netzeitung.deDie Söhne Stammheims

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Jan Delay alias Jan Eißfeldt (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Jan Delay alias Jan Eißfeldt
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Sehnsucht nach ein bisschen Rebellentum: Die Hamburger Rapper Jan Delay und Denyo77 kokettieren mit dem Geist der RAF - das passt gut zum neuen «Radical Chic».

BERLIN. Vielleicht fing alles damit an, dass sich Jan Eißfeldt fragte, wer denn dieser Buback war. Im «Buback-Tower» von Eimsbüttel, Hamburg, residert die Firma, die Jan Eißfeldt führt. Sein Label Buback Records bringt die Platten der begehrten jungen Hanse-Rapper auf den Markt. Von Eißfeldt selbst unter den Namen Jan Delay, Spliff Richard oder Mario Bassler. Oder Stücke seiner Freunde DJ Mad und Dennis Lisk, dem Rest der Absoluten Beginner. Deren meist verkauftes Album hieß «Bambule». Wie der Film Ulrike Meinhofs damals in den frühen 70ern.
Radikal ist chic
Nun sorgen Lisk und Eißfeldt, diesmal als Denyo77 und als Jan Delay, für etwas Aufregung im deutschen Popgeschäft. Vor allem Jan Delay bekräftigt, dass sich hinter «Buback» und «Bambule» mehr verbirgt als ein versehentliches Zeichenspiel. Der Song, der die Gespenster seiner Babyjahre nicht zur Ruhe kommen lässt, heißt «Söhne Stammheims»: «Nun kämpfen die Menschen/ Nur noch für Hunde und Benzin/ Folgen Jürgen und Zlatko/ Aber nicht mehr Baader und Ensslin.» Delay tritt auf im Tarnanzug mit Spielzeugwaffe und vermummt. Der Radical Chic ersetzt die Nikes und die gürtellosen Beuteljeans.

Zum Hit «Ich will nicht, dass ihr meine Lieder singt» bewegt sich Jan Delay derart maskiert im Kölner Karneval. Die Hülle seines Albums zeigt das Foto

einer Straßenschlacht, er nennt die Platte «Searching For The Jan Soul Rebels». Auch dies erinnert an die alte Zeit. An 1980 sowie Dexys Midnight Runners, und im Reggae Dub von Jan Delay kehrt noch einmal der Geist des Punk zurück. Nur heute losgelöst vom allgemein eher ironiebeseelten Geist der Gegenwart. Die Feindbilder sind unscharf und verblasst, RTL2 hat heute weniger mit «Bild» Ende der 60er gemein.
Sehnsucht nach Rebellentum
Denyos Soloalbum «Minidisco», musikalisch die wohl reifste deutsche HipHop-Platte überhaupt, beschränkt sich auf beherztes «Nazi, Nazi!»-Rappen und Sirenen aus dem Off. Aber so rührend und nostalgisch dieser Zorn auch klingen mag, zu spüren ist die Sehnsucht nach Rebellentum und Existentialismus. Nach elitärer Radikalität, die Eißfeldt, Lisk und alle «Buback»-Stars so gern bewahren würden. Buback Records sei die revolutionäre Zelle innerhalb der deutschen Plattenindustrie. Aber die Zeiten ändern sich: «Ich will nicht, dass ihr meine Lieder singt», ist auf dem Weg zum Sommerhit 2001, das Lied zum neuen Tarnanzug. Denn Stadtguerilla ist jetzt jeder, irgendwie.

Jan Delay: Searching For The Jan Soul Rebels (Buback/Groove Attack/Universal)
Denyo77: Minidisco (Buback/Motor/Universal)


Für das Web ediert von Michael Pilz