Ein Lied in der Endlosschleife: 

netzeitung.deDie unendliche Geschichte von «Last Christmas»

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George Michael und Andrew Ridgeley waren Wham! (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe George Michael und Andrew Ridgeley waren Wham!
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

George Michael veröffentlichte 1984 den ultimativen Weihnachts-Song. Seitdem leidet nicht nur er selbst unter dem Schmachtfetzen. Mittlerweile ist «Last Christmas» profitabel wie nie - und sollte eigentlich anders heißen. Mit Video.

Warum nur ist George Michael scheinbar so unglücklich, dass er sich inzwischen regelmäßig stark narkotisiert am Steuer seines Autos erwischen lässt? Eigentlich müsste er ein überaus glücklicher Zeitgenosse sein, denn ihm gelang schon im Alter von 22 Jahren das Kunststück, von dem die meisten seiner Popstarkollegen eine Karriere lang träumen: Michael machte sich mit der Herzschmerzballade «Last Christmas» unsterblich.

Arbeiten müsste er eigentlich nicht mehr, denn sein erstmals am 15. Dezember 1984 veröffentlichter Weihnachtsdauerbrenner spielt seit inzwischen 24 Jahren Winter für Winter Saläre ein, die ihm weit mehr als das alljährliche Restaurieren seines ewigen Perlweißlächelns sichern dürften. Mit bis zu 500 Radioeinsätzen täglich zwischen Mitte November und Heiligabend alleine in Deutschland, was dem Song seit knapp einem Vierteljahrhundert immer wiederkehrende Top-Fünf-Platzierungen in den Airplay-Charts sichert und der alljährlichen Neuveröffentlichung seines ultimativen Popsongs als Single, der es 2007 sogar wieder in die Top Fünf der deutschen Singles-Charts schaffte, klingeln die Glocken im Hause Michael nach jedem Jahreswechsel zuckersüß.

Ach, das Image
Vielleicht ein wenig zu süß, denn der Mann, der sich im Videoclip zu eben jenem Hit mit Lady-Diana-Gedächtnisfrisur ins kollektive Bewusstsein einbrannte, möchte gerne als ernsthafter Künstler identifiziert werden. Aber wer denkt bei der Nennung seines Namens schon an George-Michael-Songs wie «Older» oder «Jesus To A Child»? «Last Christmas» ist und bleibt trotz aller Distanzierungsversuche des Engländers die Identifikationsnummer des George Michael. Im nächsten Jahr wird sie 25 Jahre alt und damit für kollektives Schrecken bei allen Mittdreißigern und Mittvierzigern sorgen. Schließlich schafft das Bewusstwerden des eigenen Alterungsprozesses nichts so plakativ wie das Jubiläum eines Popsongs, zu dem man bereits vor einem halben Jahrhundert in Glückseligkeit taumelte. Was aber macht «Last Christmas» eigentlich so unsterblich und zu einer derart sicheren Beschallungsbank jedes Weihnachtsmarktes?

Weihnachtslieder gab und gibt es schließlich nicht nur von seichten Popacts wie Michaels damaligem Duo Wham, sondern auch von Queen, John Lennon, Paul McCartney und Frankie Goes To Hollywood - so penetrant und erfolgreich wie Glühweinstände hielt sich allerdings nur «Last Christmas». Dessen Melodieführung ist eingängig und einfach, der simpel getaktete Rhythmus mit den Schneeglöckchen und die kinderliedgerechte Synthesizerlinie stehen nicht für ausgebuffte Komponistentaktiererei.

Eigentlich sollte das Lied «Last Easter» heißen
Das können sie auch gar nicht sein, denn «Last Christmas» war ursprünglich von Michael gar nicht als Weihnachtslied geplant worden, sondern sollte eigentlich «Last Easter» heißen und zu Ostern 1985 veröffentlicht werden. Auf das Insistieren seiner Plattenfirma hin wurde in Windeseile ein modernes Winter-Weihnachtsmärchen daraus. Möglicherweise ist es jene Unbekümmertheit, die dem Song seine Dauerpräsenz schuf. Ganz sicher aber ist es auch jene Textzeile, die eine gescheiterte Liebesbeziehung aus dem Vorjahr beschreibt. «Last christmas I gave you my heart, but the very next day you gave it away. This year to save me from tears, I'll give it to someone special», schmachtet George Michael im Refrain. Die Raffinesse hinter diesen Allerweltsreimen auch nach 24 Jahren Dauerpräsenz in Endlosschleifenmanier nicht wegzureden.

Alleine durch die Suggestion, dass ihn, den Sänger, das Schicksal des Herzensbruchs im letzten Winter widerfahren sei, sorgt für Zeitlosigkeit, weil es weder das Jahr 1984 noch 2008 benennt - es geht immer um das Vorjahr. Ob die skizzierte Unbarmherzigkeit der verflossenen Liebe zu Ostern oder zu Weihnachten stattfindet, ist dabei eigentlich egal. Schmerzen und deren Erlösungswünsche lassen sich zu allen christlichen Festen wunderbar potenzieren. Und so wünscht man sich Jahr für Jahr, «das Fest der Liebe» möge das individuelle Schicksal genauso allgemeingültig darstellen wie im Videoclip aus dem Jahr 1984. Mit dem ausgelassenem Tummeln im Schnee, den schmachtenden Flirtblicken und der geschenkten Brosche vom Angebeteten.

Jubiläum im nächsten Jahr
Die Selbsterneuerung wird «Last Christmas» ziemlich sicher also auch zum 25. Jubiläum im nächsten Jahr gelingen. Nur einer wird dabei, wie bereits in den vergangenen 24 Jahren, leer ausgehen. George Michaels ehemaliger Partner bei Wham, unter deren Bandnamen «Last Christmas» seinerzeit erschien, wird trotz Schmachtblicks vom Cover der alljährlich wieder aufgelegten CD, keinen müden Cent vom Erlös des Evergreens sehen. Entgegen aller anders lautenden Gerüchte beteiligte der alleinige «Last Christmas»-Songwriter George Michael seinen früheren Bühnenpartner Andrew Ridgley nämlich nie an der Tantiemenausschüttung seines Weihnachtsliedes. Die gewann im Laufe der Jahre zusätzliche Größe weil inzwischen unzählige Coverversionen der Nummer existieren.

Die Backstreet Boys, Ashley Tisdale, Crazy Frog, The Boss Hoss, Travis und sogar die deutsche Indie-Band Madsen versuchten sich an eigenen Versionen des Klassikers. An den Erfolg vom Original konnte freilich niemand anknüpfen. Aber was heißt schon Original bei einem Song, dessen Melodieführung dem Barry Manilow-Song «Can't Smile Without You» scheinbar soweit gleicht, dass ein außergerichtlicher Vergleich zwischen den Anwälten Michaels und Manilows bereits in den 80er Jahren geschlossen worden war? Dessen ungenannter Geldtransfer ging übrigens an den von Bob Geldof initiierten «Band Aid»-Trust, der mit seiner «Do They Know It's Christmas»-Single den einzigen Triumph vereitelte, der «Last Christmas» bislang verwehrt blieb - die Nummer Eins-Platzierung in England. Aber das dürfte sicher nicht die Ursache für George Michaels scheinbares Unglück sein. (Von Michael Loesl/AP)


Video zu «Last Christmas» via YouTube