netzeitung.deQuarks & Co.: Glück im Polster

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Schön kuschelig: Musik von den Quarks ist typisch für die neue Innerlichkeit (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Schön kuschelig: Musik von den Quarks ist typisch für die neue Innerlichkeit
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Von der Subkultur in die Charts: Neue deutsche Innerlichkeit, Wohnzimmer-Pop, wird massentauglich - der schillerndste kommt immer noch aus Berlin.

«Wir können nicht sein, in dieser Welt sind wir allein, auf uns gestellt. Den Code verloren, wo soll ich hin, mit all den Farben, die ich bin?», singt Jovanka von Willsdorf im mohnroten Kleid, mit Cowboystiefeln und Glitzerkreuz, puppenhaft-lasziv, melancholisch, klug. Die Quarks aus Berlin sind die zarteste Elektro-Popband Deutschlands und der Top Act auf dem Popkomm-Auftaktabend des Szenemagazins «Intro» im Gebäude 9. «Ihr seid das Beste, was diese Scheißhauptstadt je hervorgebracht hat», schreit ein Fan aus der dunklen Menge.

In Zeiten der Krise, der endlosen Coverversionen, der recycelten Altstars und der Eintagshelden, die die Charts anführen, blüht Pop im Verborgenen - bei Independent-Labels wie Homerecords, Kitty-Yo, Bungalow, Ladomat, Kompakt, Morr Musik, Pias oder Monika.

Die großen Plattenfirmen sprechen dagegen vom Pop in der Krise, klagen über zehn Prozent Umsatzverluste im vergangenen Jahr. 2002 wird die Zahl der gebrannten CDs erstmals die der gekauften übersteigen - für die Labels die Hauptursache der Flaute. Doch die ist auch selbstgemacht.

Berlin intim
Zu immer schnelleren Erfolgen gezwungen, starren die großen Plattenfirmen Woche für Woche auf das goldene Kalb, die Single-Charts, und mit einem neidischem Seitenblick auf die Freiheit der Kreativen der Independent-Label, die ihre Käufer treu um sich gescharrt und ihre Künstler aufgebaut haben.

Producer wie Gudrun Gut haben vor fünf Jahren die sogenannte Wohnzimmerpop-Szene in Berlin erst möglich gemacht, die MTV und die Stadtmagazine dann ausriefen.

Die QuarksFoto: Promo
Als ihr 1997 ein Tape der Quarks in die Hände fiel, gründete sie kurzerhand ein Label, nannte es nach ihrem verstorbenen Goldfisch – auch das hat Charme - und brachte unter Monika Enterprises Elektronikbastler wie Barbara Morgenstern oder die Quarks heraus, die sie in Ostberliner Wohnzimmerclubs entdeckte. Vor zwei Jahren waren die Quarks noch Underground, heute werden sie von Sony vertrieben. Der Charme des Provisoriums der Berliner Subkultur ist verflogen. 2Raumwohnung, Paula und die Quarks sind längst aus der Experimentierphase heraus.
Tanzbare Tagebuch-Clips
Denn der neue Betroffenheitspop ist äußerst clubtauglich, sehr tanzbare Tagebuch-Lyrik: «I walk», «Typically me» oder «Good to be» von der neuen Quarks-CD «Trigger me happy» (Gib mir Glück), die neuen Singles «Stadt» von Paula oder «Ich und Elaine» von 2Raumwohnung. In «Ich und Elaine», neu auf Platz acht der deutschsprachigen Singlecharts, singt die frühere Neue-Deutsche-Welle-Frontfrau Inga Humpe über «zwei weibliche Beduinen, die durch die Nacht rasen - wenn sie nicht gerade kreischend unterm Tisch liegen», eine Hymne auf Frauenfreundschaften in wilden Großstadtnächten.

2RaumwohnungFoto: Andrea Stappert/www.2-raumwohnung.de
Die meisten Songs sind kleine Impressionen eines rastlosen Lebens, Durchhaltepoesie für einsame Großstädter, eingängig verpacktes Alltagsleid – und freud einer Generation zwischen 20 und 40, die ihren Platz noch nicht gefunden hat, meist unpolitisch, skizzenhaft. Berend Intelmann und Elke Brauweiler von Paula schreiben traurige Lieder zum Glücklichsein. Inga Humpe und Tommi Eckart von 2raumwohnung komponieren Stücke zum Aufwachen und für den Abend zu Haus, wenn man sich «kartoffelhaufenmäßig mit seinen Freunden auf die schwarze Couch legt».

Titel wie «Wir hängen rum» klingen nach Kokon-Musik, sehr nach dem Wunsch einer Generation, die das Laue liebt, das Risiko scheut, das Extreme vorüberziehen läßt, und die Leidenschaften schon mal aussitzt. Typisch sei die Tugend des Abwehrens, der Wunsch, nicht gemeint zu sein, keine Stellung zu beziehen, schreibt Philippe Garnier in seinem Essay «Über die Lauheit». Wer es lau mag, schätzt das Berechenbare, das Verharren, das Glück im Polster. Er hängt am Kitschigen, am zuerst Geliebten, dann Weg-geschobenen und am Ende zärtlich Zurückgeholten, am Wiederverwerten von Bewährtem.
Sehnsucht nach den 80erLassen die 80er wieder aufleben: MiaFoto: Columbia
Nicht umsonst kommen die Achtziger zurück, musikalisch und modisch, stillen sie doch offensichtlich am besten die Sehnsucht der modernen Nomaden nach Verwurzelung, die leidenschaftlich offen für alles sind, ruhend in nichts. Denn das Leben der ewigen freien Wahl ist ein Leben der ewigen Sehnsucht, die das Bedürfnis nach Überschaubarkeit und Romantik weckt.

Es darf wieder gefühlt, geschmachtet und gelitten werden. «Oben, unten, dunkel, hell, wo klopft wessen Herz, innen, außen, weiß ich nicht – lächelnd kommt ein Schmerz», singt Inga Humpe auf der neuen 2raumwohnung- CD «wirklich sein».

Die neue Innerlichkeit erscheint massentauglich bei Glashaus, Ben, den Comet-Gewinnern Naidoo und Joy Denalane, zuckersüß bei Paula, punkig-wütend bei Mia oder poetisch wie bei Barbara Morgenstern: «Wir auf der Flucht an den Ort, der bleibt und nicht mehr muss in dem Sog, der den Trost verspricht, der in mir wohnt.»

Am zerbrechlichsten wirkt der Blick nach Innen immer noch bei den Quarks, wenn sie «Herz bricht», den traurigsten Liebessong des Sommers, spielen. «Mein Herz sagt komm, mein Mund sagt nein, gut, wieder auf dem Weg zu sein, ich bin nicht mehr bei dir», singt Jovanka von Willsdorf kühl-entrückt.

«Nur mein Herz bricht, wenn ich dich nicht seh, nur mein Herz bricht, und es tut nicht weh.» Bei ihr klingt nicht mal das kitschig.