk- und Blues-Melange sie lieben.

Da Patrice in die selbe Richtung zu gehen schien, verkaufte sich «Lions» in Frankreich gut über den Export. Doch als das Debüt «Ancient Spirit» vorlag, gab es eine angenehme Enttäuschung: Patrice ließ sich nicht festlegen. Er entwickelte seinen Stil weiter. Ein Hauch von Blues blieb, ein wenig R’n’B und neuer Soul kam dazu. Doch eigentlich wurzelte «Ancient Spirit» im Reggae. «Ich hätte noch mehr in Frankreich verkaufen können, wenn ich ein Album entsprechend der Erwartungen gemacht hätte», sagt Patrice.

Alles eine Nummer größer

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Aber: «Ich entspreche nie den Erwartungen. Jedes Album soll eine Überraschung sein.» Die ist ihm mit «How do you call it?» gelungen – ohne den Schub, denn der Erfolg in Frankreich brachte, wäre sie aber nicht möglich gewesen. Patrice spielte danach mit dem Weltmusik-Anarcho Manu Chao, heizte für Lauryn Hill an und wurde von Youssou N’Dour zum Festival «Dakar 24» im Senegal eingeladen. Und die Zahl der Kollegen, denen gefiel, was sie hörten, wuchs.

Einige von ihnen spielten auf «How do you call it?» mit, Leute wie die Reggae-Kämpen Glenn Browne und Darryl Thompson, die es nicht mehr nötig haben, «für Geld zu arbeiten. Die machen nur noch, worauf sie Lust haben», sagt Patrice.

So geriet auf dem neuen Album alles eine Nummer größer: Entstand «Ancient Spirit» mit dem Studiotüftler Matthias Arfmann in Hamburg, nahm Patrice nun auf Jamaika, in New York und London auf. Und da Arfmann und er an einem Punkt angekommen waren, «wo jeder seinen eigenen Weg gehen musste», entschied sich Patrice, «dass ich mein Album selbst produziere». Von hinzugezogenen Produzenten wie Russell Elevado (D’Angelo) oder Cameron McVey dagegen konnte Patrice noch viel lernen. Drei Songs etwa schrieb er mit dem Mann, der für Massive Attack gearbeitet hat und staunte nicht schlecht über dessen «Hitfabrik».

«In erster Linie schreibe ich Songs»

Trotz der vielen Beteiligten entstand ein unglaublich geschmeidiges Album, dessen Stärke darin liegt, die unterschiedlichsten Einflüsse elegant zu verbinden. Beseelte Balladen, tiefer, dem Reggae verpflichteter Soul, vor allem aber: großartige Lieder. Die sind für Patrice sowieso das Wichtigste: «Ich sehe es als Singer/Songwriter-Album. Auch wenn einem der Begriff ein bißchen merkwürdig vorkommt. In erster Linie schreibe ich Songs. Ob die dann zu Soul, HipHop oder Reggae werden, ist zweitrangig.»

Patrice: How do you call it? (Yo Mama/EMI)

 
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