Eurovision Song Contest 2009: 

netzeitung.de«Sieg von Patricia Kaas würde Contest gut tun»

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Deutsche Hoffnung Oscar Loya (Foto: EBU<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Deutsche Hoffnung Oscar Loya
Foto: EBU
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Am Dienstagabend startet mit dem ersten Halbfinale der Grand Prix in Moskau. Die Netzeitung sprach vor Ort mit dem Präsidenten des deutschen Fanclubs ECG über schrille Beiträge und mögliche 12 Punkte für Deutschland aus Spanien.

Netzeitung: Moskau hat im Vorfeld damit geworben, man wolle einen Grand Prix auf die Beine stellen, der sich mit der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele messen lassen kann. Herr Sonneck, wird das Versprechen eingelöst?

Michael Sonneck: Hier ist natürlich alles riesig. Die Willkommensgala am Sonntag hatte gigantische Ausmaße. Die Halle hatte den Umfang eines Fußballfeldes, mit einem ellenlangen roten Teppich davor, auf dem der Einmarsch der Nationen stattfand. Wobei ich sagen muss: Groß ist nicht automatisch auch immer besonders gut. Ich bin seit 2000 jedes Jahr vor Ort und kann da gut vergleichen, und es gab durchaus schönere Empfänge.

Netzeitung: Die Bühne ist deutlich größer als 2008 in Belgrad oder 2007 in Helsinki. Ist der ESC in Moskau überdimensioniert?

Sonneck: Die Bühne ist erstmals nicht an der Querseite der Halle installiert, sondern umfasst eine ganze Längsseite. Aber sie ist ein Traum: Sie bietet mit den großen Bildschirmen und den Leinwänden im Hintergrund den Ländern viele Möglichkeiten, mit Effekten zu spielen. Inwieweit auch der Fernsehzuschauer zuhause die Dimensionen erfassen kann, muss man sehen.

Netzeitung: Die Zeit der Proben ist vorbei, jetzt beginnt das Festival. Dabei steht ja oft auch das Schrille im Blick. Was können die Zuschauer an Skurrilem erwarten?

Sonneck: Ausgesprochene Comedy-Nummern, wie etwa letztes Jahr den singenden Truthahn aus Irland, gibt es in diesem Jahr gar nicht. Das einzige, was ein bisschen in Richtung Comedy geht, ist der serbische Beitrag, in dem ein Schuh besungen wird. Das ist ganz witzig gemacht. Die anderen Beiträge sind dagegen wirklich «ernst gemeint». Aber es sind durchaus effektvoll inszenierte Sachen dabei. Da kann man sich schon auf einiges freuen, mit bunten Bühnenbildern im Hintergrund und tollen Farbeffekten. Das wird am Bildschirm sicher eine Augenweide werden.

«Oscar singt und tanzt sehr gut»
Netzeitung: In den vergangenen Jahren wollte eine ganze Reihe von Ländern mit ausgefallenen Bühnenshows punkten: mit großen Aufbauten, mit Pyrotechnik und ähnlichem. Was wird da dieses Jahr geboten?

Sonneck: Da ist in erster Linie wieder die Ukraine zu nennen. Sie hat in den letzten Jahren ja meist etwas Spektakuläres auf die Bühne gebracht – man muss nur mal an die Siegerin von 2004, Ruslana, denken. Dieses Mal bietet Svetlana Loboda eine sehr aufwändige Show, mit großen Rädern und anderen Effekten. Meinen Geschmack trifft das überhaupt nicht, ich finde, weniger ist manchmal mehr. Aber die kosten das voll aus. Als Gegensatz dazu gibt es Balladen, die sehr, sehr stilvoll und ruhig, aber trotzdem faszinierend inszeniert sind. Und diejenige, die überhaupt keine Inszenierung braucht, sondern einfach auf der Bühne steht und toll singt, ist Patricia Kaas aus Frankreich.

Netzeitung: Mit Spannung wird hierzulande die Gruppe Alex Swings, Oscar Sings erwartet, zumal viele die bisherigen Auftritte im deutschen Fernsehen nicht sehr überzeugend fanden. Wie fällt das Urteil nach den Proben aus?

Sonneck: Ich gehörte im Vorfeld auch zu den großen Kritikern des deutschen Beitrags. Die erste Probe hier hat mich auch nicht überzeugt – die Delegation räumte anschließend aber ein, dass da vieles nicht funktioniert hat. Die zweite Probe hat mich dagegen umgehauen, Oscar singt und tanzt sehr gut. Gegen Ende des Liedes soll die Burlesque-Tänzerin Dita von Teese auf einem Kussmund rodeoreiten, damit kann ich mich noch nicht so recht anfreunden. Aber alles in allem eine sehr gute Show.

Was mich überrascht hat: Zwei Reihen vor uns in der Halle saßen spanische Fans und Journalisten, die beim deutschen Beitrag ausgerastet sind. Das mag vielleicht damit zusammenhängen, dass Alex und Oscar eine spanische Version aufgenommen haben und im spanischen Fernsehen aufgetreten sind. Auch auf der Eröffnungsparty am Sonntag waren sie von spanischen Kamerateams umlagert. Vielleicht bekommen wir ja 12 Punkte aus Spanien.
Homosexualität der meisten Fans kein Thema
Netzeitung: Wie präsent ist der Grand Prix in der Stadt – wird für die Veranstaltung geworben, oder bekommt der normale Moskowiter davon gar nichts mit?

