netzeitung.deMit Tom Waits auf den Jahrmarkt der Skurrilitäten

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Gröhlendes Genie: Tom Waits (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Gröhlendes Genie: Tom Waits
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Vor zwei Jahren erhielt Tom Waits den Grammy für seine «Mule Variations». Am heutigen Montag erscheinen gleich zwei neue Alben des Sängers mit der knorrig-knarzigen Stimme und machen ihm alle Ehre.

«Alice» und «Blood Money» heißen die neuen CDs des 52-jährigen Tom Waits. Doch neu ist an diesen Alben eigentlich nichts. Waits singt so wie immer, die Kompositionen klingen altbekannt. Den Booklets zu den beiden Produktionen entnehmen wir dann auch, dass die Songs von «Alice» bereits vor zehn Jahren entstanden sind und auch «Blood Money» bereits zwei Jahre alt ist.

Doch das soll kein Vorwurf sein. Ganz im Gegenteil, der Tom-Waits-Fan darf sich freuen auf gut 90 Minuten Reibeisen-Gesang. «Alice» etwa geht auf das gleichnamige Musical zurück, das Waits vor zehn Jahren mit dem Regisseur Robert Wilson im Hamburger Thalia Theater uraufführte. «Blood Money» hieß die Zusammenarbeit zwischen Waits und Wilson bei der Musical-Version von Georg Büchners «Woyzeck», die vor anderthalb Jahren in Kopenhagen herauskam.
Nicht im November hören
Waits war und ist der Meister des Raunens, des besoffen klingenden Sprechgesangs, des Dunklen und Düsteren. Vor allem auf «Alice» geht es höchst morbide zu. Das ganze Album klingt überwiegend wie ein alter, trauriger, verregnter Jahrmarkt in den 20er Jahren. So steht etwa der Song «Everything You Can Think» musikalisch ganz in der Tradition von Kurt Weill. Die Wait'sche Todessehnsucht klingt an in «Flowers Grave» oder in «No One Knows I'm Gone».

Cover der Tom Waits Platte Alice' Foto: Promo
«Alice» ist daher kein Album für einen Novemberabend, an dem man darüber nachsinnt, warum einen die Frau oder die Freundin verlassen hat, das Kafka-Buch schon fast durchgelesen ist und die dritte Rotwein-Flasche geleert ist. Da könnte «Alice» dann schnell zum suizidalen Tropfen, der das Lebens-Fass zum Überlaufen bringt, werden.

Doch jetzt ist Frühling und da macht es Spaß, sich auf skurrile Typen wie «Poor Edward» oder «Table Top Joe» einzulassen. Mit «I'm Still Here» hat der Sänger,
Musiker und Komponist zusammen mit seiner Frau Kathleen Brennan, zudem einen ungemein schönen Liebessong geschrieben. Alle Songs auf beiden Platten
stammen von dem seit zwanzig Jahren verheirateten Paar.

Waits zieht alle Register als Texter
«Alice» ist von beiden Produktionen, die, wenn man das bei Waits stets besoffen und meist gröhlend klingenden Songs so sagen kann, das schönere Album. Vielleicht ist es auch einfach nicht ratsam, beide CDs direkt hinter einander zu hören. Dann wird selbst der kreativste Waits-Titel doch irgendwann nervig.

Cover der Tom Waits Platte 'Blood Money' Foto: Promo
Doch auch auf «Blood Money» gibt es zweifelsohne wunderschöne Melodien. So ist «All the World is Green» mindestens so romantisch, wie der Titel «Fish & Bird» auf «Alice», in dem Waits zum ungemein anrührenden Märchenerzähler wird. In «All the World is Green» zieht Waits seine wunderschönen Texter-Register, um seine Liebe zu einer Frau zu erklären.

«Alice» und «Blood Money» sind insgesamt wunderschöne Produktionen, auf die der Waits-Fan nicht verzichten kann, und die den Nicht-Waits-Fan durchaus zu einem werden lassen könnten. Und vielleicht gelingt Waits, wie bei «Mule Variations» vor zwei Jahren, wieder ein Verkaufs-Hit. Damals belegte er in Deutschland immerhin Platz 4 und war 18 Wochen in den Charts.