23.05.2001
Herausgeber: netzeitung.de
Live gut in Fahrt SEEED
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Live heizte die 11-köpfige Dub-Reggae-Band SEEED auch bei der R.E.M.-Tour ein. Doch derlei Unterstützung hat die Berliner Formation gar nicht mehr nötig.
BERLIN. Reggae dürfte das Ding des Sommers werden. Acts wie Jan Delay, Patrice und Absolute Beginner werden hierzulande gehypt wie nie, und die starke Dancehall-Partyszene in Städten wie Hamburg und Berlin wartet ohnedies ungeduldig auf Nachschub. Entsprechend erfolgreich klettert SEEEDs fette, groovige Berlinhymne «Dickes B.» derzeit die deutschen Singlecharts steil nach oben.
Dancehall mit deutschen TextenEiner der Gründe, warum die dritte Veröffentlichung der 11-köpfigen Sub-Dub-Reggae-Band so gut einschlägt, ist wohl ihr ungewöhnlicher Ansatz. Für ihren «digitalen Dancehall der Jetztzeit» (Intro) paaren sie gekonnt englische mit deutschen Texten. Und das hört sich dann etwa so an: «Dickes B, Home an der Spree, im Sommer tust du gut und im Winter tut´s weh, Mama Berlin, Backstein und Benzin, wir lieben deinen Duft, wenn wir um die Häuser ziehn».
Eigenwillig ist die Berliner Reggae- und Dancehall-Formation auch sonst. Glücklicherweise, so ein «Radio
Fritz»-Kritiker, spielen sie keinen Reggae, der jamaikanischer sein will als der von den Jamaikanern: «SEEED spielen ihre eigene Mischung, buntgestreut und quergesäht durch 40 Jahre Reggae-Geschichte. So finden sich in ihren Songs Ska- und Rocksteady-Elemente genauso wieder wie Dub, Roots-Reggae und Dancehall-Einflüsse». Eine Mixtur, die da anfängt, wo Off-Beat-Spaß-Combos à la Madness sonst immer aufhören.
Videodreh im Berliner UntergrundRelaxte Grooves fabriziert das Groß-Projekt bereits seit dem Sommer 1998. Damals lernten sich die SEEED-Macher MCs Enuff, Eased und Ear (aka Demba, Allessa und Pierre) beim Berliner Multi-Kulti-Projekt Yaam! kennen. Drei Jahre später ist ihr Clip zur aktuellen Single, gefilmt unter anderem in einem schmucklosen Berliner U-Bahnhof, bei MTV Deutschland bereits in Heavy Rotation.
Ursprünglich, so der heimliche Frontmann, Songwriter und Produzent Pierre Baigorry, sollten alle Beteiligten als fahrender Umzug wie einer altehrwürdige Marching Band durch die Straßen ziehen: «Wir wollten ein mobiles Reggae-Einsatzkommando sein. Etwa ein Dutzend Leute sollten einen Wagen mit fetter Dub-Musik hinter sich her bugsieren». An eine Platte war zuerst nicht gedacht so die in die Notizbücher und Laptops der Journalisten diktierte Legende.
Majordeal und namhafte VerehrerWie auch immer. Mittlerweile ist die Band, die zahlenmäßig eine Fußballmannschaft ohne Ersatzspieler stellen könnte (und dies, soweit Zeit
bleibt, angeblich auch gerne tut) bei einem großen Label unter Vertrag. Und es geht noch eine Nummer größer: SEEED, die bereits bei Buju Banton und der Asian Dub Foundation als Vorgruppe viel Lob ernteten, traten auch bei R.E.M.s einzigem Europa-Konzert auf. Zwar habe, so Pierre, das «Rockpublikum gebraucht», um mit ihren mit Ska und HipHop gemischten Klängen «warm zu werden, aber am Ende war die Stimmung sehr gut».
R.E.M. selbst waren so begeistert, dass sie die Berliner Stimmungsmacher auch als Support für ihre nächste Europa-Tour einluden. Die hoffen unterdessen, dass sie derlei Unterstützung bald «nicht mehr nötig» haben. Womit sie durchaus Recht haben könnten. Denn mittlerweile hat sich nicht nur in der Hauptstadt herumgesprochen, dass die Sub-Dub-Reggae-Band die beste Livecombo des Landes ist.
Erster Longseller und Open-Air-AuftritteEntsprechend begehrt waren die Tickets der natürlich in Berlin abgehaltenen Record-Release-Party zur Feier des ersten Longsellers «New Dubby Conquerors». Zwar verzögerte sich der Einlass aus «ungeklärten» Gründen um knapp drei Stunden, doch später wurde begeistert geschwitzt, gehüpft und mitgetoastet. Ein ebenso ungewohntes wie schönes Bild in deutschen Konzerthallen, das bei der anstehenden Festival-Tour auch unter freiem Himmel Schule machen dürfte.
Das Album: SEEED New Dubby Conquerors wea records
Die Tour: noch bis zum 25. August