13.06.2001
Herausgeber: netzeitung.de
Travis
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Keine Angst, es sind nur die kleinen Brüder der bösen Britpopper: «The Invisible Band» von Travis ist das Manifest zur neuen britischen Innerlichkeit.
BERLIN. Gewöhnlich regnet es in Schottland. Und der Schotte, von verzweifelten Touristen nach den Aussichten befragt, wird seltsam lächelnd sagen: «It comes up.» Es wird schon wieder werden, soll das heißen - und er weiß, dass das nicht stimmt.
«Why Does It Always Rain On Me» ist so ein Lied. Man muss Fran Healy dabei sehen, wie er singt und strahlt, während die Mädchen vor der Bühne rituell die Regenschirme öffnen. Irgendwie ist es eben immer so, auch im allerschönsten Sonnenschein. «Warum stehe ich immer im Regen? Weil ich mit 17 einmal gelogen habe?», fragt er weiter. Das ist schottischer Humor.
Freundlicher FolkrockAn einem Frühlingsabend sitzt Fran Healy, Kunststudent und Songschreiber aus Glasgow, im Büro der Plattenfirma in Berlin und stellt das dritte
Album seiner Gruppe Travis vor. Der Himmel: wolkenlos. Das Album: kalifornisch inspirierter Folkrock. «Wir waren vier Wochen in Los Angeles, um diese Platte aufzunehmen. Es war jeden Tag bedeckt», sagt er und meint das dann plötzlich gar nicht komisch. Ihm eilt der Ruf voraus, ein einnehmend freundlicher Mensch zu sein. Und er ist ein einnehmend freundlicher Mensch mit einer Art blondiertem Irokesenkämmchen auf dem Kopf. Der Sänger ähnelt auf gewisse Weise seinen Songs.
Musik gegen den Britpop-Kater«Lieder für einfache Leute», sagt Healy. Es sind Lieder, die bei all ihrer schlichten Schönheit immer etwas leicht Verschrobenes haben. Das macht Travis
zu den Anführern einer Bewegung, die in Großbritannien Bands wie Blur, Oasis oder Pulp als Chartstürmer abgelöst hat. Travis, Coldplay oder Elbow machen Songs. Sie werfen keine Fernseher auf die Straße, und sie gehen keine kurzen Ehen ein mit Fernsehstars. Sie spielen die Musik gegen den Kater von den BritPop- und New Labour-Parties. Einfach nur Musik, ein bisschen traurig, etwas fröhlich. Nur die Yellow Press verzweifelt an den Burschen, die mit 27 noch wie schüchtern lächelnde Pennäler wirken. Das Debüt von Travis hieß «Good Feeling», dann «The Man Who», der 99er Megaseller. Und nun «The Invisible Band».
Brief an die FansDie unsichtbare Band posiert auf einem Suchbild-Cover, und man sieht die Musiker vor lauter Bäumen kaum. «Die Künstler sind die Briefträger», sagt Healy. «Und die Songs sind Briefe an die Fans.» Natürlich grinst er, wenn er solche Sachen sagt. Nicht, weil es nicht die Wahrheit wäre, sondern weil er weiß, wie sonderbar das klingt. So trägt er auch die Lieder vor und singt: «Die Welt ist ein kleines Kind im Dunkeln. »Sing« heißen die Lieder, »Side« und »Safe«. Gitarre, Banjo, Bass und Schlagzeug, hin und wieder ein entrückter kleiner Klang aus einem Mellotron. Fran Healy singt »Be not afraid«. Das ist, als wenn man einen Schotten nach dem Wetter fragt.
Travis: The Invisible Band (Independiente/Epic/Sony)