Grand Prix in Moskau: 

netzeitung.deMit Geiger-Zähler zum Song Contest

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Eine Geige von vielen: Der Norweger Alexander Rybak fiedelt in Moskau (Foto: EBU<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Eine Geige von vielen: Der Norweger Alexander Rybak fiedelt in Moskau
Foto: EBU
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Grand Prix ist ein Wettbewerb mit vielen Ritualen. Die Diskussion um Punktevergabe unter Nachbarn gehört genauso dazu wie das bunte Interpreten-Spektrum. Giuseppe Pitronaci hat sich angesehen, wem man 2009 die Daumen drücken kann.

Kinder machen oft das Sofa zur Bühne und den Bleistift zum Mikro. Im Kopf die Auftritte der Vorbilder, der Stars aus Fernsehen und Internet. Kinder wandeln diese Auftritte um und werden so selbst zum Star – wenn auch nur in der Phantasie. Erwachsene Kinder können wir jedes Jahr beim Eurovision Song Contest erleben. Sie ahmen auch nach – ein paar Dinge, die auffällig waren beim Vorjahres-Sieger. In der Erwartung, auch den Erfolg zu imitieren.

Im Jahr 2003 gewann die türkische Sängerin Sertab Erener mit Tänzerinnen, die in kunstvoller Choreographie Stoff-Bänder an Ereners Kleid entfalteten. In den darauffolgenden Jahren konnten wir beim Song Contest öfters Verwicklungen mit Sängern, Tänzern und Stoffbändern sehen. 2004 gewann Ruslana mit erdverbundenem Rhythmus-Gewumme. Prompt war der Song Contest 2005 auffällig trommel-lastig.
Geigen und Erotik
So ist in diesem Jahr mit ein paar Milchbubis zu rechnen, die ihre glatte Brust enthüllen, Sporteinlagen und Geigen würden uns auch nicht überraschen – das waren Elemente, mit denen der siegende Russe Dima Bilan 2008 seinen Auftritt schmücken zu müssen glaubte. Ein prüfender Blick auf die offizielle Homepage des Eurovision Song Contest, wo die diesjährigen Wettbewerbs-Teilnehmer in Vorab-Videos zu sehen sind.

Und voilà: Geigen in Massen, und auch an offenen Hemden mangelt es nicht, zum Beispiel beim belang- wie chancenlosen deutschen Beitrag. Zu befürchten steht, dass einige Teilnehmer das mit dem offenen Hemd zu toppen versuchen, mit vordergründiger bis vermeintlicher Erotik. Besonders ein Video lässt einen derartigen Trend erahnen: Die Ukraine will wohl ihre öde Disco-Glitzer-Lady-Nummer vom letzten Jahr steigern mit noch mehr nackter Haut und provokanten Sex-Signalen.
Spektrum aus Pop, Pomp und Spannung
Zum Glück gibt es genug Teilnehmer, die sich an traditionelle Song-Contest-Muster halten. Es gibt stimmgewaltige Frauen, die rechtzeitig im letzten Achtel ihrer Ballade die Arme heben. Osteuropäische Ethno-Discopop-Nummern à la «Wir verknüpfen moderne Beats mit unserer Tradition». Wehmütigen Pop-Folk. Kalkulierte Mitsing-Nummern. Schnuckelige Männer mit klebrigen Gel-Frisuren. Songs mit Friedensbotschaft. Unverbrauchte Melodien und fade Nachmache. Also das ganze Spektrum. Es wird wieder ein Abend im Zeichen von Pop, Pomp und Spannung sein.

Besagte Videos der Homepage aber fließen nicht in die Bewertung ein. Schade für die Finnen. In ihrem Video sehen wir den Sänger als reglosen Obdachlosen auf nassem Nacht-Asphalt. Menschen und Autos ignorieren ihn, während er fast versteinert in die Kamera blickt und vom Niedergang singt. Eine moderne Interpretation von Hans-Christian Andersens «Mädchen mit den Schwefelhölzern» – zu stampfendem Disco-Beat mit Ohrwurm-Refrain.


Mal sehen, ob der Bühnenauftritt ähnlich originell wird. Schließlich ist im Zeitalter von Video-Clips und iPhones der Drei-Minuten-Auftritt auf der Bühne ein Relikt – aus Zeiten, in denen es reichte, dass ein Sänger reglos vor Publikum stand, hin und wieder seine Hand zum Mikro hob und einfach nur sang.

Beim Grand-Prix-Auftritt von heute muss man mit allem rechnen: Feuerkanonen, Slapstick, Hochleistungssport. Da bekommt der diesjährige portugiesische Beitrag einen besonderen Charme: Die Musiker tragen Polo-Shirts, die Sängerin deutet Tanz-Schritte an. Dazu eingängige Folk-Töne. Ergreifend einfach und ohne Aussicht auf Erfolg.

So werden einige unserer Lieblingssongs schon im Vorentscheid ausfallen, andere kommen vielleicht unter die Spitzenreiter. Dazu könnte dieses Jahr ein Stück mit Geige gehören. Der Norweger Alexander Rybak spielt sie, dazu singt er von märchenhafter Liebe – mitreißend, anrührend, selbstkomponiert. Und sein Hemd lässt er zu.