Sonneck: Doch. Die Straßen sind mit Plakaten gesäumt, auch an den Bushaltestellen wird dafür groß geworben. Inwieweit das bei der Bevölkerung ankommt und wahrgenommen wird, kann ich allerdings nur schwer beurteilen. Wir sind fast die ganze Zeit im Pressezentrum und berichten für unseren Verein über die Proben und Vorbereitungen, da hat man kaum Gelegenheit, die Stadt zu erkunden und mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen.

Netzeitung: Für den Grand Prix begeistern sich vor allem homosexuelle Fans, am Samstag soll es auch eine Schwulen-Parade in Moskau geben. Nun ist Russland nicht gerade als schwulenfreundlich bekannt. Gab es da bisher Probleme?

Sonneck: In einer Pressekonferenz wurde Patricia Kaas gefragt, was sie davon hält, aber sie fühlte sich von dieser Frage offenbar ein wenig überrumpelt und antwortete nur, jeder solle sich amüsieren, wie er will. Ansonsten spielte das Thema hier bisher kaum eine Rolle.

Netzeitung: Deutschland schickt einen bisher hierzulande unbekannten US-Musicalsänger, doch andere Länder warten mit illustren Namen auf: Patricia Kaas und Andrew Lloyd Webber sind ja auch Nichtfans bekannt. Wertet das Ihrer Meinung nach den Song Contest auf und gibt ihm neuen Schwung?

Sonneck: Ich finde es fast schon eine Sensation, dass Patricia Kaas für Frankreich antritt. Das tut dem Wettbewerb sehr gut. Es würde ihm am besten tun, wenn sie am Samstag auch gewinnen würde. Denn das hätte eine Signalwirkung an bekannte Namen auch in anderen Ländern – hoffentlich auch in Deutschland – auch einmal mitzumachen.

Was die angesprochene Bekanntheit von Oscar Loya betrifft: Die andere Hälfte des Duos, Alex C., ist schon bekannt und sehr populär, vor allem in Osteuropa. Das haben wir auch bei der Eröffnungsparty festgestellt, wo er nach dem offiziellen Teil als DJ aufgelegt hat. Die russischen Gäste waren begeistert. Also muss man festhalten: Ein durchaus erfolgreicher Produzent ist für Deutschland am Start, und das ist doch auch schon mal etwas. Natürlich wäre uns ein Vorentscheid lieber gewesen, aber wir hatten die letzten drei Jahre Vorentscheide, und bekanntlich mit sehr mäßigem Erfolg.
Patricia, das «Dark Horse»
Netzeitung: Unter deutschen Fans wird viel über die Wiedereinführung der Juries diskutiert, von Entdemokratisierung ist die Rede. Wird das in anderen Ländern ähnlich kontrovers besprochen?

Sonneck: Was ich so mitbekomme, wird das hier nicht besonders diskutiert. Die meisten sind gespannt, was dabei herauskommt, und wollen diesem Verfahren – also Televoting und Juries fließen zu je 50 Prozent ein – einfach eine Chance geben. Die EBU wagt das Experiment zu Recht. Sicher: Als es noch kein Televoting gab, haben wir immer über die Juries geschimpft, aber in den letzten Jahren hat sich leider herausgestellt, dass das Televoting auch nicht das Gelbe vom Ei ist. Da gibt es Nachbarschafts- und Diasporavoting, also viele Stimmen von ins Ausland Ausgewanderten, die dann für ihr Land anrufen.

Man muss auch betonen: Heute sitzen Musikprofis in den Juries – Musikproduzenten und andere Leute, die Ahnung vom Showgeschäft haben. Früher waren das zum Teil Laien. Jetzt beurteilen also Experten mit. Man wird sehen, ob sich das neue Verfahren bewährt, für ein wenig Ausgleich zu sorgen. Wenn nicht, wird man sicherlich zum alten zurückkehren oder wieder etwas ganz Neues erfindet. Der Wettbewerb lebt ja auch davon, dass man immer mal wieder etwas Neues ausprobiert.

Netzeitung: Zum Schluss: Wer wird Ihrer Einschätzung nach am Samstag gewinnen?

Sonneck: In allen Prognosen, bei Wettbüros und auch in der Wertung unserer Vereinsmitglieder führte bislang Norwegen, und zwar haushoch. Mir sind da in den letzten Tagen ein bisschen Zweifel gekommen. Beim internen Pressevoting wurde Norwegen teils von Aserbaidschan überholt, und es werden inzwischen auch ein paar weitere Namen gehandelt: Bosnien-Herzegowina zum Beispiel, das eine sehr effektvolle Inszenierung eines wirklich schönen Liedes bietet... und... natürlich sagen viele schon: Frankreich.

Netzeitung:Patricia Kaas, das «Dark Horse» 2009?

Sonneck: Ja, durchaus. Seit ich sie in den Proben gesehen habe, bin ich hin und weg. Hinter mir in den Reihen wurde geweint, ich habe versucht, mich zu beherrschen, aber es war wirklich Gänsehaut pur. Und zwar mit geringen Mitteln, sie stellt sich einfach auf die Bühne, hauptsächlich werden ihr Gesicht und ihre Mimik gezeigt. Wenn sie singt, geht es einem durch und durch. Aber wie das so ist beim Contest: Meistens kommt alles ganz anders.

Mit Michael Sonneck sprach Matthias Breitinger.